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Verlogenes Gedenken

In Sotschi erinnert man sich an die Olympischen Spiele 2014. Doch der fünfte Jahrestag ist nicht für alle ein Grund zum Feiern

Es wird gefeiert in Sotschi. Vor fünf Jahren wurden die Olympischen Winterspiele in der Stadt am Schwarzen Meer eröffnet. Für diejenigen,. die ihren Fan-Pass, mit dem man während der Spiele den Olympiapark betreten durfte, aufgehoben haben, hat sich die Stadt ein paar schöne Dinge einfallen lassen, auf dass sie der olympische Geist zum Jubiläum noch einmal streife. In den Kinos der Stadt wurden erbauliche Sportfilme gezeigt, man konnte ins Museum des sportlichen Ruhms der Stadt Sotschi gehen oder ein paar Runden auf Schlittschuhen im Eispalast drehen. Am Montag durfte umsonst ein Spiel der Kontinental Hockey League zwischen Sotschi und dem HC Witjas anschauen, wer sich rechtzeitig angemeldet hat. Und wer Lust hat, auf dem Kurs der Formel-1-Rennstrecke etwas für seine Gesundheit zu tun, der darf am Donnerstag unter kundiger Anleitung über den Asphalt Nordic-Walken.

„Die Feiern zum fünften Jahrestag von Olympia in Sotschi hätten mit einer Schweigeminute beginnen müssen.“ Das hat Sofia Rusowa auf einer Veranstaltung gesagt, die im Gegensatz zu den offiziellen Feierlichkeiten nicht mit schicken Plakaten von der Stadt Sotschi beworben worden ist. Die Umweltaktivistin hat auf einer Demo im Ortsteil Adler gesprochen, zu der die Opposition in der Stadt geladen hatte. Es war eine eher traurige Veranstaltung, zu der sich nicht viel mehr als eine Handvoll Menschen bei strömendem Regen eingefunden hat. Doch am Regen wird es nicht gelegen haben, dass die Demo keine Massen angezogen hat. Rusowa engagiert sich bei der Ökowacht Nordkaukasus. Für die arbeitet auch der Geologe Jewgeni Witischko. Der erlangte als politischer Gefangener der Olympischen Winterspiele traurige Berühmtheit, nachdem ihn ein Gericht wegen einer Flugblatt­aktion zu mehrjähriger Lagerhaft verurteilt hatte.

Sich für die geschundene Umwelt einzusetzen, kann gefährlich sein in Russland. Und so gibt es auch in Sotschi nur wenige Menschen, die sich dafür interessieren, dass die bestehenden Skigebiete weiter ausgebaut werden, dass die Trinkwasserversorgung dadurch mehr und mehr in Gefahr gerät und dass sich niemand mehr um die Einhaltung ökologischer Versprechungen schert, die der Staat vor den Spielen abgegeben hat. Wladimir Kimajew, auch er ein Aktivist bei der Umweltwacht, macht in diesem Zusammenhang noch einmal deutlich, wie verlogen die Erinnerung an die Spiele doch ist.

Im oben erwähnten Museum für den sportlichen Ruhm der Stadt Sotschi gebe es keinen Raum, der an das Dopingsystem erinnert, das für das russische Team bei den Spielen entwickelt worden war. Außerdem sei Alexei Wojewoda immer noch Ehrenbürger der Stadt Sotschi, zudem Deputierter der Staatsduma in Moskau, wo er mit den Kollegen von der Kremlpartei Einiges Russland brav für die bei der Bevölkerung so verhasste Rentenreform gestimmt habe.

Der Ehrenmann Wojewoda hat in der Tat eine bemerkenswerte Sportkarriere. Nachdem er einer der besten Armdrücker der Welt war, WM-Titel mit links und rechts gewonnen hatte, heuerte er als Anschieber beim Bobpiloten Alexander Subkow an. In Sotschi wurde ihm olympisches Gold um den Hals gehängt. Weil sein Pilot gedopt hat, wurde auch Wojewoda der Titel aberkannt.

Meister des Sports in Russland nennt er sich weiterhin, er trägt den Verdienstorden des Vaterlands zweiter Klasse und ist Held der Arbeit der Region Kuban. Nur Olympiasieger darf er sich nicht nennen – im Gegensatz zu Alexander Subkow. Dem wurde von einem Moskauer Gericht das Recht zugesprochen, in seiner Heimat den Titel des Olympiasiegers zu tragen. Wenn in Agenturtexten von Subkow die Rede ist, dann wird er seitdem mit der gewiss einzigartigen Bezeichnung „Olympiasieger auf dem Gebiet der Russischen Föderation“ vorgestellt. Wladimir Kimajew hat recht. Es gäbe viel zu zeigen in einem Museumsraum, der sich mit Doping bei den Spielen von Sotschi befasst. Andreas Rüttenauer