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Ruhestätte mit bester Aussicht

Auf dem Ehrenfriedhof Karberg liegen seit den frühen 1960er-Jahren rund 1.100 Tote des Zweiten Weltkriegs begraben – militärische und zivile

Modernes Megalithgrab oder Echo kriegszerstörter Häuser? Der örtliche Pastor, heißt es, sei anfangs nicht begeistert gewesen vom Mahnmal auf dem Karberg Foto: Michael Göttsche

Von Esther Geißlinger

„Dass in Kriegsgräberstätten nur Soldaten liegen, ist eine weit verbreitete Meinung, aber sie ist falsch“, sagt Ralf Ragwitz, Bildungsreferent des Volksbundes Kriegsgräber in Schleswig-Holstein. „Schließlich sterben auch Zivilisten in Kriegen.“ Gefallene und Kriegsopfer haben ein gesetzlich verbrieftes Recht auf dauerhaften Schutz und die Pflege ihrer Gräber. Eine Folge: In früheren Jahrzehnten wurden solche Toten auf gemeinsame Friedhöfe umgebettet, um diese Aufgabe garantieren zu können. In Schleswig-Holstein liegen Kriegstote einerseits in Lübeck, andererseits auf dem Kieler Nordfriedhof, wo auch Soldaten des Commonwealth einen Platz haben. „Aber der schönste Friedhof“, findet Konstantin Henkel, Vorsitzender des Volksbundes im Kreis Schleswig-Flensburg, „ist der Karberg.“

Die Grabstätte am Haddebyer Noor wurde Anfang der 1960er-Jahre gegründet, Tote wurden von anderen Friedhöfen dorthin umgebettet. Ein zentrales Mahnmal steht auf dem Hügel, die Betonkonstruktion mit dem flachen Deckel auf mehreren wuchtigen Beinen sieht ein wenig aus wie ein Megalithgrab. Laut der Info-Tafel am Eingang zum Friedhof war der örtliche Pastor bei der Einweihung des Friedhofs wenig glücklich mit der Konstruktion, auf der christliche Symbole gänzlich fehlen. Aber das sei lange vergessen, sagt Henkel. Überhaupt erinnere das Denkmal nicht an einem Urzeit-Grabhügel, sondern steht für eine zerstörte Hausdecke, als Symbol für Schutzlosigkeit und das Elend von Flucht und Vertreibung.

Seit 100 Jahren Soldatengrabpflege

Zuständig für die Pflege der Kriegsgräber im Inland sind die jeweiligen Kommunen, sie erhalten dafür eine Pauschale des Bundes. So ist das Amt Haddeby Träger des Friedhofs auf dem Karberg, kümmert sich um den Blumenschmuck und richtet die jährlichen Feiern zum Volkstrauertag aus. Der Volksbund ist nur beratend tätig: Seine Hauptaufgabe richtet sich auf deutsche Soldaten, die im Ausland gefallen sind.

Der Verein, der allein in Schleswig-Holstein rund 4.000 Mitglieder hat, feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen. Gegründet hat er sich nach dem Ersten Weltkrieg, um die in Frankreich, Italien und Russland gefallenen deutschen Soldaten zu bestatten und ihre Gräber zu pflegen. In anderen Ländern übernimmt solche Aufgaben der Staat – „aber in Deutschland gab es damals keinen Staat, der dazu in der Lage war, also hat sich der Bund gegründet“, berichtet Ragwitz. „Heute würde man von einer Bürgerinitiative sprechen.“

Die Zahl der Aufgaben wächst sogar noch: Immer noch werden jedes Jahr die Überreste Zehntausender Gefallener entdeckt

Heute betreibt der Volksbund im Auftrag der Bundesrepublik rund 800 Friedhöfe in 40 Ländern. Und die Zahl wächst immer noch: Jährlich werden die Überreste Zehntausender Gefallener entdeckt. „Die zu identifizieren, ist nicht immer einfach“, sagt Ragwitz. Wenn es gelingt, etwa durch ihre Erkennungsmarken, informiert der Volksbund die Hinterbliebenen. „Das ist für die Menschen auch nach der langen Zeit noch wichtig. Sie finden einen Abschluss, können vielleicht eines Tages zum Grab kommen.“

Das gilt andersherum für die Kriegsgräberstätten auf deutschem Boden: „Nach der Öffnung des Ostblocks gab es einen echten Run auf die Ehrenfriedhöfe“, sagt Konstantin Henkel. Gerade Jugendliche aus Russland, Polen oder der Ukraine kamen auf Spurensuche an die deutschen Orte, an denen ihre Verwandten getötet worden waren – als Soldaten oder „Fremdarbeiter“.

Jugendarbeit ist eine weitere Aufgabe des Volksbundes. „Das macht schon etwas mit ihnen, wenn sie sehen, dass da ein 17-Jähriger im Krieg umgekommen ist oder Kinder gestorben sind“, sagt Henkel. So wird 2020 am Karberg ein internationales Jugendlager stattfinden. „Der Krieg schien für die Digital Natives weit weg“, sagt Ragwitz. „Aber zurzeit erleben wir, dass Jugendliche sich für politische Fragen interessieren, und damit rückt auch dieses Thema wieder in den Blick.“

Ehrenfriedhof am Haddebyer Noor: an der Bundesstraße 76 zwischen Haddeby und Fahrdorf (ausgeschildert „Kriegsgräberstätte“)

www.volksbund.de/home.html