Der Hausbesuch

Nadias deutsches Leben

Die Syrerin Nadia Resho ist der Anker der Familie. Mann, Haushalt, Papierkram in unbekannter Sprache. Nebenbei geht sie noch arbeiten.

Eine Frau sitzt auf einem roten Sofa und guckt in die Kamera

„Die Deutschen haben alles und sind unglücklich. Wieso?“, fragt sich Nadia Resho Foto: Boris Schmalenberger

Das Leben in Deutschland gefällt ihr, aber ihre syrische Heimat vermisst sie dennoch sehr. Zu Besuch bei Nadia Resho.

Draußen: Das Haus, in dem sie seit knapp zwei Jahren mit ihrem 36-jährigen Mann lebt, liegt etwas versteckt. Wer sich in Dettingen nicht auskennt, läuft schnell an dem Parkplatz vorbei, der überquert werden muss, um zu einer Gartentür zu gelangen, die schließlich zum Eingang führt. Nadia teilt sich das Haus mit einer Familie.

Drinnen: Wenn Besuch kommt, geht die 25-Jährige und holt Pantoffeln. In der Küche kocht bereits der Kaffee, im Wohnzimmer stehen Kekse in einer kleinen weißen Schale bereit. Die hat Nadia frisch gebacken. Durch die Balkontür weht frischer Wind, dazu Vogelgezwitscher. Ansonsten ist es still. Keine Autogeräusche. Auf einem Regal stehen drei Schneekugeln. Die Motive sind Hanau, Konstanz und Berlin. Orte, an denen Nadia bereits war. Von solchen Kugeln möchte sie noch mehr sammeln. Neben das Regal hat sie ihre gläserne Shisha gestellt, mit knallrosa Schlauch und einem Mundstück mit Zebramuster.

Freunde: Shisha rauchen ist für Nadia Genuss. Zwei- bis dreimal die Woche „ist normal“, manchmal sogar jeden Tag. Sie geht oft mit ihren arabischen und kurdischen Freunden in Shisha-Bars in der Nähe. „Das ist meine Party“, sagt sie und grinst. Sie machen auch gemeinsam Ausflüge. Nach Stuttgart etwa, demnächst wollen sie nach Heidelberg. Ihre deutschen Freunde kommen vor allem aus dem 25 Kilometer entfernten Gomardingen.

Hier lebten sie und ihr Mann für zwei Jahre in einer Flüchtlingswohnung. „Die Menschen dort haben uns sehr geholfen. Als wir ankamen, besorgten sie uns einen Rechtsanwalt aus Tübingen und fuhren uns sogar zu ihm.“ Außerdem unterstützen sie Nadia bei dem ganzen Papierkram. „Damals konnte ich noch nicht so gut Deutsch.“ Ihrem Mann besorgten sie einen Job als Schneider, und später fand eine Freundin die Wohnung in Dettingen.

An der Wand über dem Bett hängt ein Hochzeitsfoto, auf dem Bett liegen viele Kuscheltiere

Blick ins Schlafzimmer: Viele Plüschtiere und über allem das Hochzeitsfoto Foto: Boris Schmalenberger

Der Deal: 2013 fliehen die Reshos von Aleppo nach Afrin, wo sie ein halbes Jahr arbeiten. Sie ziehen weiter in die Türkei, laufen von dort zwei Tage lang nach Bulgarien. Da müssen sie fünf Monate in einem Camp für syrische und afghanische Flüchtlinge bleiben. „Wir durften dort nicht raus, es gab kein Geld, nichts“, erinnert sich Nadia. Dann bekommen sie einen bulgarischen Pass.

Sie lernen einen türkischen Mann kennen, er will den Pass gegen eine Fahrt nach Deutschland tauschen. Sie schaffen es nach Trier. Von dort müssen sie allein nach Karlsruhe. Ihnen wird Geld dafür in die Hand gedrückt. Genauso wie zwei Monate später, für eine Weiterfahrt nach Gomerdingen.

Familie: 2015 erhält Nadia ein Stipendium beim Deutschen Akademischen Austauschdienst und besucht für ein Jahr eine Sprachschule in Stuttgart. Um dorthin zu gelangen, muss sie täglich zwei Stunden pendeln. Sie absolviert Niveau A1 bis C1. Im selben Jahr kommen ihre Brüder nach Deutschland. Erst die zwei Jüngsten, Alan und Azad, damals noch minderjährig, kurze Zeit später auch Halil. Alle drei flohen sie über Griechenland.

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Nadia holt sie aus Passau ab, trägt sich als Erziehungsberechtigte ein. Sie ist da 23 Jahre alt. Sie wohnen zu fünft in der kleinen Wohnung, Nadia hilft ihnen, die deutsche Sprache zu lernen und einen Job zu finden. „Es war sehr schwierig für mich, alles auf einmal geregelt zu bekommen: meinen Mann, den Haushalt, meine Brüder, das Stipendium“, sie seufzt. Ihr Mann wollte die Sprache noch nicht lernen. Also musste sie sich auch um die Behördenangelegenheiten kümmern.

Das Problem: Im Dezember 2016 erhält Nadia die erste Anerkennung für ein Jahr. Ihre inzwischen dritte ist gültig bis Mai 2019. „Man kann sagen, es gibt kein Gesetz, sondern du hast eine 50:50-Chance.“ Sie ärgert sich über das System. Ihre Cousins sind auf exakt dem gleichen Weg nach Deutschland gekommen und wurden fristlos anerkannt. Eine weitere Verlängerung ist aber nicht ihre einzige Sorge. Der syrische Pass ihres Mannes ist abgelaufen, auch Nadias wird 2019 ungültig.

„Ohne die können wir das Land nicht verlassen.“ Normalerweise erhalten Geflüchtete in Deutschland einen Pass, mit dem sie in der EU reisen können. Nadia und ihr Mann erhielten wegen des Dublin-Verfahrens keinen, weil sie schon in Bulgarien gemeldet waren. Eine Neubeantragung geht aber nur im syrischen Konsulat. „Syrisches Konsulat bedeutet syrische Regierung“, sagt Nadia. Als Flüchtling sei man da nicht gern gesehen. „Ich habe auf jeden Fall Angst.“ Sie sei ja gegen das Assad-Regime.

Ehrgeiz: In Nadias Wohnung hängt ein großes Bild. Es zeigt Aleppo, als es noch stand. „In meinem Kopf ist nur das schöne Aleppo, und das bleibt auch schön. Daran hängt mein Herz.“ „Die meisten meiner Fotos sind in Aleppo geblieben und wurden verbrannt. Aber ich habe ja so viele in meinem Kopf.“ Während sie das sagt, spielt sie mit einem Kissen, auf das ihr Hochzeitsfoto gedruckt ist. Nadia fühlt sich wohl in Deutschland, aber ein Teil ihrer Gedanken sei immer dabei, nach Syrien zurückzukehren.

„Wie, wann, keine Ahnung. Aber dann will ich etwas in der Hand haben, eine Ausbildung.“ Nach ihrem Sprachkurs machte sie ein Praktikum bei einer Sozialarbeiterin. Dann begann sie eine Ausbildung zur Optikerin. Am Ende ihrer Probezeit kündigte man ihr. Der Laden sei groß, alle seien sehr beschäftigt, man könne ihr nicht alles zeigen. Zuvor hatte man ihr noch gesagt, wie gut sie arbeite. „Ich verstehe das nicht.“ Nadia wurde krank, musste sich zweimal einer Magenspiegelung unterziehen, lag im Krankenhaus.

Heimweh: „Wenn ich traurig bin oder mich schlecht fühle, lese ich den Koran. Das baut mich immer wieder auf“, sagt Nadia, die auf ihrer roten Couch im Wohnzimmer sitzt. Sie vermisst Syrien. Die Straßen, die Menschen, die Sprache, die Kultur. In Syrien sei alles viel lebhafter. „Die Leute hier sind manchmal komisch“, sagt sie. Sie seien so formell. Wenn sie Freunde sehen wolle, gehe sie einfach hin.

„Hier muss man Termine machen. Die ganze Zeit und mit Papier“, sie schüttelt den Kopf und verdreht die Augen. „Es ist kompliziert, jeder Unterstrich bedeutet irgendetwas.“ Auf den Straßen schauen alle stur geradeaus. Und jeder habe irgendwelche Beschwerden. „Die Deutschen haben alles. Aber sind unglücklich. Wieso?“

Ein Haus von außen

Ein bisschen versteckt, hinter einem Parkplatz, findet sich das neue Zuhause Foto: Boris Schmalenberger

Angekommen: Mitte 2016 fliehen auch Nadias Eltern nach Deutschland. Sie kommen, um sie zu unterstützen. Mit den zwei jüngeren Söhnen ziehen sie nach Reutlingen, besuchen dort Sprachkurse, fühlen sich wohl. Nadia muss lachen. „Meine Mutter ist schon integriert. Sie hat mich auf Deutsch anfangs gesiezt.“ Inzwischen brauchen Eltern und Brüder nur ab und zu ihre Unterstützung, vor allem für Bürokratiekram.

Halil hat geheiratet und lebt mit seiner Frau zusammen. Alan, der Jüngste, hat seinen Realschulabschluss abgeschlossen und beginnt im September ebenfalls eine Ausbildung zum Optiker. Auch Azad und Halil machen eine Ausbildung, der eine zum Produktionsmechaniker in Textil, der andere zum Krankenpfleger.

Heute: Im April erhält Nadia eine Zusage für die Ausbildung in physikalisch-technischer Assistenz. Eine Unterstützung vom Jobcenter bekommt sie nicht. In Aleppo hatte sie Physik studiert, sie vermisst die syrischen Fächer. Aktuell sucht sie einen Nebenjob. Etwas Bestimmtes hat sie da nicht im Sinn. „Ich kann alles machen. Hauptsache, arbeiten.“

Nadia hat sich an ihr deutsches Leben gewöhnt. Einige Dinge fallen ihr noch immer als seltsam auf. „Hier gibt es so viele junge Paare, teilweise schon mit 14.“ Und junge Menschen hätten keinen Respekt vor Älteren. In Syrien gebe es das nicht. Aber sie mag ihre Umgebung, ihre Freunde, die Wohnung. Ihre Familie trifft sie jedes Wochenende. Aktuell zum Fußballgucken. Da waren sie auch für Deutschland.

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