„Eine Art Sportsgeist“

Die Bremerin Astrid Nippoldt wird Stipendiatin der Villa Massimo in Rom. Porträt einer Künstlerin, die mit „praktisch nichts“ arbeitet

Bremen | taz ■ | Gebannt verfolgt Astrid Nippoldt die Fernseh-Übertragung des Zehnkampf-Finales der Leichtathletik-Weltmeisterschaft, als der angekündigte Besuch ihr Atelier im Künstlerhaus am Deich betritt. Die Videokünstlerin wirkt ein wenig verlegen, lächelt, als hätte man sie ertappt. Doch nach einem Augenblick kippt die Haltung der 32-Jährigen um in Selbstsicherheit und Verbindlichkeit.

Umschlagende Wahrnehmungen und unbeständige Interpretationen bestimmen auch viele Filme von Astrid Nippoldt. In „Prolog“ aus dem Jahr 2004 tritt aus einem formlosen, kosmisch-glühenden Nebel allmählich die Leuchtschrift „World“ hervor – erst am Ende des kurzen Videofilms kann man erkennen, dass die Ursuppe am Anfang durch eine angehauchte Kameralinse entstanden ist.

„Kunst machen ist ein Dialog zwischen dem, was man sucht, und dem, was einem passiert“, definiert Nippoldt für sich selbst. Sie filmt ziemlich wenig – die Kamera ist nur dabei, wenn sie das Gefühl hat, „heute finde ich was“, auch wenn sie nicht genau weiß, wonach sie Ausschau hält. „Ort und Konstellation müssen mich faszinieren“, betont die Künstlerin. Der Rest ist konsequente Arbeit, die ihr gelegentlich zum Kampf gerät. Ihre Hartnäckigkeit will sie als „eine Art Sportsgeist“ verstanden wissen. Dieser trieb sie einmal dazu, ihren Tagesablauf nach einer Internet-Kamera auszurichten, die im Fünf-Minuten-Takt aktuelle Bilder vom Vulkan Mount St. Helens zeigte. Wochenlang hat sie diese Aufnahmen einzeln kopiert, um daraus einen Film zu machen. Den fertigen Arbeiten sieht man die Mühe und Dauer ihrer Entstehung meist nicht an.

Auf einer Zugfahrt nach Leipzig hat Astrid Nippoldt den Himmel gefilmt, Oberleitungsmasten und Büsche, die „wie Herden und Heere“ vorbeizogen. Danach lag das Material ein paar Jahre, weil sie vergeblich nach geeigneten Geräuschen suchte. Untermalt von der Tonspur einer Büffeljagd aus dem Film „Der mit dem Wolf tanzt“ wirken die kargen Bilder jetzt unter dem Titel „wy o ming“ wie ein Kurzwestern. Allerdings spielt der sich nur im Kopf des Betrachters ab, als Ergebnis von Erwartungen und Sehgewohnheiten, die alltäglicher Umgang mit Filmen und Kino verfestigt haben. „Ein dramatischer Moment entsteht damit aus praktisch nichts“, freut sich Nippoldt. „Immer wenn ich einen erfolgreichen Film gemacht hatte, habe ich danach versucht, genau so weiterzumachen“, berichtet die Künstlerin. „Das hat aber nie geklappt.“

Oft überkommt sie nach der langen und konzentrierten Arbeit an einem Projekt der Wunsch, etwas ganz anders zu machen. „Ich arbeite nach Bedürfnis – auch nach dem Bedürfnis, mich selbst zu unterhalten.“

Im Kunstbetrieb ist dieser stete Wechsel bisher gut angekommen. Bereits während ihres Studiums an der Hochschule für Künste in Bremen bei Jean-François Guiton heimste Astrid Nippoldt Preise und Stipendien ein. 2001 erhielt sie den Bremer Förderpreis für Bildende Kunst, sie war zu Arbeitsaufenthalten in New York, Marseille, Paris, Casablanca, mittlerweile hält sie sich in Riga auf. Als bisherigen Höhepunkt bekam sie von der Bundeskulturstiftung für das kommende Jahr das begehrte Rom-Stipendium in der Villa Massimo zugesprochen. „Künstlerverschickung“, kommentiert Astrid Nippoldt knapp und bringt wieder einmal alles ins Kippen: Ist das ein unschuldiger Witz – oder kokettiert sie mit der vorgeblichen Unbill des Erfolgs, aus der privilegierten Position heraus, in die sie ihre ungewöhnlich steile Karriere geführt hat?

Im Ausland, sagt sie, vermisse sie vor allem das deutsche Sportfernsehen, und es ist ihr ohne Zweifel ernst damit. Tour de France, Leichtathletik und Fußball verfolgt Astrid Nippoldt seit langem ausdauernd am Bildschirm. Wenig überraschend, dass sie ihr Jahr in Rom für einen vorübergehenden Inlandsaufenthalt unterbrechen will: Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 möchte sie live in Deutschland erleben.