der rechte rand

Wenn Germanen zu viel singen

Wegschauen geht nicht: 25 Prozent mehr Neonazis haben die Verfassungsschützer im vergangenen Jahr gezählt. Für die taz nord beobachtet Andreas Speit den rechten Rand. Kontinuierlich.

Beim Karneval der Kulturen ist das „Freie Institut für deutsche und europäische Angelegenheiten e.V.“ (Fidea) unerwünscht. Zweimal wirkte der Hamburger Verein um Lutz Hüttel und Hanno Borchert schon beim Festival mit. Als Germanen verkleidet und Laute spielend traten sie letztes Jahr auf. Nun hat der Veranstalter „Kulturwelten e.V.“ die Anmeldung von Fidea für das vom 9. bis 11. September stattfindende Festival abgelehnt. „Uns hat sehr erschrocken, in welche Richtung deren Gedanken gehen“, erklärt Sabine Kulau von „Kulturwelten“. Im Fidea-Magazin Volkslust schrieben auch „rechtsradikale“ Intellektuelle. „Das ist mit unserem Verständnis von Integration und Toleranz nicht vereinbar“, betont Kulau.

„Seit 1989 haben Rechts und Links doch keine Bedeutung mehr“, meint Hüttel zur taz. In Fidea beteiligen sich Menschen mit unterschiedlichen Weltanschauungen, erklärt er. Er selbst käme aus der „Arbeiterbewegung“. Die „Linke“ hätte aber „völlig versagt“ und nun müsse, „politische Grenzen übergreifend“, ein neues Verständnis von und zum „Volk“ entwickelt werden.

Im Magazin entwerfen die Autoren aber nur alte Ideen für eine „volkliche Linke“. Manche Redakteure und Autoren kennen sich bereits von der nationalrevolutionären Zeitschrift wir selbst. Deren früherer Cheftheoretiker Hennig Eichberg, der heute in Dänemark die „Sozialistische Volkspartei“ berät, wiederholt in Volkslust sein an Max Horkheimer angelehntes Credo: „Wer von den Völkern nicht reden will, sollte von ‚den Menschen‘ schweigen.“ Das Volk müsse als „Subjekt gesellschaftlichen Handelns“ betrachtet werden. Die „Vielfalt der Völker“ und die „nationalen Identität“ soll gewahrt bleiben, in dem die Zuwanderung eingedämmt werde. Zudem seien die Menschenrechte abzulehnen, da alle Völker eigene Werte hätten. Ebenso greift Hans Becker von Sothen, Lektor beim extrem-rechten „Leopold Stocker Verlag“, in Volkslust die Menschenrechte an, denn Armut sei nicht gleich Armut.

Wie wir selbst bemüht sich Borchert um den „Dritten Weg“. Er hofft, dass sich die „Bündische Jugend“ und die „antiautoritären Bewegungen“ vereinen. Im Interview fragte er Dieter Schütt, Mitinitiator des national-maoistischen „Shanghaier Kreises“, nach Rudi Dutschkes „nationalrevolutionären Seite“. Schütt, der lange schon für eine „sozialistisch-patriotische Bewegung“ eintritt, hebt prompt Dutschkes „patriotische Haltung“ hervor und meint, mit „Rudi hätten die Grünen eine richtige Richtung bekommen“.

Dass die „Linke“ erst zur „Linken“ werde, wenn sie mit dem „Volk“ zur Bewegung wird, betont Alexander Raul Lohoff, auch ein wir selbst-Autor. Auf die „Antifa“ will er aber nicht zugehen, wenn diese „Schwachköpfe“ die „alte Leier links + national = nationalsozialistisch aufwärmen“. Die „volksverachtende Linke“ forciere die „Faschisierung“, meint er.

Bei dem Feinbild verwundert kaum, dass bei der Publikation Claus M. Wolfschlag mitwirkt, der in extrem-rechten Publikationen über die „antifaschistische Beeinflussung“ klagt und Personen aus der Antifa outet. Solch politisches Engagement bewertet Fidea-Mann Hüttel wohl nicht als „ideologisch einseitig“, was er ablehnt, so Hüttel. Fidea engagiert sich auch im Wendland bei alternativen und ökologischen Projekten.