heute in hamburg

„Beuys hat den Widerspruch akzeptiert“

Foto: dpa

Andres Veiel, 58, ist Autor diverser Bücher, Filme und Stücke, darunter „Der Kick“ und „Black Box BRD“.

Interview Gernot Knödler

taz: Herr Veiel, träumen Sie von Joseph Beuys?

Andres Veiel: In diesen zwei Jahren, in denen ich intensiv gearbeitet und geschnitten habe, ist er mir immer wieder in Träumen erschienen – sehr heftig, weil er interveniert hat, mir Fragen gestellt hat und ich ihm Fragen gestellt habe.

Sie haben für Ihren Dokumentarfilm 3.000 Fotos gesichtet und 400 Stunden Film gesehen. Das muss wahnsinnig anstrengend gewesen sein.

Aber auch sehr bereichernd, weil ich Beuys immer wieder neu entdeckt habe, in Widersprüchen. Er ist wie ein Hase: Immer, wenn man glaubt, man hat ihn verstanden, schlägt er einen Haken und taucht ganz woanders auf. Das liegt auch an seinem Humor: Er war auf der einen Seite jemand, der sehr stark Botschaften gesendet hat und von einem Menschen überzeugt war, der in der Lage ist, die Welt zu verbessern und daran teilzunehmen.

Sie meinen, den Menschen an sich …

Er ist beim Menschen nicht vom Defizit ausgegangen, wie es heute im Sinne der Selbstoptimierung geschieht, sondern umgekehrt von dessen Fähigkeiten des Menschen, was heute ja geradezu revolutionär ist. Ich fand es inspirierend, einen Künstler der 80er-Jahre zu entdecken, der in seinen Fragen absolut heutig ist.

Trotz Beuys’ demokratischem Anspruch empfanden viele seine Kunst als elitär.

Filmvorführung: „Beuys“, 21.30 Uhr, St. Katharinen, davor „The Universe is a Pearl“ von Rebecca Horn. Ab 20 Uhr Führungen zur Ausstellung in der Kirche mit Werken von Beuys und Horn

Er war jemand der sagte: Werfen wir doch meine Kunst zum Fenster raus. Die Kunst ist ein Angebot: Wer will, kann sich da was rausziehen. Man muss dafür nicht erst Kunstgeschichte studieren. Er hat das Unverständnis und den Widerspruch akzeptiert als eine Form der Auseinandersetzung. Auch der Protest und die Ablehnung bedeuten ja: Es passiert in dem Menschen was. Er wollte das Geheimnis der Kunst bewahren, die Energie, die aus dem Geheimnis entsteht.

Hat sich das übertragen auf den Erfolg Ihres Films?

Wir haben in Deutschland an die 100.000 Zuschauer. Das ist für einen Dokumentarfilm sehr gut. Ich glaube, das liegt an der Aktualität der Fragestellungen und daran, dass Beuys zeigt, dass die Kunst jenseits nicht nur ein Kapitalanlageprodukt ist, sondern dass sie etwas Verstörendes hat, das aus sich heraus in gesellschaftliche Prozesse eingreift. Die Kunst ist eine Möglichkeit, relevante Fragen in die Gesellschaft zu tragen und im Sinne der gemeinsamen Arbeit anzugehen.