das portrait

Michael van Gerwen ist der neue Weltmeister im Pfeilewerfen

Foto: Steven Paston/ap

Wer braucht gebrauchte Baumaschinen? Geht es nach dem Spartenfernsehsender Sport 1, ist das Publikum des Kneipensports Darts dafür die Zielgruppe. Also taucht Michael van Gerwen in seinem rotzgrünen Dart-Shirt am Ende jeden Werbeblocks auf und weist mit seiner kehligen Stimme auf den Hauptsponsor der Berichterstattung hin – und das ist eben eine Internetplattform für Gebrauchtmaschinen.

Während die Werbewirtschaft noch in älteren Kategorien denkt, steigt der Marktanteil des lange verlachten Randsports seit Jahren, was auch an der sehr guten Agenda liegt: der Top-Event, die Darts-WM, findet um Weihnachten herum im Loch zwischen den Jahren statt. Und der Niederländer Michael van Gerwen – genannt Mighty Mike, die Mighty Mouse, seit sechs Jahren die Nummer 1 der Welt – ist 2019 der neue Weltmeister im Pfeilewerfen. Er gewann am Neujahrsabend das Finale im Londoner Alexander Palace gegen den Außenseiter Michael Smith souverän mit 7:3-Sätzen.

Es ist nach 2014 und 2017 sein dritter WM-Titel. Damit schickt er sich an, in die Fußstapfen des Altmeisters Phil Taylor zu treten, der nicht weniger als 16 Titel sammeln konnte und nach der Niederlage im WM-Finale 2018 seinen letzten Auftritt hatte.

Überhaupt bahnt sich im Darts derzeit ein Generationenwechsel an. Nach Taylor hat mit Raymond van Barneveld, diesmal früh ausgeschieden, der nächste Altmeister seinen Rücktritt angekündigt. Auch Adrian Lewis und Gary Anderson, die verbliebenen Altstars, mussten kämpfen, um überhaupt im Turnier zu bleiben, bis sie schließlich von Mighty Mouse von der Bühne gefegt wurden. Und so gab es erstmals seit mehr als zehn Jahren ein Finale, das von zwei Männern unter 30 bestritten wurde – und erstmals überhaupt gab es zwei feste Startplätze für Frauen.

Das Ende des Bierbauchs bedeutet das noch nicht. Darts ist weiterhin ein aufgeblasen wirkender Kneipensport für Männer im besten Alter. Tätowierte Familienväter, die Pfeile werfen, während Frau und Kind unten auf der Bierbank mitfiebern – das bleibt das prägende Bild dieses Events, neben den Cheerleadern auf der Bühne, der partyseligen Einlaufmusik, der feierwütigen, kostümierten Menge an den Tischen im Saal. Aber es gibt inzwischen auch Star-Geschichten, Skandale (wie den um die sexistischen Bemerkungen eines Co-Kommentators) und sogar Drohungen (gegen den Titelverteidiger Rob Cross, der sich daraufhin aus sozialen Netzwerken zurückzog).

Nach dem Finale reckte van Gerwen verdient den Pokal nach oben: der Mann mit dem durchweg hohen Average und der stets aggressiven Spielweise, die gern einmal auf die Moral des Gegners zielt. Obwohl man sagen muss, dass Darts eine sehr faire Sportart ist. Am Ende haben sich alle lieb: Gutmütige Bären von Männern herzen sich nach Spielschluss und werfen ihre Pfeile ins Publikum. Und nach Ende der WM werden die Stars der Szene wieder an den Rand der Aufmerksamkeit gespült, bis es im nächsten Advent wieder heißt: Lass mal Darts-WM gucken. Ist lustig. René Hamann