Kolumne Liebeserklärung

Der Otto-Katalog

Er war Bilderbuch verborgener Wünsche. Gemeinsam mit dem Otto-Katalog geht jetzt ein ganzes Genre – was bleibt ist das Internet.

Eine Figur hält eine Blume in der Hand

Die Kataloge brachten die Warenwelten ins abgelegenste Tal Illustration: Tom

Das ist weder eine traurige noch eine froh stimmende Nachricht: Wie jetzt bekannt wurde, erscheint am 4. Dezember die letzte Auflage des Otto-Katalogs. Dieser ist das letzte Exemplar einer friedensstiftenden Literaturgattung – der der Warenhausgesamtangebotsbilderbücher. Friedensstiftend waren sie, weil diese Konsumparadiese in Verheißungsform erstmals nur wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg publiziert wurden und damit die neue, die endlich antiheroische Zeit versinnbildlichten.

Damals war die Welt noch analog: Schöne Dinge, ob nun Unterhosen, Pelzmäntel, Regenschirme, TV- und Rundfunkgeräte, wurden in dieser Waren- und Unterschiedlichkeitsfülle nur für wohlhabende Leute ausgebreitet, und bevorzugt in Metropolen, in Kaufhäusern. Die Kataloge indes brachten die Warenwelten, die später in der Soziologie viel zu empfindungslos als Kern des „Konsumismus“ bezeichnet wurden, aufs Land, ins letzte Dorf und ins abgelegenste Tal.

Diese Bilderbücher machten hungrig, weil sie ein Kaleidoskop verborgenster Wünsche offenlegten. Millionen waren somit nicht mehr abgehängt, ­konsumentiell nicht mehr prekär. Man kann das heute nur noch verstehen wie ein Konsum-Funkloch: Man wollte so gern teilhaben, gegen alle linkskonservativen Warnungen vor Konsum­terror, wurde aber durch schlechte Infrastruktur mattgesetzt.

Der Otto-Katalog, der letzte, wird nicht das allerletzte Kompendium sein, nur das für die fast ganze Warenwelt. Andere Zeitschriften gibt es ja noch, von Ikea, Grüne Erde, Manufactum, Hess und anderen, aber sie publizieren keine Coffee-Table-Books für alle, sondern eher für das mittlere Bürgertum, vor allem das mit ökologischem Konsumbewusstsein.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Und was wird bleiben? Das Internet. Der Otto-Konzern, ohnehin sehr früh online präsent, preist sich dort weiter. Ob das aber allen flüssig offen steht, bis in die letzten Winkel? Sehr fraglich. Die herrschende Politik in Deutschland zeigt sich diesem Problem beziehungsweise seiner Lösung gegenüber eher desinteressiert – oh ja, es gibt sie, die digital abgehängten Landschaften.

Wenn dies einst nicht mehr so sein sollte, dann erst endet die Trauer um die Bildbände, die nichts als die ganze Warenwelt verhießen.

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Postbote, Möbelverkäufer, Versicherungskartensortierer, Verlagskaufmann in spe, Zeitungsausträger, Autor und Säzzer verschiedener linker Medien, etwa "Arbeiterkampf" und "Moderne Zeiten", Volo bei der taz in Hamburg - seit 1996 in Berlin bei der taz, zunächst in der Meinungsredaktion, dann im Inlandsressort, schließlich Entwicklung und Aufbau des Wochenendmagazin taz mag von 1997 bis 2009. Seither Kurator des taz lab, des taz-Kongresses in Berlin, sonst mit Hingabe Autor und Interview besonders für die taz am Wochenende. Interesse: Vergangenheitspolitik seit 1945, Popularkulturen aller Arten, besonders der Eurovision Song Contest, politische Analyse zu LGBTI*-Fragen sowie zu Fragen der Mittelschichtskritik. Er war HSV- und ist jetzt RB Leipzig-Fan. Und er ist verheiratet seit 2011 mit dem Historiker Rainer Nicolaysen aus Hamburg.

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