Der schnelle Fall durchs soziale Netz

Die Post geht an die Freundin

Ines Nowak hat 38 Jahre lang gearbeitet. Dann verliert sie innerhalb von wenigen Monaten Job und Wohnung. Wie kann so was passieren?

Ines Nowak

Keine Arbeit, keine Wohnung. Dafür aber hat Ines Nowak Konflikte mit der Krankenkasse Foto: Amélie Losier

Im Herbst ist die Welt von Ines Nowak noch in Ordnung. Die 54-jährige Krankenschwester aus Tegel arbeitet bei einem ambulanten Pflegedienst, sie betreut Patienten in einer Wohngemeinschaft. Der Job macht ihr Spaß, sie hat auch nichts gegen Überstunden. Sie verdient gut, lebt allein in einer sonnigen Maisonettewohnung auf 90 Quadratmetern. Sie hat ein Auto, ein Motorrad und einen Roller. Ihre Tochter ist inzwischen erwachsen.

Ein halbes Jahr später hat Ines Nowak keinen Job mehr, keine Wohnung. Sie lebt in einer Gartenlaube, die ihrem Exfreund gehört. Nur ihre Kleider sind ihr geblieben, ein paar Möbel. „Ich habe mein Leben lang gearbeitet, 38 Jahre fast ohne Unterbrechung. Jetzt sitze ich quasi auf der Straße“, sagt sie.

Innerhalb von wenigen Monaten ist Ines Nowak, 54, komplett durch das soziale Netz gefallen. Wie konnte das passieren, mitten in Berlin?

An einem Nachmittag im Juni lässt sich Nowak in hellem Leinenkleid und Turnschuhen in einem Tegeler Café nieder und erzählt bei einem Glas Wasser ihre Geschichte. Immer wieder kommen Bekannte vorbei, die grüßen, man kennt sie hier. Vom vielen Draußensein ist Nowak braungebrannt. Sie war früher Triathletin, eine Kämpferin, die die Dinge anpackt. Das klingt noch durch, wenn sie sich über das Geschehene empört. Gleichzeitig wirkt sie im Gespräch fahrig. Seit vergangenem Herbst wird ihr schnell alles zu viel. Deshalb hat sie auch einen Freund mitgebracht, zur Unterstützung.

Fristlose Kündigung

Es begann mit einem Streit zwischen ihr und ihrem Arbeitgeber, dem Chef des Pflegedienstes. Nowak leitete die betreute Wohngemeinschaft seit Jahren. „Ich habe ständig Überstunden gemacht.“ Ihr Arbeitgeber habe ihr die Zulagen nicht korrekt bezahlt, sagt sie. Nowak klagte, es folgte die fristlose Kündigung. „Mein Chef behauptete, ich sei auf Arbeit betrunken gewesen und unzuverlässig, solche Sachen“, sagt sie. Sie klagte gegen ihn, der Prozess steht noch aus.

Ende Oktober habe sie sich arbeitslos gemeldet. Aufgrund der Vorwürfe ihres Ex-Chefs wertete die Agentur für Arbeit den Jobverlust als selbstverschuldet. Sie kann in solchen Fällen eine Sperrfrist verhängen und bis zu zwölf Wochen kein Arbeitslosengeld auszahlen. Nowak bekam also erst mal nichts.

Sie war früher Triathletin, eine Kämpferin, die die Dinge anpackt

Als Mitte November auch noch ihre Mutter starb, war bei Ines Nowak Schluss. „Da bin ich komplett zusammengebrochen.“ Sie war schon früher zeitweise psychisch labil. Jetzt diagnostizierte ihr Hausarzt Depressionen und Panikattacken, er schrieb sie krank. Nowak selbst spricht von „Burn-out“. Wenn man länger als sechs Wochen krankgeschrieben ist, zahlt die Krankenkasse das Krankengeld. Ab Mitte Januar erhielt Nowak von der Barmer, bei der sie versichert ist, pro Tag knapp 50 Euro, bestätigt die Kasse.

Arbeitslos: Wer sozialversicherungspflichtig beschäftigt war und seinen Job verliert, muss sich bei der Agentur für Arbeit melden und bekommt dann Arbeitslosengeld I. Allerdings kann eine Sperrzeit verhängt werden, wenn die Betroffenen sich „versicherungswidrig“ verhalten haben, wenn sie etwa den Job selbst gekündigt oder durch ihr Verhalten Anlass zu einer Kündigung gegeben haben. So eine Sperrzeit kann bis zu zwölf Wochen dauern. In der Zeit fließt kein Geld.

Krankengeld: Werden Arbeitslose krank und damit arbeitsunfähig, erhalten sie in den ersten sechs Wochen weiter Arbeitslosengeld und danach Krankengeld von der Krankenkasse. Wird ein Arbeits­loser während der Sperrzeit krank, bekommt der Betroffene erst nach Ablauf der Sperrzeit Krankengeld ausgezahlt.

Nachweis: Was viele so nicht wissen: Ein Anspruch auf ununterbrochene Krankengeldzahlung besteht nur, wenn die Arbeitsunfähigkeit lückenlos durch ärztliche Bescheinigungen nachgewiesen ist. Spätestens am folgenden Werktag müssen sich Betroffene eine Krankschreibung ausstellen lassen. Allerdings hat das Bundessozialgericht zuletzt geurteilt, dass die Kassen das Krankengeld auch dann zahlen müssen, wenn der Arzt die Bescheinigung aus nichtmedizinischen Gründen irrtümlicherweise unterlassen hat. (all)

Doch vorher, von November bis Mitte Januar, war Nowak auf Rücklagen angewiesen – die sie nicht hatte, wie sie sagt. „Ich musste ja immer die Miete bezahlen, den Unterhalt für meine Tochter, ich hatte keine Ersparnisse.“ Sie verkaufte das Auto, den Roller, gab das Motorrad in Zahlung. Doch es reichte nicht. Weil sie ab Dezember keine Miete mehr überwies, kündigte ihr der Wohnungseigentümer.

Umzug in die Gartenlaube

Anfang März zog Nowak in der Gartenlaube ihres Exfreundes. Sie schläft auf dem Sofa, er auf dem Dachboden. Das Häuschen sei schön, dort im Sommer zu wohnen findet sie nicht schlimm. „Aber wenn er säuft, rastet er manchmal aus. Letztens hatte ich so ein Auge.“ Sie hat ein Foto auf dem Handy, das ihr Gesicht zeigt, die Backe ist bläulich verfärbt. Sie versuche, an solchen Tagen woanders unterzukommen, sagt sie.

Mit dem Krankengeld hätte es wieder aufwärts gehen können. Doch Mitte März erhielt Nowak einen Brief der Barmer (die Post lässt sie an die Adresse einer Freundin schicken): Weil sie ihre Arbeitsunfähigkeit nicht lückenlos nachgewiesen habe, bekomme sie die Zahlung nicht mehr, stand dort. „Ab dem 3. 3. 2018 sind Sie nicht mehr mit Anspruch auf Krankengeld bei uns versichert.“ Sie solle sich an die Agentur für Arbeit wenden.

Das Problem: Nowak hatte eine Krankschreibung bis zum Freitag, den 2. März. An diesem Tag war ihr Hausarzt im Urlaub und die Praxis geschlossen, wie er bestätigt. Laut Vorschriften hätte Nowak den Nachweis für die Kasse, dass sie immer noch nicht arbeiten kann, spätestens am folgenden Werktag einholen müssen, also am Montag. Tatsächlich war Nowak am Montag in der Praxis, sagt auch der Arzt. Die sei aber so voll gewesen, dass sie den Termin auf Dienstag verschoben. Weil der Arzt die Bescheinigung dann erst am Dienstag ausstellte, entstand eine Lücke – die Krankenkasse strich ihr das Krankengeld.

Markus Wahle, Sozialberater beim Berliner Arbeitslosenzentrum Balz, überrascht das nicht. „Das Krankengeld ist für die Kassen ein erheblicher Kostenfaktor“, sagt er. Um den Bezug möglichst gering zu halten, würden die Betroffenen häufig zum medizinischen Dienst der Kassen geschickt. „Der schreibt sie dann gesund.“ Die Zahlung wegen kurzer Unterbrechungen bei den Attesten zu beenden sei eine andere Methode. Wahle sagt: „Früher konnte ich solche Fälle pro Jahr an einer Hand abzählen. In letzter Zeit hat das aber massiv zugenommen.“

Der Arzt von Ines Nowak, dessen Name der taz bekannt ist und der durch sein Verhalten das Ende der Zahlung mit bewirkt hat, sagt: „Mir war bis zu diesem Fall nicht klar, dass so etwas passieren kann. In dreißig Jahren Praxistätigkeit habe ich das noch nie erlebt.“ Als er erfuhr, dass die Kasse das Krankengeld gestrichen hatte, datierte er die Bescheinigung auf den Montag zurück und rief auch bei der Barmer an. Dass Ines Nowak nach wie vor krank war, stehe außer Frage, sagt der Arzt. „Hier geht es um rein formalistischen Schwachsinn. Mit so etwas gefährdet man die Existenz eines Menschen.“

Die Macht der Kasse

Ines Nowak legte Widerspruch bei der Barmer ein, doch die Kasse bewegte sich zunächst nicht. Nowak ging es derweil so schlecht, dass sie sich Ende April in eine Tagesklinik begab. Sie meldete sich auch bei der Agentur für Arbeit, sie brauchte ja Geld. Dort wird erwartet, dass man arbeitsfähig ist und sich auf offene Stellen bewirbt. Nowak sagt, sie fühle sich nicht in der Lage, einen Job anzunehmen. Sie schüttelt den Kopf. „Ich hätte nie gedacht, dass die Krankenkasse so eine Macht hat.“

Ende Mai erhielt sie das erste Arbeitslosengeld. Davon lege sie nun etwas zurück für eine neue Mietkaution, sagt sie. Sie wolle auch die Schulden zurückzahlen, die sie bei Freunden habe. Wie sie unter diesen Umständen gesund werden soll, weiß sie nicht. Die Tagesklinik beendete die Behandlung abrupt. Die Barmer hatte die Kostenübernahme abgelehnt mit der Begründung: „die Mitgliedschaft endete am 3. 3. 2018“, heißt es in einem Dokument. Nowak traute sich daraufhin nicht mehr, sich überhaupt behandeln zu lassen – aus Angst, sie selbst könnte am Ende für die Kosten aufkommen müssen.

Auf Nachfrage der taz erklärte der Pressesprecher der Barmer Anfang Juli, Ines Nowak sei selbstverständlich weiterhin bei ihnen versichert. Auch die Kosten für die Behandlung in der Tagesklinik habe die Barmer übernommen. Die Kasse überprüfte nach Anfrage der taz auch das Ende der Krankengeldzahlung – und gab Nowak nun doch Recht: „Erst später erfuhren wir, dass Frau Nowak sich um eine fristgerechte Krankschreibung am 5. März bemüht hat und äußerst unglückliche Umstände beim Arzt dies nicht möglich gemacht haben“, schreibt der Sprecher.

Aufgrund der Tatsache, dass der Terminverzug nicht Ines Nowak anzulasten sei, werde die Kasse das Krankengeld rückwirkend zahlen. Allerdings nur bis zum 23. April, denn da tue sich die nächste Lücke bei der Krankschreibung auf.

Das wundert Ines Nowak nicht. Sie sei ja davon ausgegangen, dass sie kein Krankengeld mehr bekomme. „Also habe ich mich bei der Agentur für Arbeit gemeldet, statt zum Arzt zu gehen und mich krankschreiben zu lassen.“

Bei einem Telefonat Anfang Juli geht es Ines Nowak trotz allem etwas besser. Offenbar hat sie nun doch auch Glück im Unglück: Über einen Freund fand sie einen Pflegedienst, wo man Verständnis zeigt für ihre Geschichte.

Ab September will sie wieder anfangen zu arbeiten, erzählt sie, zunächst mit geringer Stundenzahl. Auch aus der Laube kann sie weg, vorerst in die Wohnung der Tochter, die ist unterwegs. Nowak zeigt sich seit Langem wieder vorsichtig optimistisch: Das Schlimmste könnte überstanden sein.

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