Literaturpreise gehen an Frauen

Das Jahr der Autorinnen

Alle wichtigen deutschen Literaturpreise wurden in diesem Jahr von Schriftstellerinnen abgeräumt. Was ist da geschehen?

Die Autorin Inger-Maria Mahlke lacht, um sie rum andere Menschen

Eine von vielen ausgezeichneten Autorinnen: Inger-Maria Mahlke (Buchpreis 2018) Foto: dpa

BERLIN taz | Den Leipziger Buchpreis gewann im Frühjahr die Autorin Esther Kinsky, für „Hain“, ihren elegischen Road­trip durch die Trauer und die Erinnerungen. Der Deutsche Buchpreis ging im Herbst an Inger-Maria Mahlke und ihren ausholenden, zeitlich rückwärts erzählten Familien-, Insel- und Gesellschaftsroman „Archipel“. Den Büchnerpreis erhielt Terézia Mora für ihr Gesamtwerk voller ziel- und zügelloser Figuren. Der Wilhelm-Raabe-Preis – er hat sich zuletzt in den oberen Aufmerksamkeitsbereich gespielt – wurde 2018 Judith Schalansky verliehen, für ihren Prosaband „Verzeichnis einiger Verluste“. Und, tja, der Bachmannpreis schließlich ging an Tanja Maljartschuk.

Das sind, alles in allem, ziemlich viele Preisträgerinnen. Tatsächlich lässt sich sogar sagen, dass bei den Gewinnerinnen der wirkmächtigsten Preise des deutschen Literaturbetriebs in diesem Jahr gendern gar nicht nötig ist. Die Preise wurden ausschließlich von Autorinnen geholt (mit ein paar Ausnahmen von der Regel: Arno Geiger etwa bekam den Bremer Literaturpreis).

Nun kann das alles im nächsten Jahr wieder ganz anders sein. Und, um es mit den Worten der Kanzlerin zu sagen, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Aber der Befund verdient festgehalten zu werden; bislang wurden Preisträgerinnen oft noch als Ausnahme gesehen.

Bei der Analyse dessen, was da jetzt passiert ist, kommt man um #MeToo nicht herum. Klar war 2018 ein besonderes Jahr, auch im Literaturbetrieb. Die in der Regel sorgfältig quotierten Preisjurys agieren nicht im luftleeren Raum. Doch bei keiner einzigen der Preisträgerinnen hat man das Gefühl, hier solle nach all den Missbrauchsenthüllungen einfach auch mal ein frauensolidarisches Zeichen gesetzt werden (was sogar legitim gewesen wäre). Vielmehr waren das durch die Bank interessante und nachvollziehbare Entscheidungen. Es kann also gut sein, dass sich 2018 prinzipielle Verschiebungen im Literaturbetrieb zeigten, die zuvor in dieser Deutlichkeit nur noch nicht in den Preisen zum Ausdruck gekommen waren.

Überholte Begriffe von Weiblichkeit

Dass sich innerhalb der Literaturszene gendermäßig inzwischen einiges verschoben hat, zeigt sich jedenfalls, wenn man nur mal versucht, jetzt mit Begriffen anzukommen, die zuletzt mit weiblichen Trends in Verbindung gebracht wurden. Sie passen nämlich vorne und hinten nicht mehr.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Gut im Gedächtnis ist noch der Slogan von einem literarischen Fräuleinwunder. Der Spiegel hat mit ihm 1999 eine neue deutsche Autorinnengeneration beschrieben. Wer versucht ist, ihn nun angesichts der aktuellen Preisträgerinnen aus der Mottenkiste zu holen, würde sich als Kritiker schlicht lächerlich machen. Esther Kinsky, Terézia Mora, Inger-Maria Mahlke, Judith Schalansky, das sind gestandene Autorinnen; Verniedlichungen aller Art prallen schlicht an ihnen ab. Das Fräuleinwunder war ein vor 20 Jahren bereits fragwürdiger, aber innerhalb eines hegemonial männlichen Betriebs immerhin Aufmerksamkeit generierender Marketingbegriff. Heutzutage würde er nicht einmal mehr in dieser Hinsicht funktionieren. Seine misogynen Untertöne würden überdeutlich.

Außerdem gibt es so ein Etikett wie „weibliches Schreiben“. Viele Mitglieder der gegenwärtigen Preisjurys werden es noch aus ihren Studienzeiten der Literaturwissenschaft kennen. Auch dieser Begriff passt längst nicht mehr. Zum einen wird man Schwierigkeiten haben, aus den jeweils höchst eigenwilligen Schreibansätzen der Preisträgerinnen überhaupt Gemeinsamkeiten herauszuinterpretieren. Und zum anderen hat der Begriff zumindest eine Schlagseite in die Richtung, männliches Schreiben als Norm zu setzen und weibliches Schreiben als besonders zu behandelndes, erklärungsbedürftiges Phänomen.

Ist das schon Normalisierung? Mal sehen

Davon kann aber nicht mehr die Rede sein. Zumal in einem Umfeld, in dem vor allem die weiblichen internationalen Literaturstars, von Chimamanda Ngozi Adichie über Virginie Despentes bis zu Zadie Smith, Coolness und Glamour in die Szene bringen; in dem der Saisonbestseller der Herzen, „Töchter“, von der Autorin Lucy Fricke stammt; in dem ein Großteil des Weihnachtsgeschäfts von Dörte Hansen und ihrer „Mittagsstunde“ abgeräumt werden wird.; und in dem die Romane, die 2018 tatsächlich gesellschaftliche Debatten anstoßen konnten, von Manja Präkels geschrieben wurden („Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“) und von Anke Stelling („Schäfchen im Trockenen“).

Früher sagte ein Verleger tatsächlich mal, emanzipierte Frauen würden ihn impotent machen

Sagen wir es so: Ein so aufgestellter Literaturbetrieb ist nicht mehr derselbe wie der, in dem ein Suhrkamp-Verleger zu einer prominenten Autorin sagen konnte, emanzipierte Frauen würden ihn impotent machen (das ist tatsächlich geschehen, man muss ja auch mal sehen, aus welcher Vergangenheit der gegenwärtige Literaturbetrieb kommt). Und in einem so aufgestellten Betrieb kann eine Preisträgerinnenübermacht nun also auch mal vorkommen. Ob das schon die berühmte Normalisierung bedeutet? Mal sehen.

Aber auch jenseits der Männer- und Frauenzählerei stellen sich Fragen. In einem Vortrag hat die Autorin Anke Stelling neulich darüber nachgedacht, was sie daran hindert, selbstverständlich „ich“ zu sagen und von den eigenen Erfahrungen auszugehen. Sie kam, grob zusammengefasst, zu dem Ergebnis, dass es eben auch die feinen Unterschiede sind, die dazu führen, dass literarische Erkundungen von Autorinnen im sozialen Nahbereich immer noch als „reine Frauenliteratur“ oder gleich als „Gedöns“ abgewertet werden.

Souverän künstlerischen Raum einnehmen

Wenn man aus dieser Perspektive die Preisträgerinnen dieses Jahres Revue passieren lässt, kann man tatsächlich etwas Interessantes feststellen: Offenbar wurden gerade diejenigen Autorinnen ausgewählt, die solche Abwertungen von vornherein nicht treffen können. Preiswürdig waren diejenigen Bücher, die in ihren Schreibweisen ganz souverän künstlerischen Raum einnehmen.

Immerhin. Das kann nun aber – wofür die einzelnen Autorinnen gar nichts können – insgesamt auch den Effekt haben, dass durch die weiblichen Buchpreise eine strikte literarische Hochkultur wieder eingeführt wird, die zuletzt durch (männliche) Preisträger mit popkulturellen Schreibweisen produktiv durchgeschüttelt worden war. Ein Buchpreis für zum Beispiel Anke Stelling würde dagegen die Frage stellen, was politisches Schreiben heute ausmacht, und zugleich die Grenzen zwischen literarischer E- und U-Kultur wieder gut hinterfragen.

Eine interessante Brückenfigur könnte auch Lucy Fricke sein, die allzu lange im toughen Unterhaltungssegment lief, deren ernsthafter Stilwille nun aber auch breiteren Kritikerinnenkreisen deutlich wurde. Und die, noch eine Preisträgerin, 2018 den Bayerischen Buchpreis bekam.

Aber vielleicht sind das jetzt Überlegungen, die nur anzeigen, dass man sich an so eine Situation wie 2018 erst noch gewöhnen muss.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de