Französische Avantgarde im Comic

Ästhetik der Pariser Bohème

Das Untergrundleben einer anarchistischen KünstlerInnengruppe: Davon erzählt mit feiner, origineller Linie „Der Bücherdieb“.

Szene aus dem besprochenen Comic Foto: Alessandro Tota, Pierre van Hove / Reprodukt 2018

Durch die erste Szene wird gewetzt. Ein junger Typ im Anzug lässt in einem kleinen Pariser Buchladen ein Buch mitgehen. Draußen nimmt er die Beine in die Hand. Der Buchhändler aber auch. Mitten in die Verfolgungsszene hineingeschnitten wird die Erinnerung des Diebs an ein wichtiges Ereignis vom Vortag.

Dieses Erzählprinzip ist typisch für die neue Graphic Novel „Der Bücherdieb“ von Alessandro Tota und Pierre van Hove. Im spannendsten Moment gibt es einen Szenenwechsel oder eine Rückblende. Es ist das Jahr 1953. Damals trug ein Jurastudent wie der tragikomische Protagonist Daniel Brodin Anzug und Krawatte und kämmte sein Haar streng zurück. Nebenbei ist dieser ein leidenschaftlicher Leser, Bücherdieb und Möchtegernpoet.

In der ersten Rückblende erfahren wir: Daniel besuchte am Vorabend mit seiner von ihm angehimmelten Kommilitonin Nicole einen Dichterwettstreit im Café Serbier, wo sich die gerade angesagtesten Dichter der Existenzialistenszene treffen. Dort fühlt er sich spontan berufen, selbst mitzumachen. Sein mitreißender Vortrag von der „Hirtenhündin“ begeistert den versnobbten Zirkel aus dem Stand und beschert Daniel weitere Einladungen.

Nur ein Gast gibt ihm leise zu verstehen, dass das Gedicht geklaut ist – es entstammt einer Sammlung von Versen geisteskranker italienischer Dichter.

Abseits der etablierten Kunstszene

Daniel macht kurz darauf noch die Bekanntschaft mit einer Gruppe junger Bohèmiens, die sich um den düster dreinblickenden Gilles versammelt. Diese anarchistischen Avantgardisten scheuen jede Arbeit, betrinken sich andauernd in Kaschemmen und wollen wahrhaftige Antikunst machen. Für die arrivierte Literatenszene um Jean-Paul Sartre oder die Surrealisten haben sie nur Verachtung übrig.

Alessandro Tota und Pierre van Hove: „Der Bücherdieb“. Aus dem Französischen von Volker Zimmermann. Reprodukt Verlag, Berlin 2018. 176 Seiten, 20 Euro

Auf einem Salon gibt ­Gilles eine Vorstellung von seiner Poe­sie, einer Form von Lautmalerei ohne jeden Sinn. Ein kalkulierter Eklat, es kommt zu Handgreiflichkeiten.

Szenarist Alessandro Tota und Zeichner Pierre van Hove, zwei im heutigen Paris lebende Künstler, haben sich für ihre amüsante wie originelle Graphic Novel von einer Epoche anregen lassen, in der sich zahlreiche literarisch-künstlerische Bewegungen in der Seine-­Me­tro­po­le bildeten.

Sabotage als wesentliches Mittel

Vorlage für die Avantgardeclique um Gilles war laut Tota (Jahrgang 1982) vor allem die Bewegung des „Lettrismus“, die 1945 von Isidore Isou in Paris gegründet wurde, dadaistische wie surrealistische Ideen aufgriff und in ihren Performances Wörter zerlegte und Lautgebilde produzierte. Ziel war die Lettristische Revolution und ein Aufstand der Jugend.

Der Leser leidet mit der Hauptfigur mit, da sie stets „aufzufliegen“ droht

Ein radikaler Kern der Gruppierung spaltete sich ab zur „Lettristischen Internationale“, die Sabotage als wesentliches Mittel ihrer Kunstaktionen verstand. Später ging daraus auch die „Situationistische Internationale“ hervor, die in der 68er Zeit eine Rolle spielte.

Tota und van Hove nehmen diese Inspirationen auf und gehen doch sehr frei mit ihnen um. Alle Hauptfiguren sind fiktive Charaktere, vielleicht lose angelehnt an manche Protagonisten der genannten Bewegungen.

Präziser, lässiger Stil

Dem 1974 geborenen früheren Trickfilmzeichner van Hove gelingt in seinem Comicdebüt eine atmosphärisch äußerst dichte Nachbildung vom Paris der Nachkriegszeit – insbesondere von Saint-Germain-des-Prés. Akribisch studierte er das Aussehen der Straßen in alten Fotobänden und verlieh so seinen elegant getuschten Schwarzweißzeichnungen hohe Glaubwürdigkeit. Dabei bleibt er sehr locker im Strich, was seinen dezent karikiert gezeichneten Figuren Leichtigkeit verleiht.

Mit dem unsicher auftretenden, dabei oft sich selbst überschätzenden Antihelden Daniel Brodin haben die beiden Autoren einen sympathischen Hochstapler zur Hauptfigur gemacht. Er pendelt zwischen den verlockenden Milieus der Bohème, der Salonliteraten und seiner bodenständigen Familie hin und her.

Der Leser leidet mit ihm mit, da er stets droht, „aufzufliegen“, und zunehmend den Boden unter den Füßen verliert. In ironischem Kontrast zu ihm steht die sehr von sich selbst überzeugte Gruppe junger Pseudopoeten, die jenseits ihrer weltbewegenden Kunst allesamt Alkohol- und Drogenprobleme haben und von Diebstählen leben.

Filmische Aussichten

Aus der Figurenschar ragt ein Charakter heraus, der alle anderen an Charisma aussticht. Es ist Jean-Michel, ein plumper Riese mit Schlägervisage. Seine lange blonde Mähne, die meist die Augen verdeckt, und seine Statur mögen manchem Cineasten bekannt vorkommen: Jean-Michel ist dem jungen Gérard Depardieu nachempfunden, so wie er etwa im 70er-Jahre-Film „Die Ausgebufften“ als Vagabund auftrat.

In Gilles’ Clique spielt Jean-Michel die Rolle des Leibwächters, und seine Aura der Brutalität macht ihn auch in besseren Kreisen interessant. Am Ende wird er Daniel den nötigen Schubs für seine Dichtkunst verpassen, indem er ihm Gelegenheit gibt, am „richtigen Leben“ teilzuhaben.

„Der Bücherdieb“ ist ein kunstvoll erzählter grafischer Entwicklungsroman und zugleich eine süffisante Parodie auf alle Kunst- und Jugendbewegungen, die Anspruch auf Absolutheit erheben. Es verwundert nicht, dass die Graphic Novel verfilmt werden soll. Das Autorenteam ist am Drehbuch beteiligt. Die Frage bleibt nur: Wer spielt Jean-Michel?

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de