Schwule und Lesben in der Bundeswehr

LGBT-Verein beklagt Diskriminierung

Der „Arbeitskreis Homosexueller Angehöriger der Bundeswehr“ fordert Diversity-Beauftragte in der Armee. Homosexualität sei noch immer tabuisiert.

Ursula von der Leyen sitzt zwischen Soldaten

Der AHsAB lobt die Arbeit der Verteidigungsministerin. In der Truppe gebe es jedoch Nachholbedarf Foto: dpa

BERLIN taz | Der „Arbeitskreis Homosexueller Angehöriger der Bundeswehr“ (AHsAB) kritisiert die Präsidentin der Bundeswehr-Universität München, Merith Niehuss. Niehuss hatte zuvor im November in einem Interview mit der Welt behauptet, dass Homosexualität in der Bundeswehr kein Tabu sei. Dies gelte nur für die Führungsebene, die sich mit dem Thema mittlerweile auseinandergesetzt habe, heißt es in einer Stellungnahme. Dies reiche jedoch nicht aus. „In weiten Teilen der Truppe ist es ein Tabu“, schreibt der Verein für schwule, lesbische, bisexuelle und transidente Soldatinnen und Soldaten.

„Aus unserer (nicht vom Bundesverteidigungsministerium geförderten) täglichen Arbeit wissen wir, dass es abhängig von Dienstort, Truppengattung, Dienstgrad und Karrierezielen noch immer schwer bis unmöglich ist, ein freies und selbstbestimmtes Leben zu führen. Bei Opfern von Mobbing, Diskriminierung und Gewalt gibt es auch in der Bundeswehr noch Angst damit offen umzugehen“, heißt es in dem Statement. Das Newsportal watson.de hatte zuerst über die Stellungnahme berichtet.

Darin wird die Arbeit der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) gelobt, die im Januar 2017 „schäbige Witze, herabwürdigende Bemerkungen und widerwärtiges Verhalten“ im Umgang mit LGBT-Personen in der Bundeswehr kritisierte. „Ob Sie schwul, lesbisch, transsexuell oder heterosexuell sind, Sie sind uns herzlich willkommen“, sagte sie damals. Zudem veranstaltete sie einen Workshop zum Thema „Sexuelle Orientierung und Identität in der Bundeswehr“, bei dem sie forderte, dass „offen und ehrlich“ über Diskriminierung innerhalb der Armee gesprochen werden müsse.

Die Ministerin habe durch den Workshop „alle Personen sich outen lassen, die sich outen wollten“, sagte Niehuss dazu in der Welt. Auch hier widerspricht der AHsAB: „Dies war weder Intention des Workshops noch wurden die Betroffenen aufgefordert sich ‚jetzt‘ zu outen. Ein Outing kann nicht befohlen werden. Es wird erst dann erfolgen, wenn sich Betroffene sicher fühlen und keine Angstvor Benachteiligung oder Gewalt haben müssen“, heißt es in der Reaktion auf das Interview.

Region spielt eine Rolle

Eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums betonte im Gespräch mit der taz, dass die Bundeswehr keinerlei Diskriminierung toleriere und „jedwedem Verdacht entschieden entgegen“ trete. „Für uns spielen ausschließlich Eignung, Leistung und Befähigung von Menschen eine Rolle – vollkommen unabhängig von Geschlecht, ethnischer Herkunft, Religion, Weltanschauung, Behinderung, Alter oder auch sexueller Orientierung oder Identität“, sagte sie. „Dabei begreifen wir Vielfalt und die unterschiedlichen Fähigkeiten und Erfahrungen unserer über 260.000 Bundeswehrangehörigen als Gewinn.“

Jens Marschner, Vorstandsmitglied des AHsAB und Hauptmann in der Bundeswehr, will zum Thema Coming-Out in der Bundeswehr keine generalisierenden Aussagen treffen. „Man kann nicht allgemein sagen, dass ein Coming-Out in der Bundeswehr problematisch ist“, sagt er im Gespräch mit der taz. Beispielsweise in Köln oder an anderen Orten, an denen LGBT-Personen schon lange im Stadtbild sichtbar sind, gebe es weniger Probleme.

„In anderen Bereichen, gerade in besonders männlich geprägten Berufsbildern wie den Fallschirmspringern oder anderen Kampfverbänden oder auch in Dienststellen aus stark katholisch geprägten Gegenden, gibt es teilweise noch größere Vorbehalte gegenüber schwulen, lesbischen und bisexuellen Soldaten.“

Der AHsAB fordert deshalb Diversity-Beauftragte in den Einheiten, an die sich Betroffene von LGBT-feindlicher Diskriminierung wenden können. Im Verteidigungsministerium gibt es zwar das Stabselement „Chancengerechtigkeit, Vielfalt und Inklusion“ und die „Ansprechstelle Diskriminierung und Gewalt in der Bundeswehr“. Der Arbeitskreis kritisiert, dass diese Stellen „nach militärischer Logik“ besetzt würden.

Angst vor Coming-Out

„Nur selten findet man hier selbst Betroffene, welche aufgrund ihrer Erfahrungen Hilfesuchenden helfen können“, heißt es in der Stellungnahme. „Oft besteht Angst, sich unmittelbar an Vorgesetzte zu wenden“, sagt Jens Marschner dazu. Er fordert, dass in den Personalräten neben Gleichstellungs- und Schwerbehindertenbeauftragten auch Beauftragte für die Themen sexuelle Orientierung und sexuelle Identität berufen werden müssten.

Die Sprecherin des Verteidigungsministeriums sagte der taz, dass die Mitarbeiter des Stabselements und der Ansprechstelle „sehr sensibel und mit größtmöglichem persönlichen Engagement“ nachgingen. „Dabei stehen sie mit vielen unterschiedlichen Organisationen und Vereinen in Kontakt, die sich mit dem Thema Diversity beschäftigen, um eine stete Weiterentwicklung zu gewährleisten.“

Viele LGBT-Personen innerhalb der Bundeswehr scheinen dies offenbar anders wahrzunehmen. Das Ministerium würde zwar „sehr gute Arbeit leisten“, so Marschner. Bei den Diskriminierungsfällen, die dem Verein bekannt sind, gebe es jedoch „Vorbehalte, sich an diese Stelle oder an den Wehrbeauftragten zu wenden, da viele befürchten, so Gefahr zu laufen, dass der Fall in viel mehr Bereichen bekannt wird, als gewünscht.“ Dadurch würde man dann „viel weitläufiger geoutet“, ein Coming-Out wäre „nicht mehr selbst bestimmbar.“

Alleine diese Befürchtung zeigt, dass ein Coming-Out häufig mit Angst und Schmerz verbunden ist – auch in der Bundeswehr.

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