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Journalistinnen im Vatikan treten geschlossen zurück

Die Frauen des vom Vatikan herausgegebenen Frauenmagazins „Women Church World“ fühlen sich in ihrer Berichterstattung über sexuellen Missbrauch eingeschränkt

Das Neue

Die wenigen Frauen im Vatikan machen Ernst: Wie am Dienstag bekannt wurde, legen die Autorinnen und Journalistinnen des Frauenmagazins Women Church World, das vom Vatikan herausgegeben wird, ihren Job nieder. Sie fühlen sich in ihrer Berichterstattung über sexuellen Missbrauch eingeschränkt, zensiert und diskreditiert, teilen sie in der jüngst in Druck gegangenen Aprilausgabe des Heftes mit.

In einem offenen Brief an Papst Franziskus beklagen sie, nach Berichten über sexuelle Gewalt an Nonnen unter die „direkte Kontrolle von Männern“ gestellt worden zu sein. Ein neuer Herausgeber der Papstzeitung L’Osservatore Romano habe auch das Frauenmagazin übernommen und dort Redakteurinnen installiert, die der bisherigen „redaktionellen Linie entgegengesetzt“ seien, erklärte Redaktionsleiterin Lucetta Scaraffia. „Wir werfen das Handtuch, weil wir uns von einem Klima des Misstrauens und einer fortschreitenden Delegitimierung umgeben fühlen“, sagte sie. Mit anderen Worten: Die Berichterstattung über sexuellen Missbrauch in der Katholischen Kirche sei nicht mehr in der nötigen Offenheit und Schonungslosigkeit möglich.

Der Kontext

In der Februarausgabe von Women Church World machten Journalistinnen öffentlich, dass auch zahlreiche Nonnen von Priestern und Bischöfen sexuell missbraucht worden waren. Damit nimmt die sexuelle Gewalt in katholischen Einrichtungen ein noch größeres Ausmaß an, als bisher bekannt war. Papst Franziskus hatte nach Bekanntwerden dieser Übergriffe eingeräumt, davon gewusst zu haben. Er sagte: „Es stimmt, es ist ein Problem“, sagte er. „Ich weiß, dass Priester und auch Bischöfe das getan haben. Und ich glaube, es wird immer noch getan.“

Die Reaktionen

Während der Vatikan sich bis zum Redaktionsschluss nicht äußerte, reagierte der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) mit großer Irritation. „Was muss passiert sein, dass eine gesamte Redaktion zurücktritt“, sagte Ute Hücker, Pressereferentin der Organisation, am Dienstag zur taz. „Es kann doch nicht sein, dass sich Männer Frauen auf der Wahrheitssuche in den Weg stellen.“ Sexuelle Gewalt ist ein Verbrechen, sagt der KDFB und fordert sowohl den Vatikan als auch die Deutsche Bischofskonferenz auf, die Übergriffe an Ordensfrauen genauso zu ahnden wie den Missbrauch an Minderjährigen. „So wie jetzt kann die männliche Amtskirche doch nicht Frauen umgehen“, erklärt Hücker.

Die Konsequenz

Die Katholische Kirche wird sich, wenn sie nicht endlich ehrlich und konsequent ihre Missbrauchsskandale aufarbeitet, noch stärker als ohnehin schon den Vorwurf der Vertuschung machen lassen müssen. „Das Fatale an den durch Männer verursachten Skandalen ist, dass diese auf die gesamte Glaubenskirche zurückfallen“, sagt Hücker. Eine Folge dürften weitere Kirchenaustritte sein. Allein 2017 sind nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz 167.504 Katholik*innen ausgetreten.

Simone Schmollack