Wir haben keine Zeit zu verlieren

Mit ihrer Tagung zu neuen Formen des transkulturellen Austauschs setzte die Globale Akademie der Salzburger Sommerschule auch ein Zeichen gegen die Xenophobie

Aus der Serie „Exploring the Void“ des nigerianischen Fotografen Emeka Okereke, der dieses Jahr an der Salzburger Sommer­akademie unterrichtete und im dortigen Kunstverein ausstellte Foto: Emeka Okereke

„Austro-Türken“ müssen zittern. Ein österreichisches Nachrichtenportal triumphierte vor ein paar Tagen. Seit der rechten FPÖ eine Liste mit mutmaßlich illegalen Doppelstaatsbürgern zugespielt wurde, bangen Tausende Türkischstämmige in der Alpenrepublik um ihren Pass. Die neue Bundesregierung will ihnen den schleunigst abnehmen.

Angesichts der Xenophobie, der schon zwanghaften Fremdenfeindlichkeit in dem Land, dessen Kanzler sich brüstet, die Balkan-Route „geschlossen“ zu haben, ist es schon fast ein politisches Statement, wenn eine Kunstinstitution öffentlich nach Wegen des „transkulturellen Austauschs“ sucht. Genau darum ging es in diesem Jahr der Globalen Akademie der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst in Salzburg.

1953 von dem Maler Oskar Kokoschka als „Schule des Sehens“ auf der Festung Hohensalzburg am Fuße der Ostalpen gegründet, ist die Sommerakademie nicht nur die älteste ihrer Art in Europa, sondern selbst schon eine Schule der Interkulturalität. Zu Zeiten des legendären Expressionisten Kokoschka war sie noch eher Provinzevent, inzwischen besuchen jedes Jahr fast 300 Teilnehmende aus über 50 Staaten die 20 Kurse. Es hat seinen Reiz, dass sie sich mit der vor zwei Jahren gegründeten, „Globalen Akademie“ gerade in der heimatseligen Provinz nun auch diskursmäßig zum internationalen Kunsthotspot mausert.

Unterricht bei namhaften Künstlern

Die Sommerschule ist beliebt, weil es keine Altersbeschränkung für die Teilnehmenden gibt. Jede Menge Stipendien helfen, um die Kurskosten zu stemmen. Namhafte Künstler unterrichten sechs Wochen lang intensiv. „Heimat“ hieß zum Beispiel das Thema der Fotoklasse der palästinensischen Künstlerin Ahlam Shibli, die im letzten Jahr auf der Documenta ausgestellt hatte. Eine ihrer Schülerinnen hatte MigrantInnen in Salzburg fotografiert. Die Bilder demonstrierten zwar einerseits, wie die Mozartpuppenstube und die durch sie führende Salzach, Inbegriff des gefährdet gewähnten „Österreichischen“, zur neuen Heimat von Österreichern mit Migrationshintergrund geworden ist. Kritischer betrachtet ließen sich die Arbeiten aber andererseits auch als die Form „sentimentaler Solidarität“ interpretieren, von der der indische Schriftsteller und Künstler Shuddabrata Sengupta, Mitbegründer des Raqs Media Collective, in seiner Keynote zum Auftakt der Tagung „enough“ hatte: moralisch einwandfreie Standardware bei interkulturellen Workshops oder Biennalen.

Insofern war es das größte Verdienst der von Akademiedirektorin Hildegund Amanshauser und der Wiener Kritikerin Kimberly Bradley konzipierten Konferenz, dass sie eine ganze Phalanx unkonventioneller „Methoden transkulturellen Austauschs“ präsentierten. Das reichte von Zeitschriften wie dem Kunstmagazin C&, das einen neuen Kulturdialog mit und über Afrika führt, über die Versuche von Diana Campbell Betancourts „Dhaka Art Summit“, neue, ästhetische Dialogkanäle zwischen Bangladesch und seinen verfeindeten Nachbarn zu öffnen, bis zu dem „Refugee-Phrase Book“. In dem – auch von Künstlern verbreiteten – Open-Source-Projekt hat ein Netzwerk von Freiwilligen hilfreiche Vokabeln und Links für Geflüchtete und Helfer zusammengestellt, die Ankommenden nach der Einreise helfen sollen, sich zu orientieren.

Am radikalsten jedoch reformulierten die Kuratorin Clémentine Deliss und der niederländische Künstler Renzo Martens die transkulturelle Idee. Statt weiter über Provenienz, Rückgabe oder Konservierung zu streiten, will Deliss, 2015 spektakulär als Direktorin des Frankfurter Museums der Weltkulturen entlassen und später rehabilitiert, die 15 ehemaligen „Völkerkunde“museen in Deutschland mit ihren fünf Millionen Objekten zu post­ethno­grafischen „Museums-Universitäten“ umfunktionieren. Zu ihnen sollen Künstler, Autoren oder Rechtsanwälte genauso Zugang haben wie Anthropologen oder Vertreter indigener Kulturen. Gleich zu Beginn energetisierte die brillante Wissenschaftlerin die Tagung mit ihrer Forderung nach einem neuen postkolonialen Diskurs: „Wir haben keine Zeit zu verlieren“, rief sie unter großem Beifall.

Schwer zu sagen, ob so ungewöhnliche Methoden am Ende zu dem „planetaren Bewusstsein“ führen, das Shuddabrata Sengupta in Salzburg beschwor

Schokoladenwirtschaft

Mit einem aufsehenerregenden Projekt hat Martens den White Cube in der Umgebung „rekontextualisiert“, der er seine Entstehung verdankt: dem Land der kunstliebenden Mäzene der Tate in London oder des Van-Abbe-Museums in Eindhoven, die fernab von Europa Plantagenbesitzer in Afrika waren. Bei der Eröffnung des White Cube, den er „Institute for Human Activities“ nennt, auf einer ehemaligen Palmöl-Plantage der Firma Unilever in Zentralkongo zeigte Martens Werke von Marlene Dumas oder Luc Tuymans über die Ausbeutung afrikanischer Arbeiter. In Lehmhütten nebenan zeigten diese ihre eigenen Skulpturen. Deren Arbeiten scannt Martens, lässt sie mit 3-D-Drucker in Schokolade, einem Treibstoff der kongolesischen Wirtschaft, ausdrucken und verschafft mit ihrem Verkauf den Kongolesen das Geld, mit dem sie selbst Boden erwerben können – ein politästhetischer Geniestreich.

Schwer zu sagen, ob so ungewöhnliche Methoden am Ende zu dem „planetaren Bewusstsein“ führen, das Shuddabrata Sengupta in Salzburg beschwor. Nur gemeinsam die Hände auf einen Meteoriten zu legen, der älter als die Erde ist, wie er es vorschlug, dürfte kaum reichen, um den kolonialkapitalistischen Komplex zu überwinden, der verantwortlich für die Trennung in „Wir“ und „Die Anderen“ ist.

Sein Ende ist längst nicht in Sicht. Um mit der brasilianischen Kuratorin Cristiana Tejo zu sprechen, die im brasilianischen Pernambuco eine neue Art von Künstler-Residenz ins Leben gerufen hat: „Es ist ein langer, harter Weg.“ Immerhin hatte sie nach Österreich kommen dürfen.