Autor als Entdecker

Zum dritten Mal hat Hamburg einen Stadtschreiber eingeladen. Als „Hamburger Gast“ möchte sich der Münchner Tilman Strasser drei Monate lang voll auf die Stadt einlassen

Bewusst mit wenig Vorwissen gekommen: Für Tilman Strasser ist der Hamburg-Besuch Chance für einen literarischen Neuanfang Foto: Frank Keil

Tilman Strasser sitzt im Soltau-Zimmer, dreimal die Woche, mindestens. An einem neumodischen Schreibtisch zwischen einem alten Schreibtisch und einer Kommode. Und dann ist da noch die Büste von Dietrich Soltau, dem dieses Zimmer gewidmet ist, einst in Bergedorf ansässiger Schriftsteller und Übersetzer. „Ich versuche seinem strengen Büsten-Blick auszuweichen, ich sitze hier als lebendiges Exponat“, sagt Strasser. Für drei Monate ist der 33-jährige Münchner gerade „Hamburger Gast“, der neue Stadtschreiber. Bergedorf mit seinem Schloss und dessen Dietrich-Soltau-Zimmer ist die erste von drei Stationen, an denen er hinsehen und -hören, schreiben und lesen wird.

Es ist ein Posten, den man nur erringen kann, wenn man sich einer Jury mit einem eigens verfassten Text vorstellt, angetrieben von einem Begriff, der diesmal auf das Wort „Wasserstandsmeldungen“ hörte. „Ich habe eine Kurzgeschichte eingereicht, was die meisten gemacht haben“, sagt Strasser. Er hat dafür tatsächlich in die heimische, nicht nur sprichwörtliche Schublade gegriffen und einen Text hervorgeholt, der eigentlich mal für ein ganz anderes Stipendium gedacht war.

„Als ich ihn noch mal las“, sagt Strasser, „dachte ich mit der mir eigenen Hybris: ‚Der Text ist immer noch gut, warum ist das damals nur nichts geworden?‘“ Natürlich habe er die Geschichte überarbeitet, daran gefeilt und sie verbessert, erzählt er in einem der kleinen Cafés in der Marktstraße im Hamburger Karolinenviertel, wo man es noch versteht, die morgendliche Langsamkeit behutsam in die übliche Geschäftigkeit zu verwandeln. Während seiner Stadtschreiberzeit wohnt Strasser direkt nebenan, im Künstlerhaus Vorwerkstift.

Nach Stephan Roiss und Doris Konradi ist Strasser der dritte Stadtschreiber. Eine Institution, die sich in Hamburg noch nicht so recht herumgesprochen hat. Auch die Kulturbehörde hat erst mal abwartend zugeschaut, ob das eine gute und verlässliche Sache wird. Nun ist sie fördernd und unterstützend dabei.

Der Rahmen: Drei Monate wird Strasser in der Stadt sein, jeden Monat an einem anderen Ort. Bis Ende August noch sitzt er – ansprechbar für jeden – in Hamburgs einzigem Schloss in Bergedorf. Im September dann steht sein Schreibplatz in der Hausbar des Schmidt Theaters auf dem Spielbudenplatz, wo ihm also St. Pauli zu Füßen liegt. Und im Oktober schließlich wird er auf der anderen Elbseite in der Harburger „KulturWerkstatt“ textend arbeiten.

Ansprechbar für jeden

Gezahlt werden Strasser 1.500 Euro im Monat – nicht üppig, aber auch nicht wenig, für Stadtschreiber sind solche Summen üblich. Erwartet wird von ihm im Gegenzug, dass er hin und wieder seine Erlebnisse auf dem Blog des Ausrichters einträgt. Verpflichtend sind aber nur die Antrittslesungen an den jeweiligen Standorten. Am 30. August ist er als nächstes im Bergedorfer Schloss zu hören. Von Bergedorf hat er bis dato so viel mitbekommen: Irgendwie sei es Hamburg – und irgendwie dann doch nicht.

St. Pauli, sagt er, sei da als Ort weit vertrauter: „Mehr Hamburg-Klischee geht wohl erst mal nicht.“ Was aber die Chance biete, wenigstens zu versuchen, hinter das Klischee des Klischees zu schauen. Gespannt ist Strasser aber vor allem auf Harburg, habe bewusst wenig Vorwissen eingesammelt, wisse aber natürlich, dass es ein Außenposten der Stadt sei, der sich nicht nur städtebaulich im Umbruch befinde. “

Ansonsten ist Strasser Hamburg nicht ganz unvertraut. Aufgewachsen in München, zog es ihn nach Hildesheim, wo er „Kreatives Schreiben“ studierte. Die nächste Stadt, „um was zu erleben“, hätte eigentlich Hannover sein sollen. „Aber das war keine Option. Also fuhren wir hin und wieder am Wochenende nach Hamburg, um etwas zu erleben“, sagt er. Wobei er sich schon, als er vor acht Jahren zum ersten Mal seinen Fuß auf Hamburger Boden setzte, merkwürdig zu Hause fühlte. Und das sei jetzt kein Promo-Satz! „Ich komme gut mit den Leuten hier klar. Bisher schwappte mir nur Verständnis entgegen.“

Später verschlägt es Strasser kurz nach Berlin, wo er für den Tagesspiegel auch als Polizeireporter arbeitet; außerdem schreibt er Drehbücher, um Geld zu verdienen: „Für richtig schlechtes Fernsehen, das möchtest du nicht kennenlernen“, sagt er heute. Sein Romandebüt „Hasenjäger“ über einen talentierten Geigenschüler, der seinem Abschlusskonzert entflieht, veröffentlicht der kleine, feine Salis Verlag aus der Schweiz. Schließlich engagiert ihn das Kölner Literaturhaus als Pressereferenten, seitdem lebt er am Rhein.

Und was hat er sich für seine Hamburger Zeit vorgenommen? „Ich habe natürlich die für Autoren übliche Anzahl von unfertigen Projekten mit dabei, frage mich aber, ob es eine gute Idee ist, die nacheinander abzuarbeiten“, sagt Strasser. „Was auch gar nicht ginge, denn darunter sind natürlich die gigantomanischen Romanprojekte, die je allein zehn Jahre Lebenszeit erfordern würde.“

Staunender Schreiber

Mit der Stadtschreiberei hat Strasser Erfahrung, auch wenn die sich auf dem Land abspielte und auch noch in Oberösterreich: „Ich hatte vor 12, 13 Jahren ein Stipendium am Wolfgangsee“, sagt er. Das aber sei nicht sehr erfolgreich verlaufen. Außerhalb der Saison sei nicht viel los gewesen. „Es war sehr trist, und ich war auch noch zu jung.“

Umso mehr staunte er, als er seinen Nachfolger Peter Wawerzinek beobachtete, der seinen Schreibtisch übernahm: „Der hat das sensationell gemacht! Der ist überall im Dorf herumgelaufen, hat bei jeder Oma geklingelt und wurde ihm nicht aufgemacht, hat er die Landschaft drum herum beschrieben.“ Bei gefühlt 15 Lesungen habe Wawerzinek seine Textberge unters Volk gebracht, dazu noch zwei Sonderpublikationen auf die Beine gestellt. „So wagemutig und wuchtig zu sein, das ist schon der bessere Einstieg, allein um in einen besseren Flow zu kommen“, sagt Strasser – und holt Luft, klopft sich auf den Oberschenkel und sagt zu sich selbst: „Also ich empfehle mir hiermit, mich voll auf Hamburg einzulassen.“