Der kränkelnde Besieger

ALTERNATIVE WELTEN Postum erscheinen in „Anthropologie in der modernen Welt“ Vorträge von Claude Lévi-Strauss, die die Motive des Begründers des ethnologischen Strukturalismus sehr anschaulich machen

Im Jahr 1986 hatte der 78-jährige Claude Lévi-Strauss in Tokio Vorträge gehalten, die nun als Buch zusammengefasst vorliegen. Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass die Erfolgsgeschichte der westlichen Zivilisation ihr Ende erreicht habe. Angesichts hinschwindender Zukunftsperspektiven hält er den Moment für gekommen, die „primitiven“ Gesellschaften, denen er sein Lebenswerk gewidmet hatte, noch einmal Revue passieren zu lassen: er möchte in ihnen nach für uns Nützlichem fahnden.

Ausgerechnet jene „kalten“ Gesellschaften, denen die „heiße“ Monokultur Zivilisation auch nicht die kleinste Parzelle zum Überleben eingeräumt hat, sollen nun also zur Rettung ihres angekränkelten Besiegers mobilisiert werden. Im mentalen und psychologischen Abstand, der unsere Zivilisation von diesen Kulturen trennt, sieht Lévi-Strauss kein prinzipielles Problem für sein kulturüberschreitendes Hilfeersuchungsprogramm. Schon einst unter südamerikanischen Indianern war er zwar von der gänzlich anderen Lebensweise, der er dort begegnet war, tief ergriffen gewesen, hatte sich aber gleichwohl als so etwas wie einen in den Urwald verschlagenen Immanuel Kant verstanden: aus den „absonderlichen“ Tabus, Riten und Mythen wollte er die universellen Formen des Denkens extrahieren.

Das Buch ist interessant als leicht verständliche Einführung in einige Grundgedanken des französischen Ethnologen. Der praktische Ertrag beschränkt sich allerdings oft auf die allgemeine Erkenntnis, dass die primitiven Gesellschaften vielleicht nicht so viel „kulturelle Ordnung“ geschaffen, dafür aber auch nicht so viel „soziale Unordnung“ angerichtet hätten. Aber ein origineller Effekt ergibt sich, wenn der Anthropologe sich auf ein Paradefeld strukturalistischer Ethnologie begibt: er diskutiert aus der Perspektive seiner Forschungen zu komplexen Verwandtschaftsstrukturen bei den Naturvölkern Fragestellungen, die sich aus der modernen Reproduktionsmedizin ergeben.

Biologische und soziale Elternschaft, konstatiert er, können in primitiven Gesellschaften getrennt sein: dank ihres magischen Denkens ist es für diese kein Problem, wenn bei Ausfall eines Elternteils die Filiation über den Umweg eines Onkels, Liebhabers oder einer bezahlten Frau erfolgt. Mit einer Kombinationsfreude, die daran erinnert, dass Lévi-Strauss in seinen Exiljahren mit den führenden Surrealisten befreundet war, wertet er Samenspender, Eizellenspenderinnen und Leihmütter als zeitgenössische Variablen dieser archaischen Onkels und Cousins. Wenn in diesem Fall Lévi-Strauss ethnologisches Wissen mobilisiert, um Ängste vor scheinbar unerhört Neuem zu relativieren, so überwiegt ansonsten meistens eine pessimistische Einschätzung.

Mit zum Teil biologistischen Argumenten bedauert er, dass ohne Tabus und komplexes gesellschaftliches Regelwerk gewissermaßen zu viel ungeschützter Kulturaustausch stattfinde und damit Vielfalt in einer „Weltzivilisation“ untergehe. Was er gegen das befürchtete Versumpfen in genetischer und kultureller Nivelliertheit vorzuschlagen hat, scheint er allerdings weniger seinen ethnologischen Studien als einer Nietzsche-Lektüre entnommen zu haben: Öffnung für andere Kulturen sei nur dann positiv, wenn gleichzeitig eine Einpanzerung in partielle „Taubheit“ und in „Unsensibilität“ gegenüber anderen Werten stattfinde.