Sehnsucht nach der Ferne

KOLONIALER BLICK Zwei Afrika-Ausstellungen im Essener Museum Folkwang zeigen, wie sich die Darstellung des Kontinents in den populären Bildmedien gewandelt hat

Nach Jahrzehnten diktatorischer Befriedigung brachten die Ereignisse des Arabischen Frühlings neue Bilder aus Nordafrika. Während die freiheitlichen Bewegungen ein um das andere Regime hinwegfegten und nun um demokratische Stabilität ringen, gehen die blutigen Bürgerkriege und Konflikte im Inneren des Kontinents weiter. Allen emanzipatorischen Entwicklungen zum Trotz vermittelt sich in den europäischen Medien ein Bild von Afrika, das in der Kolonialzeit begründet wurde und in der Grundanlage zwischen dem zivilisierten und wilden Afrikaner unterscheidet.

Zwei Ausstellungen im Museum Folkwang in Essen zeigen exemplarisch, wie sich die Darstellung Afrikas in den Medien Plakat und Fotografie von etwa 1900 bis in die Gegenwart gewandelt hat. Mag das touristische Angebot inzwischen die Sehnsucht nach exotischer Ferne für jedermann befriedigen, die historisch geprägte Vorstellung bleibt beim Betrachter weiterhin, wenngleich unterschwellig und von Unbehagen begleitet, wirksam.

Mit großen Plakaten warben Veranstalter zwischen 1870 und 1920 in Deutschland für sogenannte Völkerschauen, die dem Publikum afrikanische Lebensgemeinschaften unter zooähnlichen Bedingungen präsentierten. Entgegen der Intention der Inszenierung, die dem heutigen Betrachter nahelegt, dass die Gruppen zwangsrekrutiert und durchweg ausgebeutet wurden, reisten auch gebildete und geschäftstüchtige Teilnehmer mit, welche die scheinbar ethnologischen Tourneen mit Gewinn nutzten. Solcherart Korrekturen des vermeintlich aufgeklärten Blicks zählen zu den Leistungen der beiden Ausstellungen in Essen.

Seiner in den Völkerschauen demonstrierten Wildheit stand die nicht weniger rassistische Instrumentalisierung des Afrikaners als Werbefigur für Produkte wie Kaffee, Schokolade und Zahnpasta gegenüber. Die überzogene Darstellung spiegelte und verstärkte die westliche Überlegenheit und negierte den diversifizierten und pluralistischen Kulturraum Afrika. Ein Bruch in der öffentlichen Wahrnehmung erfolgte erst 1918, als französische Truppen und mit ihnen 20.000 schwarze Soldaten das Saarland besetzen. Aus dem unterlegen Afrikaner wurde kurzzeitig ein siegreicher Militär.

Propaganda unter dem Vorzeichen der Entwicklungshilfe prägte die Plakatkunst des Kalten Krieges. Anfang der 60er Jahre proklamierten viele afrikanische Staaten ihre Unabhängigkeit, derweil Ost und West durch Aufrufe zu Spenden und Solidarität ihren Einfluss zu behaupten versuchten. Weniger die jeweilige Beziehung der beiden deutschen Staaten zu Afrika oder der schwarze Kontinent selbst sind Inhalt der Plakate, sondern vielmehr die politischen Ziele von BRD und DDR. Da die Plakatästhetik durch den Produzenten und das Zielpublikum definiert wird, ist es müßig, darüber zu klagen. Nicht minder fremd, jedoch ungleich spannender wirken afrikanische Plakatgeschichten auf hiesige Betrachter. Die auf städtischen Märkten vom Stapel verkauften Blätter verquicken Mythen, Werbung, Nachrichten, Kolportagen und Kommentare zu aktuellen Ereignissen und Themen wie Korruption, Hexerei, Ehebruch, Frisuren und Mode.

Einen ähnlich eklektizistischen Zugang wählten die Porträtierten auf den Fotos, die Malick Sidibé in den 60er Jahren in Mali aufgenommen hat. Für ihre unbekümmerten Selbstinszenierungen bediente sich die städtische Jugend selbstbewusst afrikanischer Traditionen wie westlicher Moderne und formte ein eigenes Selbstbild. Zur gleichen Zeit verfolgten Journalisten wie Rolf Gillhausen und Robert Lebeck im Stern und später in Geo die klassische Reportagefotografie. Obgleich bestrebt, die Freiheitsbemühungen und das euphorische Lebensgefühl in den jungen afrikanischen Staaten objektiv zu dokumentieren, schwingt in den Bildern ein Hauch von Abenteurertum mit, wie es zuvor etwa Wolfgang Weber in seinen Bildberichten für illustrierte Magazine pflegte. Robert Lebecks Foto von Ambroise Boimbo, der 1960 bei einer Parade anlässlich der Unabhängigkeit Kongos dem belgischen König den Degen entwendet, zählt zu den Schlüsselbildern der afrikanischen Dekolonisationsgeschichte. In Essen ist die ganze Sequenz zu sehen, vom Entreißen der symbolisch konnotierten Stichwaffe bis zur Verhaftung des jungen Kongolesen.

Auch Germaine Krull, die als Vertreterin des Neuen Sehens begann, bedient sich eines eher kolonialen Blicks auf den Kongo. Im Auftrag der französischen Résistance dokumentierte die Fotografin Produktionsstätten, Ausbildungseinrichtungen und die infrastrukturelle Erschließung des Landes. Kritik an den von France libre übernommenen Zwangsstrukturen ist in ihren Bildern indes nicht erkennbar. Appellativen Charakter besitzen hingegen die Bilder von Pieter Hugo, die von individueller wie gesellschaftlicher Unfreiheit und globalen Abhängigkeiten erzählen. Auf einer Müllkippe in Ghana fotografiert der weiße Südafrikaner Jugendliche, die Elektroschrott recyclen (vgl. Hirten der Apokalypse, taz vom 22. 3. 2011).

Da nur Arbeiten aus der eigenen Sammlung gezeigt werden, kann die Fotoausstellung keinen repräsentativen Anspruch leisten. Doch so wünschenswert mehr afrikanische Positionen sind, so sehr ist die historisch-kritische Aufarbeitung der musealen Bestände geboten. Mit den beiden Schauen ist jedenfalls ein guter Anfang gemacht.