afrikanische perspektiven

Europa vor der Nase

Negativwerbung macht die afrikanische Realität nicht wett

Es ist ein hartnäckiges Missverständnis in Europa, dass es weniger Migranten aus Afrika geben würde, wenn in Afrika bekannter wäre, wie schlimm es in Europa ist. Deutschland macht besonders gern im Ausland Negativwerbung für sich: die „Bekämpfung von Fluchtursachen“ als Kampf gegen bestimmte Bilder in afrikanischen Köpfen.

Die Mühe ist vergeblich. Zum einen leben nun einmal in sehr vielen afrikanischen Ländern viele Menschen in lähmenden Zwangsverhältnissen, aus denen nur die Flucht in die große weite Welt Perspektiven eröffnet. Und zum anderen weiß jeder Mensch in Afrika: Klar gibt es in Europa Armut, die meisten Leute sind arrogante Rassisten und es ist viel zu kalt, aber die Mehrheit der Bevölkerung schafft es, und wenn ich die Wüste, das Meer und die Schlepper überlebe, kann mich da drüben wenig schrecken.

Dazu kommt das Erbe des europäischen Kolonialismus in Afrika, den man in Europa gerne verdrängt, den aber kein Afrikaner vergessen hat. Wer hat denn die Grenzen der meisten afrikanischen Staaten gezogen, ihre Gesetze geschrieben, ihre Armeen aufgebaut, ihre Wirtschaft organisiert? Wozu ist in so vielen Ländern Afrikas eine europäische Sprache die erste Unterrichtssprache? Wieso dürfen Europäer in Afrika Urlaub machen, aber Afrikaner nicht in Europa? Warum verdient jeder fremde Weiße in Afrika ein Vielfaches von jedem einheimischen Schwarzen? Europa steht nicht nur für Reichtum. Es steht auch für Macht. Und es sage niemand, dass Europa seinen Reichtum und seine Macht bereitwillig teilen möchte.

Am drängendsten stellen sich diese Fragen dort, wo Afrikas Wirtschaft und Politik am engsten mit Europa verwoben sind: in den Ölstaaten des frankophonen Zentralafrika, allen voran Gabun und Kongo-Brazzaville, dazu Äquatorialguinea – alle sind auf dem Papier schwerreich, aber ihre Bevölkerungen leben in Elendsverhältnissen zum Davonlaufen. Sie haben obszönen Wohlstand und Macht direkt vor der Nase: in den abgeschotteten Protzvillen ihrer Hauptstädte, im globalisierten Luxuskonsum ihrer Eliten, in den mafiösen Geschäftsbeziehungen ihrer Mächtigen, in den Daueraffären um Schweizer Konten und französische Schlösser.

Die oberen Zehntausend in einem Land wie Gabun können jederzeit mit dem Flugzeug nach Europa fliegen. Den einfachen Staatsbürgern ist das verwehrt. Für sie ist Europa nicht nur eine Projektion von Sehnsüchten, sondern zugleich der Inbegriff von Korruption, dem man verführerisch nahesteht. Man schielt neidisch darauf, wie das Hartz-IV-Kind auf die Protzlimousine des Drogenkönigs. Und man träumt davon, irgendwann selber mal dazuzugehören. Und sei es nur für einen Tag oder in den Träumen einer Nacht. Dominic Johnson