Reportage-Essay „Arme Leute“

Tastende Ethik

Der Schriftsteller William T. Vollmann porträtiert arme Menschen – und bewegt sich auf der Grenze zwischen Privilegierten und Diskriminierten.

Ein bestelltes und ein nicht-bestelltes Feld

„Ob arm oder reich, was wir alle gemeinsam haben, sind Sterblichkeit und Bedeutungslosigkeit“ Foto: unsplash/ Elizabet Lies

Am Ende des Buchs, wo sonst oft die Quellenangaben stehen, sind 128 Schwarzweißfotografien abgedruckt, die William T. Vollmann von Menschen gemacht hat, mit denen er für seinen Reportage-Essay „Arme Leute“ gesprochen hat. Dieser Bilderschatz zeigt, wem der Autor begegnet ist: Männern, Frauen, manchmal auch Kindern in ihren Behausungen oder auf den Trümmern derselben, bei der Arbeit, im Schlaf, allein oder in Gesellschaft.

„Jede Primärquelle ist kostbar“, heißt es in der Einleitung. Immer wieder blättert man zu ihnen zurück. Manche tauchen nur flüchtig, vielleicht in einem einzelnen Satz auf, andere sind Protagonist*innen eines ganzen Kapitels, wie zum Beispiel die Moskauer Bettlerinnen Oksana und Natalia, deren Fotoporträt, wie Vollmann in einem Nebensatz überraschend gesteht, für ihn das schönste des ganzen Buchs ist.

Dieses Bild Nr. 32 zeigt eine ältere Frau mit praktischem Kurzhaarschnitt und Anorak, die man an der Bushaltestelle oder vor dem Supermarkt garantiert übersehen würde. Ihr rundes, ein wenig aufgedunsenes Gesicht ist leicht asymmetrisch: Links hängt das Augenlid, schneidet die Falte tiefer in die Wange, weist der Mundwinkel nach unten. Rechts dagegen lächelt sie sogar, blickt ihr Auge strahlend und neugierig unter weit hochgezogener Braue in die Welt.

Doch warum sie und nicht die schöne Madegassin mit dem trostlosen Blick oder das fröhliche Mädchen mit dem grotesk verwachsenen Nasenhöcker? Natalia ist psychisch krank, hat vor Jahren ihre Kinder sitzen gelassen (in ihrer Version der Geschichte hatte sie krankheitsbedingt keine Wahl) und schlägt sich mit Geschichtenerzählen durch. Vielleicht ist Letzteres der Grund, weshalb Vollmann sich ihr besonders verbunden fühlt.  

Der 1959 in Los Angeles geborene Schriftsteller, der neben seinem umfangreichen Prosa-Œuvre auch mehrere dicke Sachbücher verfasst hat, scheint besessen von prekären bis apokalyptischen Lebensumständen und Szenarien. Er hat mehrere Bücher über Prostituierte geschrieben sowie eine umfangreiche Studie über Gewalt; gerade erschienen in den USA zwei Bände, „Carbon Ideologies“, über die Folgen unseres maßlosen Energieverbrauchs.

Kein zweites „Kapital“

„Poor ­People“, das in den USA bereits 2007 herauskam (und nun, elf Jahr später, in der deutschen Übersetzung von Robin Detje), setzt sich aus Reportagen zusammen, die zwischen den 90er und Nullerjahren entstanden sind und die Vollmann in einen systematischen Bezug zueinander zu setzen versucht.

Nicht im Sinne einer sozioökonomischen Theorie oder gar eines zweiten „Kapitals“, auch nicht im Sinne eines politischen Programms zur Armutsbekämpfung – Vollmann hofft vielmehr, aus dem Vergleich von Einzelfällen an verschiedenen Orten der Welt Muster der Bedingungen für, aber auch der Folgen von Armut ablesen zu können.

Er bezahlt sein Gegenüber für die Bereitschaft, mit ihm, dem Schriftsteller, zu sprechen

Muster von Armutskriterien – etwa der vom Autor zitierten Vereinten Nationen – gibt es tatsächlich; sie finden sich vor allem in den Kapitelüberschriften wie Unsichtbarkeit, Unerwünschtsein, Abhängigkeit, Schmerz, Entfremdung wieder. Doch interessanter noch als diese Systematisierung ist Vollmanns Methode, überhaupt Material für sein im Grenzgebiet von Literatur, Anthropologie und Ethik angesiedeltes Essay zu erschließen.

Dazu verlässt er die Deckung des angelesenen Wissens – Adam Smith, Jean Jacques Rousseau und natürlich Henry David Thoreau haben dennoch Kurzauftritte – wie auch der sozialwissenschaftlichen Da­tenerhebung und begibt sich auf abenteuerliche Augenhöhe, setzt sich leibhaftig Begegnungen aus, die viele normalerweise scheuen.

Diverse Befragte – diverse Antworten

Weil er nicht von eigenen Armutserfahrungen ausgehen kann – aus einer weißen Akademikerfamilie stammend und selbst hochschulgebildet weiß er um seine Privilegiertheit –, konfrontiert er die „Primärquellen“ mit Fragen nach ihrem Besitzstand („Bist du arm oder reich?“) und Gründen für Ungleichheit („Warum gibt es arm und reich?“).

Die Antworten sind so divers wie die Befragten. Und Vollmann klammert nicht aus, unter welchen Bedingungen sie gegeben werden: Er bezahlt sein Gegenüber für die Bereitschaft, mit dem Schriftsteller zu sprechen (das Kapitel über die Prostitution und Menschenhandel zwischen China und Japan betreibenden „Snakeheads“, verrät er an einer Stelle, kostet ihn zwischen 5.000 und 8.000 Dollar), und er bezahlt seine Dolmetscher, denen das Buch denn auch gewidmet ist.

Die Armen zu Protagonisten und sich selbst zum Antagonisten zu machen, zum Mit-, aber auch Gegenspieler, ist ein in vielerlei Hinsicht gefährdetes Unterfangen, das nicht immer gleich gut gelingt. Fast eine ganze Woche lang trifft Vollmann die meist betrunkene thailändische Putzfrau Sunee und erhält Einblick in ihre tristen und engen Lebensräume – sie haust auf wenigen fensterlosen Quadratmetern ohne Intimsphäre, hasst ihre Arbeit und versäuft ihr kleines Einkommen gleich wieder.

Sunees Alkoholismus mindert auch die wenigen Chancen ihrer hübschen Tochter Vimonrat, sich durch Schulbildung aus dem Elend der Mutter (und Großmutter) herauszuarbeiten: Als Vollmann der Familie Geld schenkt, ist absehbar, wo es landet.

Kein Urteil

Dass Vollmann präzise Beschreibungen nie elendspornografisch geraten, liegt auch daran, dass er jedes potenzielle Urteil, etwa über Sunees Sucht oder Selbstsedierung, sogleich reflektiert: „Wer bin ich, zu urteilen“, lautet die Formel, mit der Vollmann sich gleichsam selbst auf die paternalistischen Finger haut. Sie lässt sich auch umgekehrt anwenden: Wer bin ich, die anderen an der Mehrung ihres Wohlstands zu hindern?

Mitunter reicht das Budget nicht, um die Leute zum Reden zu bringen, so mächtig sind die Abhängigkeiten. In der kasachischen Kleinstadt Sarykamys, wo der US-amerikanisch-kasachische Konzern Tengizchevroil anscheinend unter Nichtachtung wenn überhaupt vorhandener Umweltauflagen gigantische Mengen Erdöl fördert, springen nach und nach sämtlich Interviewpartner*innen ab.

Der Autor William T. Vollmann

Bezahlte seine GesprächspartnerInnen: William T. Vollmann Foto: dpa

Nicht mal im örtlichen Krankenhaus, das aus allen Nähten platzt, wollen Ärztinnen Auskunft geben. Am Ende konzentriert sich Vollmann auf die Beschreibung von Holzornamenten, die die Bewohner von Sarykamys in besseren oder anders schlechten Zeiten an den Wänden ihrer Häuschen angebracht haben: Zeichen von Gestaltungslust sind rar, wenn es ums Überleben geht.

Auch William Vollmann selbst gibt manchmal Rätsel auf: Wie mag der große weiße Amerikaner, der auf Fotos oft etwas unheimlich aussieht, seinerseits auf die Armen wirken? Schläft er mit den schwarzen Prostituierten im Kapitel „Schmutzige Toi­letten“, oder wird er nur zum Spielball ihrer Machtkämpfe? Könnten Frauen Angst vor ihm haben wie vielleicht Oksanas Enkelin Marina, die ihn (als Einzige in der fünfköpfigen Familie von Tschernobyl-Strahlenopfern) lieber nicht sprechen will, wenn er zu Besuch kommt?

Zwischen Schuldgefühlen und Verlustangst

Vollmann schont sich nicht, bleibt skrupulös in seinem Mitleid und misstrauisch gegen sein Helferimpuls – am eindrücklichsten im Kapitel „Ich weiß, dass ich reich bin“ am Ende des Buchs, das von Vollmanns „kleinbürgerlichem“ Besitz handelt, einem ehemaligen Restaurant auf einem Parkplatz in Sacramento, auf dem ständig Obdachlose kampieren.

Der Autor schildert einen Drahtseilakt zwischen Schuldgefühl und Verlustangst: Er schwatzt mit den Parkplatzbewohnern, bringt ihnen gelegentlich eine Flasche Alkohol oder etwas zu essen vorbei und arbeitet an einer guten Nachbarschaft. Andererseits zieht er aber auch eine klare Grenze zwischen sich und ihnen: Nachdem er nachts mehrfach in an sein Fenster gepresste Gesichter geblickt hat, verklebt er sie mit Alufolie und lässt Stahlgitter davor montieren.

Als einmal ein Obdachloser bei offener Tür in seine Wohnung schlüpft, setzt Vollmann ihn energisch an die Luft – und stellt sich später zu ihm in den Regen hinaus, um den Rausschmiss wiedergutzumachen. Sein größtes Ärgernis aber ist der Kot, der regelmäßig an seiner Hauswand hängt und nur mithilfe teurer Hochdruckstrahler zu entfernen ist. 

Keine Lösung, nur Desillusionierung

Im Bespielen und Umspielen dieser mal beschissen konkreten, mal nahezu unsichtbaren Grenze zwischen Arm und Reich, Privilegierten und Diskriminierten liegt die erschütternde Stärke von „Arme Leute“. Während Vollmanns Systematisierungsabsichten immer weiter in den Hintergrund rücken, unterläuft und gelingt ihm so etwas wie eine tastende Ethik (nicht: Moral) im Angesicht erdrückender Ungleichheit.

William T. Vollmann: „Arme Leute“. Aus dem Amerikanischen von Robin Detje. Suhrkamp, Berlin 2018, 448 Seiten, 22 Euro

Wie kann man sich unter diesen Voraussetzungen überhaupt begegnen? Vollmann hat keine Lösung parat, nur Desillusionierung: „Was ist es, was ich Ihnen so dringend sagen möchte (…)? Dass für mich aus irgendeinem Grund Natalias Gesicht das schönste von allen Menschen in diesem Buch ist? Mein Herzensgeplapper kann man vernachlässigen, genau wie alle Einzelmenschen, die es betrifft, Sie und mich eingeschlossen. Ob arm oder reich, was wir alle gemeinsam haben, sind Sterblichkeit und Bedeutungslosigkeit.“

Eine Gemeinsamkeit der Negation, aber immerhin: eine Gemeinsamkeit.

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