Wagt zu sagen, was ihr Apfel nennt

Warum das Essen von Äpfeln die Wirkung von Literatur hat

Der Apfel ist immer für eine Geschichte gut. Das wissen wir nicht erst seit Adam und Eva. Auch bei den alten Griechen und Germanen gab es schon Sagen von goldenen Äpfeln, die unsterblich machen, die begehrt, bewacht und geklaut wurden.

Die beiden größten Epen der Antike, die „Ilias“ und die „Odyssee“, wären nicht geschrieben worden, hätte Paris nicht jener göttlichen Schönen einen Apfel geschenkt, woraufhin der Trojanische Krieg ausbrach. Der Mordlust ihrer Stiefmutter kann Schneewittchen mehrmals geschickt entkommen, aber der Verführungskraft des vergifteten Apfels erliegt sie und wird nur durch märchenhaftes Glück gerettet. Wilhelm Tell wäre ohne Apfel trotzdem ein Held gewesen, aber wäre er eine Legende geworden? Friedrich Schiller, Autor des Tell’schen Apfeldramas, bewahrte immer einige faulige Äpfel in der Schublade seines Schreibtisches auf. Um sich im ganz wörtlichen Sinne zu inspirieren, sog er den Apfelduft ein und schrieb dann drauflos. So jedenfalls geht die Geschichte.

Ich kann mir ein Leben ohne Äpfel genauso wenig vorstellen wie ohne Geschichten. Schon in meiner Kindheit gab es von beidem viel. Man brauchte nie zu fragen, ob man ein Buch oder einen Apfel nehmen konnte. Wir durften beides zu jeder Zeit verschlingen, sogar kurz vor dem Abendbrot, ja selbst nach dem Zähneputzen. (Aber Äpfel schmecken nicht, wenn man gerade alles mit Zahnpasta ausgewischt hat.)

Wir haben Apfelkerne zerkaut und entdeckt, dass sie nach Marzipan schmecken. Klar hatten wir gehört, dass sie giftig waren, aber das war ja gerade das Spannende. Später habe ich gelernt, dass der Kern selbst gar kein Gift enthält, sondern nur einen Stoff, der erst nach dem Verzehr im Körper des Kauenden zu Blausäure wird.

Kein Wunder, gibt es also all diese Apfelgeschichten. Der Kern des Apfels funktioniert nämlich selbst wie eine Geschichte: Erst kaut man ein bisschen drauf herum, und plötzlich entfaltet sich ein Geschmack, der zwar an Marzipan erinnert, aber doch Bittermandel ist. Der gefährliche Wirkstoff liegt also gar nicht in den Worten selbst, sondern entfaltet sich erst durch den Vorgang der Lektüre im Körper des Lesenden.

Rainer Maria Rilke: Sonette an Orpheus (13)

Voller Apfel, Birne und Banane,

Stachelbeere … Alles dieses spricht

Tod und Leben in den Mund … Ich ahne…

Lest es einem Kind vom Angesicht,

wenn es sie erschmeckt. Dies kommt von weit.

Wird euch langsam namenlos im Munde?

Wo sonst Worte waren, fließen Funde,

aus dem Fruchtfleisch überrascht befreit.

Wagt zu sagen, was ihr Apfel nennt.

Diese Süße, die sich erst verdichtet,

um, im Schmecken leise aufgerichtet,

klar zu werden, wach und transparent,

doppeldeutig, sonnig, erdig, hiesig –:

O Erfahrung, Fühlung, Freude –, riesig!

Die enge Beziehung zwischen Apfel und Sprache beschreibt Rainer Maria Rilke in seinem 13. Sonett an Orpheus. Eigentlich ist es die Dokumentation eines Rausches, und die Droge ist der Apfel, vielmehr der volle Apfel.

Außer dem Apfel gibt es hier zwar noch Birne, Banane und Stachelbeere, doch die sind eher Teil der Vorbereitung auf das volle Apfel-Wagnis, eine Art Anreizen des Geschmackssinns, und die drei Pünktchen nach „Stachelbeere“ scheinen wie Wassertropfen, die im Munde zusammenfließen …

Das lyrische Ich unternimmt keinen Selbstversuch, das wäre zu unmittelbar. Stattdessen nimmt es sich ein Kind als Testperson, um auf dessen Gesicht zu lesen, was es „erschmeckt“. Denn eine Frucht, so die ahnungsvolle Hypothese, „spricht Tod und Leben in den Mund“. Die Aufgabe des Dichters ist es nun, diese Fruchtsprache hörbar zu machen. Letztlich ist es eine Art Übersetzung: Der Apfel spricht durch seinen Geschmack die Sinne des Kindes an, diese Reize übertragen sich auf dessen Gesicht, das dann abgelesen und aufgeschrieben werden muss. „Lest es einem Kind vom Angesicht“, verlangt er von uns, aber zum Glück macht er es dann doch lieber selbst, und wir lesen das, was er gelesen hat, nämlich Orpheus, jenen Dichter aus der griechischen Sage.

Auch in diesem poetischen Experiment muss der Apfel zunächst gekaut werden, um seine Wirkung zu entfalten. Es gibt kaum etwas, das einem näher ist als ein Bissen im Mund, und doch kommt das, was sich dann einfindet, „von weit“. Erst wird uns „namenlos im Munde“, die Wahrnehmung raubt einem die Sprache, doch nur wenig später lösen sich abstraktere „Funde“ aus der sinnlichen Fruchtfleischeslust, und der Dichter und Experimentator fordert etwas ganz und gar Unerhörtes: „Wagt zu sagen, was ihr Apfel nennt“.

Es braucht Mut für die Lektüre des Geschmacks von Äpfeln. Mit dem In-Worte-Fassen dessen, was wir beim Verzehr des Apfels empfinden, fängt der Apfel erst an zu existieren. Umgekehrt beginnt auch die dichterische Schöpfung mit einem Apfel.

Die Worte, die das lyrische Ich in Rilkes Sonett vom Gesicht des Kindes liest, werden flüssig und süß wie der Saft, den dieses kauend aus der Frucht befreit. Auf einmal sind die Komponenten unterscheidbar: das Erdige des Todes und das Sonnige des Lebens. Da ist das Hiesige, also das Diesseits, und im Gedankenstrich verbirgt sich vielleicht das Jenseits, jedenfalls etwas, das nicht oder noch nicht in Sprache gefasst werden kann, ein Rest, ein Schweigen. Und dann kommt der Höhepunkt des Rausches. Das letzte Wort, „riesig“, schließt an das erste, „voller“, an, und das Gedicht in seinem riesigen Volumen bei kleinster Oberfläche rundet sich wie der volle Apfel, von dem es spricht.

Das Ergebnis des Rilke’schen Apfelrausch-Experiments ist überraschend, aber nicht neu. Es liegt jeder Apfelgeschichte zugrunde und wird immer wieder neue hervorbringen: Vorsicht! Der Verzehr dieses Apfels kann zu Erkenntnis führen.