Ungeklärter Tod auf der „Gorch Fock“

Doch kein Unfall?

Die Ermittlungen waren eingestellt, nun spricht ein neuer Zeuge von Mord: Im Todesfall der „Gorch Fock“-Kadettin Jenny Böken gibt es offene Fragen.

EIn Segelschiff vor bewölktem Himmel bei ruhiger See

Vielleicht doch ein Tatort: Das Marine-Ausbildungsschiff „Gorch Fock“ Foto: dpa

BREMEN taz | Der Fall der 2008 unter ungeklärten Umständen gestorbenen Bundeswehrkadettin Jenny Böken geht weiter. Ein neuer Zeuge spricht nun von Mord an der jungen Offiziersanwärterin. Vor zehn Jahren war die damals 18-Jährige Böken bei einer Nachtwache auf dem Segelschulschiff „Gorch Fock“ nördlich von Norderney über Bord gegangen. Elf Tage später wurde ihre Leiche bei Helgoland geborgen. Die Kieler Staatsanwaltschaft beendete wenige Monate nach dem Unglück die Untersuchung und schloss eine Straftat ebenso wie Suizid aus – trotz vieler Ungereimtheiten.

Der Zeuge, der nun eine eidesstattliche Aussage gemacht hat, spricht dagegen von Mord. Das berichtete der WDR am Montag. Nach Angaben von Rainer Dietz, dem Anwalt der Familie Böken, hatte sich der Zeuge bei den Eltern der Toten gemeldet. „Die Aussage begründet den Verdacht von mindestens Totschlag – der Zeuge nimmt das Wort Mord in den Mund“, bestätigt Dietz. Die Vorwürfe seien so eklatant, dass die Staatsanwaltschaft reagieren müsse.

Böken war im Juli 2008 der Marine beigetreten, um bei der Bundeswehr Medizin zu studieren. Zur Vorgeschichte des Todesfalls gehört laut Dietz eine Party vor der Abfahrt des Schiffes. An der hatten neben Jenny Böken weitere Soldat*innen teilgenommen. Der Zeuge, ein damaliger Bundeswehrsoldat, hatte Böken zunächst privat kennengelernt. Bei der besagten Feier soll es zu sexuellen Handlungen zwischen ihm und Böken gekommen sein.

Diese seien „mutmaßlich einvernehmlich“ gewesen, erzählt Dietz der taz. „Beide waren sehr betrunken und der Zeuge weiß nicht mehr, von wem die Initiative ausging.“ Der Vater der Toten, Uwe Böken, spricht im WDR-Interview dagegen von einer Vergewaltigung. Der Geschlechtsverkehr sei gefilmt worden, das Video kursierte daraufhin an Bord des Schiffes. Böken habe schließlich gedroht, den Übergriff zur Anzeige zu bringen. Der Verdacht des neuen Zeugen: deswegen sei die junge Frau umgebracht worden – erdrosselt.

Indizien sprechen gegen Ertrinken

Der Zeuge gehörte nicht selbst zur „Gorch Fock“-Besatzung. Nach Bökens Tod sei er in seiner Kaserne von drei Personen aufgesucht worden, berichtet Dietz der taz. Man habe ihm erzählt, dass er sich jetzt keine Sorgen mehr machen müsste, das Thema sei „erledigt“, so der Anwalt. „Dem Zeugen wurde von Selbstmord berichtet, obwohl er stark daran gezweifelt hat, dass Böken so etwas tun könnte.“

Dann sei ihm noch gedroht worden: Wenn er weiter Fragen stelle, würde er enden wie Böken. Der Vorwurf der Erdrosselung würde auch zu der Tatsache passen, dass in den Lungen der Toten bei der Obduktion kein Wasser gefunden worden war – ein Indiz, das gegen ein Ertrinken spricht.

Am 3. September 2008 geht die Kadettin Jenny Böken in der Nordsee von der „Gorch Fock“ bei ihrer Nachtwache über Bord. Elf Tage später wird ihre Leiche geborgen.

Ende Januar 2009 schließt die Staatsanwaltschaft Kiel die Untersuchung ab: Bökens Tod gilt seither als Unfall.

Die von den Eltern angestrebte Wiederaufnahme des Falls hat juristisch keinen Erfolg. Auch ihre Entschädigungsklage wird im September 2016 letztinstanzlich zurückgewiesen.

Trotz der Zweifel und der etwaigen Mitschuld an einer Selbsttötung habe der Zeuge an diese Theorie glauben wollen, erklärt Dietz. Das sei auch ein Grund, warum er mit der Aussage so lange gewartet habe. Ein weiterer sei aber auch sein Ausscheiden aus der Bundeswehr gewesen.

„Das ist öfters ein Anlass, warum jemand anfängt zu reden“, so Dietz. Aber auch fragwürdige Polizeiarbeit hat wohl zu der späten Aussage geführt. So habe sich nun herausgestellt, dass derselbe Zeuge bereits vor zwei Jahren eine Aussage hatte machen wollen, die damals von der Polizei aber als irrelevant eingestuft worden war.

Der Zeuge berichtet in seiner Aussage auch von einer möglichen Schwangerschaft der Toten, so Dietz. Sie habe mit ihm in Kontakt gestanden und ihm vorgeworfen, kein Kondom benutzt zu haben. E-Mails an ihre Eltern, mit dem dringenden Wunsch, nach ihrer Rückkehr eine Gynäkologin aufzusuchen, bestätigen den Verdacht. „Das ist ein weiteres Mosaiksteinchen, das durchaus zu dem Rest passen würde“, stellt Uwe Böken fest.

Rainer Dietz, Rechtsanwalt

„Wer Krimis guckt, weiß, dass etwas nicht stimmt, wenn sie kein Wasser in der Lunge hat und keine Schuhe trägt“

Die mutmaßliche Straftat des Zeugen wäre inzwischen verjährt – Totschlag in schweren Fällen sowie Mord allerdings nicht. Diese Diskussion ist für Dietz aber müßig: „Es gibt keinen Tatverdächtigen.“ Aber den Eltern gehe es auch erst mal nur um eine Wiederaufnahme des Strafverfolgungsverfahrens: Es gebe so viele Ungereimtheiten, mit denen sich auch die Staatsanwaltschaft nicht zufrieden geben sollte.

„Es gab ja nie richtige Ermittlungen“, sagt Dietz. Widersprüchen sei nicht nachgegangen worden. „Wer Krimis guckt, weiß, dass etwas nicht stimmt, wenn sie kein Wasser in der Lunge hat und keine Schuhe trägt.“ Das sei aber nicht alles. Laut Aussagen von Kolleg*innen hatte Böken wegen Schlafstörungen mehrfach den Schiffsarzt aufgesucht – der bestritt das. Einen Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens habe er gestellt, so Dietz.

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