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Die Bildungs-Chancen-Lotterie fördert Bildungsprojekte durch Losverkäufe. Ob sich diese neue Soziallotterie dauerhaft etablieren kann, muss sich aber erst noch zeigen

Ein Projekt fördert in Deutschland lebende afrikanische Frauen Foto: Ute Grabowsky/photothek.net/imago

Von Laila Oudray

Empowerment, Gesundheit, Rechte und Pädagogik: „Das sind Themen, die für die Frauen wichtig sind“, erklärt Doris Köhncke. Sie ist Leiterin des Fraueninformationszentrums des Stuttgarter Vereins für internationale Jugendarbeit und mitverantwortlich für das Projekt „Yes I can“. In den nächsten zwei Jahren werden 20 Kurse zu diesen Themen angeboten. Zielgruppe sind in Deutschland lebende westafrikanische Frauen mit Flucht- und Gewalterfahrungen. Der erste Kurs begann im Februar.

Dass „Yes I can“ an den Start gehen konnte, ist dem Glücksspiel zu verdanken. Es ist das erste Projekt, das durch die Bildungs-Chancen-Lotterie gefördert wurde – mit gut 8.000 Euro. „Damit werden größtenteils die Sachkosten finanziert“, so Köhncke, etwa die Fahrkosten für die Teilnehmerinnen und die Betreuung ihrer Kinder während der Kurse.

Die Bildungs-Chancen-Lotterie ist eine Initiative des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft, der SOS-Kinderdörfer und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS). Die Idee dafür gab es bereits 2013. Doch erst fünf Jahre später konnten die ersten Lose verkauft und im Anschluss die ersten Projekte gefördert werden. Um die Lotterie anzuschieben, waren nach einem Handelsblatt-Bericht 20 Millionen Euro nötig. Dieses Geld kam von privaten Investoren aus der Wirtschaft. Erhältlich sind die Lose der Bildungs-Chancen-Lotterie online (www.bildungslotterie.de) und in den Läden der Drogeriemarktkette Rossmann. Sie kosten 15 Euro und sind für vier Wochen gültig. Jede Woche findet eine Ziehung statt.

Nach Angaben der Initiatoren der Bildungs-Chancen-Lotterie ist es die erste Soziallotterie, die sich auf das Thema Bildung konzentriert. Dabei wird „der zugrundeliegende Bildungsbegriff ganzheitlich und im weitesten Sinne als Überbegriff für Persönlichkeitsbildung, Ausbildung und lebenslanges Lernen verstanden“, sagt Andreas Schlüter. Der Generalsekretär des Stifterverbands hat die Lotterie erfunden.

Über diese erweiterte Bildungsdefinition sagt Doris Köhncke von der Bildungs-Chancen-Lotterie: „Es ist nicht nur die klassische Schulbildung, wo man sagen könnte, das ist der Grundauftrag des Staates.“ Stattdessen werde Bildung im weitesten Sinne gefördert und gerade die Bildungschancen von Benachteiligten erhöht.

Die bereits geförderten Projekte decken tatsächlich ein breites Feld ab: Es gibt Angebote der Erwachsenenbildung, wie „Yes I can“, aber auch der frühkindlichen Förderung, wie das Projekt „Meine Stimme ist wunderbar“. Hierbei sollen Kinder spielerisch an die Stimmbildung herangeführt werden. 80 Prozent der Fördersummen gehen an Projekte des Stifterverbands, der SOS-Kinderdörfer und der DKJS. Um die restlichen 20 Prozent können sich externe Initiativen und Organisationen bewerben, die steuerbefreite Körperschaften oder Körperschaften des öffentlichen Rechts sind.

Doch kann sich die Bildungs-Chancen-Lotterie wirklich langfristig etablieren? Der Markt der Soziallotterien wird in Deutschland von drei großen Playern dominiert: „Aktion Mensch“, „Deutsche Fernsehlotterie“ und „Glücksspirale“. 2016 setzten sie zusammen 861 Millionen Euro um. Laut Glücksspiel-Staatsvertrag zwischen den Bundesländern müssen Soziallotterien 30 Prozent ihres Umsatzes als Gewinne und 30 Prozent als Fördersummen ausgeschüttet werden. 16,7 Prozent sind als Steuern abzuführen. Mit dem Rest finanzieren sich die Soziallotterien.

Initiativen und Organisationen können sich bewerben

Bisher kann die Bildungs-Chancen-Lotterie noch nicht mit den Umsätzen der großen Soziallotterien mithalten. Im Januar 2019 wurde die zweite Förderrunde ausgerufen. Immerhin mehr als 100.000 Euro konnten dabei an gemeinnützige Bildungsprojekte verteilt werden. „Das ist mehr als das Doppelte als in der ersten Förderrunde“, so Schlüter. Doch der Markt scheint allmählich gesättigt zu sein. Seit Jahren stagnieren die Umsatzzahlen bei den Soziallotterien. Vor allem kleinere Lotterien haben es schwer sich dauerhaft zu etablieren.

Die anderen Soziallotterien sieht Schlüter allerdings nicht als Konkurrenz: „Sie haben einen anderen Schwerpunkt und eine andere Zielgruppe.“ Für ihn ist die Bildungs-Chancen-Lotterie eine Möglichkeit, im Bereich Bildung auch praktisch zu helfen. Während Staat und Politik große Systemfragen stellen – zum Beispiel, ob der gymnasialen Bildungsgang acht oder neun Jahre dauern solle –, können gemeinnützige Bildungs­initiativen „ganz pragmatisch diejenigen Themen angehen, die vor Ort dringend einer Lösung bedürfen“. Diese Initiativen erhalten laut Schlüter häufig viel zu wenig Aufmerksamkeit.

Bisher hat die Bildungs-Chancen-Lotterie mehr als 25.000 Lose verkaufen können, doch das soll nur der Anfang sein: „Unser Ziel für das Jahr 2019 lautet: 10 Millionen Euro Umsatz, also 3 Millionen für Projekte.“ In sechs bis acht Jahren soll ein Umsatz von 100 Millionen Euro erreicht werden. „Dann könnten wir tatsächlich 30 Millionen Euro für Bildungsinitiativen ausschütten“, zeigt sich Schlüter zuversichtlich.