Die Archivierung des Alltags schreitet voran

Büchermörder, Chronifizierte und andere für den Herbst geweckte Erwartungen: beim traditionellen literarischen Saisonauftakt im Literarischen Colloquium Berlin

Sechs Autoren sitzen gleich links neben der Bühne wie Einwechselspieler, einige haben ihre Füße auf den Rand des Podiums gestellt, auf dem sie gleich lesen werden: traditioneller Saisonauftakt im Literarischen Colloquium am Berliner Wannsee. Unter der Moderation von Shelly Kupferberg und Frank Meyer eröffneten sie am Freitag mit der Vorstellung ihrer Neuerscheinungen den Lesungsherbst im restlos gefüllten Saal des LCB.

Den Anfang machte Thomas Lehr, der – dem Grundmuster der Veranstaltung folgend – einen etwa zehnminütigen Ausschnitt aus seinem Roman „42“ (Aufbau Verlag) vorlas, um diesen ersten Eindruck dann im anschließenden Gespräch mit dem kompetent eingelesenen Moderatorenteam zu vertiefen. In „42“ geht es um einen mysteriösen Zeitunfall, der fünf Wissenschaftlern zustößt, als sie nach dem Besuch des unterirdischen Kernforschungszentrums Cern in Genf wieder ans Tageslicht kommen und feststellen, dass die Zeit stillsteht und alles eingefroren ist – außer ihnen, den „Chronifizierten“ oder auch „Zombies“. Dem studierten Biophysiker Lehr, aufgrund seines Romans „Nabokovs Katze“ sicherlich der bekannteste Autor des Abends, ging es nach eigener Aussage vor allem um ein soziologisches Experiment, in dem „die Zeit das Subjekt des Romans“ sein soll. Die Idee hierfür kam ihm 1989, als der Autor in der Schweiz weilte und sich wie aus der Zeit gefallen wähnte, als in Berlin die Mauer fiel.

Auffallend bereits hier, wie sehr sich die Autoren mittlerweile auf die Spielregeln des Feuilletons eingelassen haben, wie interessant und eloquent sie also im Gespräch über ihren Romanüberbau, über Schreibstrategien und Themen Auskunft geben können – und wie schwer es dann der eigentliche Text hat, die so geweckten Erwartungen zu erfüllen. Da im Literarischen Colloquium jedoch erst gelesen, dann geredet wurde, blieb nach dem anschließenden Gespräch fast immer der Eindruck, als würde sich jedes der vorgestellten Bücher doch noch zu lesen lohnen (oder als wären einfach die zuvor gelesenen Passagen schlecht gewählt).

Die in China aufgewachsene und seit 1990 in Berlin lebende Luo Lingyuan las beispielsweise eine ebenso naiv-märchenhafte wie grausame Geschichte aus ihrem Sammelband „Du fliegst jetzt für meinen Sohn aus dem fünften Stock!“ (dtv). Es geht um ein Mädchen im Pfefferminzgarten, das den brutalen Züchtigungen ihrer Eltern ausgeliefert ist. Eine Erzählung, deren Abgründigkeit jedoch erst im anschließenden Gespräch auftaucht, wenn Luo Lingyuan von ihrer Jugend in China und dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens berichtet.

Ähnlich verhielt es sich bei Kathrin Schmidt. Sie las aus ihrem Roman „Seebachs schwarze Katze“ (Kiepenheuer & Witsch), einer Vater-Sohn-Geschichte um den Stasi-Verrat des als „Romeo“-Liebhaber konspirierenden Vaters, die so richtig spannend erst durch den anschließenden Hinweis der Autorin wurde, dass es sich um eine persönliche Erfahrung mit dem „Vater meiner ältesten Tochter“ handelt, die hier verarbeitet wurde.

Im Anschluss daran bemühte sich die Popfraktion des Abends, bestehend aus dem Lyriker Matthias Göritz und dem Theaterautor Kristof Magnusson, um gute Laune und Texte, denen sich naturgemäß leichter mit einem Lacher folgen lässt. Göritz las den Anfang seines Debütromans „Der kurze Traum des Jakob Voss“ (Berlin Verlag), in dem sich alles um Landleben, Massentierhaltung und Aufwachsen in den 80ern dreht – zum Beispiel wie man an einem Nachmittag im schwülen Zimmer der Cousine vom scheuen Landei zu Ziggy Stardust werden konnte. Und der bereits beim Bachmann-Wettbewerb aufgetretene Magnusson schildert in „Zuhause“ (Kunstmann) ähnliche Adoleszenz-Probleme anlässlich eines Island-Aufenthalts, auch wenn hier die Referenzgrößen Ian Curtis und Matilde heißen und die entscheidende Frage lautet, ob man als Charakter in eine Prince-Denmark-Reklame passt oder nicht. Beide, Göritz wie Magnusson, treiben das vom Germanisten Moritz Baßler ausgerufene Popprojekt einer Archivierung ihres Alltags voran, die jedoch der eine, Göritz, mit einer Unternehmervita aus dem 19. Jahrhundert der Industrialisierung, wie der andere, Gunnarson, mit Mythen aus der altisländischen Sagenwelt zu überhöhen versucht.

Gänzlich in die Historie begab sich dafür am Ende der Veranstaltung der von Shelly Kupferberg als „gefürchteter Bibliomane“ eingeführte Detlef Opitz mit seinem Roman „Der Büchermörder“ (Eichborn Berlin). Zehn Jahre lang hat sich Opitz in Recherchematerial wie die verschollen geglaubten Prozessakten eines historischen Kriminalfalls aus dem Jahre 1815 um einen sächsischen Pfarrer vertieft, die er in einer Bibliothek in Boston entdeckt hat. Allein schon der kurze Ausblick auf diese abenteuerliche Recherche-Geschichte, gleichzeitig Thema des Romans, sowie dessen barock überbordende Sprache lassen die Gefahr spüren, in die der Leser sich begibt, wenn er sich denn tatsächlich mal in ein Buch vertieft – und in den Büchern hinter diesem Buch verliert.

ANDREAS MERKEL