Angediente Empörung

NS-RAUBKUNST Stefan Koldehoff setzt in seinem Buch „Die Bilder sind unter uns“ einen grellen Scheinwerfer auf die braune Vergangenheit des Kunsthandels

Wenn es in Deutschland einen Berufsstand gibt, dessen Rolle bei der Entrechtung und Ausplünderung der Juden im Nationalsozialismus bis heute nur unzureichend aufgearbeitet ist, dann sind es die Kunsthändler, Auktionäre und Galeristen.

Im Zuge der Raubkunstdebatte bröckelt das lang gepflegte Selbstbild zwar, die Branche sei durch die Verfemung moderner Kunst und zahlreiche Kriegsverluste selbst in erster Linie ein Opfer der Nazis gewesen. Und in Publikationen über jüdische Sammlerschicksale und NS-Schlüsselfiguren finden sich viele Namen von großen und kleinen Profiteuren der Zwangsversteigerungen, Notverkäufe und „Arisierungen“. Eine systematische Erforschung des Kunsthandels während des Nationalsozialismus und der Museumserwerbungen in der Nachkriegszeit aber steht bislang aus.

Eigentlich also höchste Zeit für ein Buch wie Stefan Koldehoffs „Die Bilder sind unter uns. Das Geschäft mit der NS-Raubkunst“, das sich jetzt den braunen Verstrickungen der Branche zuwendet. Der Kölner Journalist, der zuletzt den Streit um den „Welfenschatz“ öffentlich machte, bündelt darin die mehr oder weniger bekannten Fälle der vergangenen Jahre und Jahrzehnte. Im zugespitzten Stil von Skandalgeschichten versucht er ein regelrechtes Netzwerk wiederkehrender Namen, dubioser Praktiken und nicht zuletzt auch personeller Kontinuitäten zwischen „Drittem Reich“ und Wirtschaftswunderrepublik herauszupräparieren.

Natürlich ist es skandalös, dass die NS-Hoflieferanten Karl Haberstock und Bruno Lohse nach dem Krieg beinahe unbehelligt blieben. Dass die Propagandisten Wilhelm Rüdiger und Friedrich Wilhelm Arntz bei einem wichtigen Auktionshaus wie Roman Norbert Ketterers „Stuttgarter Kunstkabinett“ anheuerten. Dass die Nachkriegsgewinnler Albert Daberkow und Peter Böhmer en gros Bilder aus Beständen Bernhard Boehmers lieferten, einem von vier Verwertern der NS-„Aktion ‚Entartete Kunst‘“. Dass ungezählte kleine Kollaborateure wie in Frankfurt Wilhelm Ettle ihren Geschäften auch in der Bundesrepublik weiter nachgingen. Noch 1943 hatte er sich den NS-Behörden als Abwickler jüdischer Sammlungen angedient: „Gestatte mir, Sie auf zwei Fälle aufmerksam zu machen …“

Galerie der Skandale

Doch bei Koldehoff stehen sie alle nebeneinander – die NS-Täter und die Nachkriegsprofiteure, die schlimmen Ideologen und gegenwärtige Geschäftemacher, NS-Rüstungsminister Albert Speer, amerikanische G.I.s und Bundeskanzler Adenauer. Der hatte sich für seine Rhöndorfer Villa zweifelhafte Bilder unterschieben lassen.

Hinzu kommen fehlende Belege, sprachliche Ungenauigkeiten, Missverständlichkeiten. Das verstärkt den oft suggestiven Charakter dieses Buches. Am Kunsthandel und dem Umgang mit NS-Raubkunst muss bis heute vieles angeprangert werden. Doch mehr als nur einen grellen Scheinwerfer auf dieses Thema zu setzen, das wäre dem Autor Stefan Koldehoff vermutlich eher gelungen, wenn er den mündigen Lesern die Empörung selber überlassen hätte.