liebeserklärung

Berlin

Die große Stadt kann vieles ab und jeden integrieren: Sogar für verängstige Tübinger hat der üble Moloch noch das genau passende Biotop zu bieten

Gut dreieinhalb Millionen Menschen laufen täglich durch einen Dschungel aus Abschaum und Gefahr – und gar nicht so selten tun sie das mit einem Lächeln im Gesicht. Alles Verrückte, diese Berliners? Vielleicht. Vielleicht aber auch einfach nur gewieft.

Der Trick ist, die Stadt als Freundin zu sehen. Und „wer nach einem Freund ohne Fehler sucht, bleibt ohne Freund“. Weil dieser persische Spruch in Berlin besonders wichtig ist, ist er praktischerweise gleich auf Backshoptüten gedruckt. Berlin ist eine Mitbewohnerin, die am Morgen völlig zerstört in die Wohnung stolpert und den Kühlschrank plündert, die bis in den Nachmittag schläft und beim Aufstehen die Musik so laut dreht, dass der ganze Kiez mithören darf. Da kann man sich schon aufregen. Und das tut man in Berlin ja auch reichlich.

Aber dann: gibt es die Tage, an denen die Freundin einen an die Hand nimmt und da hinführt, wo Hunderttausende gemeinsam auf ihren Straßen gegen Fremdenhass demonstrieren oder auf einem ehemaligen Flughafen sich der Weite mitten in der großen Stadt hingeben.

Am Freitagabend stehen Managerinnen neben Arbeitern am Spätkauf und bestellen sich ein Feierabendbier, die U-Bahn ist um drei Uhr morgens immer noch überfüllt – egal: dann eben auf die nächste warten, die gleich kommt; und so wird das die ganze Nacht durch gehen. Vor dem U-Bahn-Schacht der Linie 8 sitzt ein Mann im Poncho auf einer Telefonzelle und verharrt dort für mehrere Stunden. Auf die Frage, was er da mache, antwortet er mit Blick in die Ferne: „Kunst.“ Auf dem Heimweg können von einem barfüßigen Dichter im Waggon Texte gekauft oder kann einer jungen Frau in Gecko-Kostüm beim Tanzen zugeschaut werden.

Berlin mit irgendetwas zu vergleichen ist sinnlos, das ist das Schöne. Wen interessiert ein Boris Palmer, der sagt, dass er diesem „nicht funktionierenden Teil Deutschlands“ nicht gewachsen ist? In Berlin niemand. Und das ist auch sehr schön. Die grüne Bundestagsabgeordnete Canan Bayram hat schon 2017 gesagt: „Wenn man von einem Thema keine Ahnung hat, sollte man dazu schweigen.“ Wer die Realität nicht verträgt, für den gibt es in Berlin ja immer noch Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett. Aron Boks