„Wirtschaftliche Motive sind nicht stark“

Leipziger Soziologie-Professor hat anhand von empirischen Daten die Beweggründe der AfD-Wähler untersucht – es geht um kulturelle Identität

Interview Sabine am Orde

taz: Herr Lengfeld, Sie haben auf der Basis von Daten des sozio-oekonomischen Panels die Motive von AfD-Anhängern untersucht und kommen zu einem ernüchternden Ergebnis: Für die anderen Parteien wird es schwer sein, diese Menschen zurückzugewinnen. Warum?

Holger Lengfeld: Wir haben festgestellt, dass es vor allem zwei Gründe gibt, warum Menschen der AfD zuneigen. Der wichtigste ist das Gefühl des Verlusts einer kulturellen Identität. AfD-Anhänger möchten kleine, geschlossene Gemeinschaften, hohe kulturelle Integration, gemeinsame Sprache, gemeinsame Werte. Wir machen das daran fest, dass AfD-Anhänger überdurchschnittlich oft der Meinung sind, dass die Flüchtlingszuwanderung nach Deutschland grundsätzlich keine gute Sache sei. Der zweite Grund ist, dass AfD-Anhänger überdurchschnittlich oft die Demokratie, wie sie in Deutschland existiert, kritisieren. Wirtschaftliche Motive dagegen sind nicht besonders stark.

Also Kultur- statt Klassenkampf?

Ja, es geht vor allem um Kultur und Werte. Und das ist für die anderen Parteien ein schwieriges Feld. Sie müssten ihre Flüchtlings- und Migrationspolitik sehr grundsätzlich verändern.

CSU und auch Teile der CDU, zum Beispiel in Sachsen, versuchen gerade, sich in dieser Frage als Hardliner zu positionieren und so AfD-Wähler zurückzuholen. Keine gute ­Strategie?

Kurzfristig wird das vermutlich nichts bringen, die Gefahr ist sogar, dass sie Wähler am anderen Ende ihres Spektrums dadurch verlieren. Meine Vermutung ist, dass AfD-Anhänger das nicht für glaubwürdig halten. Es müsste schon über eine längere Zeit eine mit Taten dokumentierte und sehr grundsätzliche Wende stattfinden. Viel leichter wäre es, wenn die AfD eine Partei der „kleinen Leute“ wäre und die soziale Frage entscheidend wäre. Dann könnte man mit Verteilungs- und Sozialpolitik oder Arbeitsmarktreformen viel erreichen. Verteilungskonflikte lassen sich in wohlhabenden Gesellschaften viel leichter lösen als Wertekonflikte.

Die noch immer weit verbreitete These, dass sich vor allem Modernisierungsverlierer rechten Parteien zuwenden, halten Sie also für falsch.

In dieser Absolutheit ist sie falsch. Es gibt inzwischen zwar die Tendenz, dass sich Menschen aus den unteren Schichten etwas häufiger der AfD zuwenden. Aber auch bei diesen Menschen stoßen wir als Motiv wieder auf die Flüchtlingszuwanderung. Sie lehnen diese häufiger ab als Menschen aus der Mittel- und Oberschicht. Wir vermuten, dass es hier um Konkurrenzabwehr geht. Flüchtlinge könnten Konkurrenten werden um Jobs und Wohnraum. Aber die kulturelle „Bedrohung“ ist auch hier viel wichtiger.

Die AfD in Ostdeutschland will im kommenden Jahr aber mit Sozialpolitik Wahlkampf machen. Wie passt das zusammen?

Die AfD ist bisher eine Partei mit wirtschaftsliberalem Profil, das ist für Menschen mit niedrigem sozialem Status nicht attraktiv. Aber zumindest ein Teil der Partei will für die „kleinen Leute“ attraktiv werden, um Wähler von SPD und Linken zu gewinnen.

Was würden Sie den anderen Parteien raten?

Was wohl nicht funktionieren wird, ist: sozialpolitische Wohltaten zu verteilen. Hilfreich wäre vielleicht ein offenerer Umgang mit politischen Pro­blemen. Nicht so zu tun, als hätte man für alles jederzeit passende Lösungskonzepte, sondern auch mal zuzugeben, dafür haben wir gerade keine Lösung.

Hört sich so an, als würde uns die AfD erhalten bleiben.

Ja, ich gehe davon aus, dass sich die AfD stabilisiert. Unser Parteiensystem holt wahrscheinlich eine Entwicklung nach, die es in anderen europäischen Ländern schon gab: Eine Partei jenseits des klassischen Konservatismus etabliert sich. Aber vielleicht können die deutschen Parteien von der Entwicklung in anderen Ländern lernen und so Fehler im Umgang mit Rechtspopulismus vermeiden.