Missbrauch in der evangelischen Kirche

Täter als Richter

Missbrauch ist kein exklusiv katholisches Problem. Auch die evangelische Nordkirche muss sich damit beschäftigen. Doch die Ergebnisse sind umstritten.

Stofftaschen mit dem Aufdruck "Kein Raum für Missbrauch"

Bekenntnis aufgedruckt: Taschen zur Synode der Nordkirche in Travemünde 2018 Foto: dpa

HAMBURG taz | Von sexuellem Missbrauch durch katholische Priester sind in Deutschland 114.000 Menschen betroffen. Das besagt eine aktuelle Untersuchung der Universität Ulm. Das Überraschende: Genauso viele sind von Mitarbeiter*innen der evangelischen Kirche sexuell missbraucht worden.

In der Diskussion um sexualisierte Gewalt liegt der Fokus auf der katholischen Kirche – wie die Protestanten mit ihren Missbrauchsfällen umgehen, ist in den Medien wenig präsent. Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs ist Sprecherin des fünfköpfigen Beauftragtenrats zum Thema Missbrauch der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Auf der EKD-Synode im November 2018 stellte sie einen Plan zur Prävention vor.

Die Kirche will eine zentrale Anlaufstelle für Betroffene einrichten und mit einer Studie „Risikofaktoren für Machtmissbrauch“ ermitteln. „Die Vereinsstruktur der evangelischen Kirche kann dazu führen, dass man nicht weiß, an wen man sich wenden soll oder wo man sich beschweren kann“, räumte Fehrs im November letzten Jahres dem NDR gegenüber ein.

Dass die Hamburger Bischöfin sich so intensiv mit dem Thema Missbrauch beschäftigt, hat seine Gründe: In den 70er- und 80er-Jahren hatte ein Ahrensburger Pastor mehrere Jugendliche sexuell missbraucht. Nach ersten Hinweisen hatte das Personaldezernat ihn als Seelsorger in ein Jugendgefängnis versetzt. Als der Skandal 2010 bekannt wurde, trat die Bischöfin Maria Jepsen, Vorgängerin von Fehrs, zurück.

Nordkirche beschloss „Präventionsgesetz“

Die Nordkirche beauftragte eine vierköpfige unabhängige Kommission mit der Untersuchung der Fälle. 2014 legte diese ihren 500-seitigen Bericht vor. Zeitgleich stellte Fehrs einen „Zehn-Punkte-Plan“ vor, der etwa die Einrichtung einer externen Anlaufstelle für Betroffene beinhaltet. Im März 2018 beschloss die Synode der Nordkirche ein kirchliches Präventionsgesetz.

Das Gesetz sieht unter anderem die Entwicklung von „Schutzkonzepten“ in kirchlichen Einrichtungen vor. Außerdem verpflichtet es Mitarbeiter*innen, sich bei Verdacht an eine*n Meldebeauftragte*n zu wenden – die Kirche soll dazu unabhängige Beauftragte bestellen. „Bei Verdachtsfällen wird sofort die Staatsanwaltschaft eingeschaltet“, sagt Susanne Gerbsch, Sprecherin der Nordkirche. Es gebe allerdings Betroffene, die das ausdrücklich nicht wollten. Oft greift das Strafrecht nicht mehr, weil die Taten verjährt sind.

2015 hat die Nordkirche eine unabhängige Ansprechstelle (UNA) für Betroffene eingerichtet. Die UNA ist Teil der gewaltpräventiven Einrichtung „Wendepunkt“ im Elmshorn – 2016 gab es 16 Fallanfragen, 2017 acht und 2018 sieben.

Missbrauchsbericht „zur Imagepflege genutzt“?

Die UNA stehe im Kontakt mit der Kirche und könne so auf problematische Strukturen aufmerksam machen, sagt „Wendepunkt“-Geschäftsführer Dirk Jacobsen. Ursula Enders, eine der Expert*innen, die die Ahrensburger Missbrauchsfälle untersucht haben, reicht das nicht: „Die externe Anlaufstelle hat keine ausreichende Autorität, Strukturen in der Kirche zu verändern“, sagt Enders, Leiterin der Kölner Beratungsstelle „Zartbitter“. „Statt zentrale Vorschläge der Kommission umzusetzen, hat die Nordkirche den Bericht zur Imagepflege genutzt.“

Ursula Enders erinnert sich an den Abschlussbericht von 2014:„Die Untersuchungsergebnisse wollten wir der Ahrensburger Gemeinde vorstellen“, sagt sie. Über den Gesprächstermin mit der Gemeinde habe die Kirche sie nicht informiert – der Gemeinde aber gesagt, die Verfasser*innen hätten keine Zeit. Sie spricht auch von „persönlichen Verstrickungen“ bei der Vergabe von Entschädigungen. In der Kommission saßen unter anderem Fehrs und eine Psychotherapeutin. Letztere sei zugleich Arbeitgeberin eines Betroffenen gewesen.

Nordkirchen-Sprecherin Gerbsch hält dagegen: „Über 50 Betroffene haben sich bisher bei der Unterstützungsleistungskommission gemeldet; in 95 Prozent der Fälle konnten gemeinsam mit den Betroffenen geeignete Unterstützungsleistungen gefunden werden.“

„Die Kirche ist Täter und Täterorganisation und will zugleich Aufklärer, Seelsorger und Richter sein“, sagt hingegen Anselm Kohn, Betroffener und Gründer der Initiative „Missbrauch in Ahrensburg“. Er spricht von einer „Farce“.

In der evangelischen wie in der katholischen Kirche gibt es Abhängigkeits- und Machtstrukturen, die sexuelle Gewalt begünstigen. Wollen die Kirchen dem Machtmissbrauch ein Ende setzen, müssen sie diese aufbrechen und Aufarbeitung von außen zulassen. Die Anfänge sind noch zu zaghaft.

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