Anja Maier
Bauernfrühstück

Bravo,Applausund Kranzrosen

Foto: Ute Mahler/Ostkreuz

War im Theater. „Bravo!“ geschrien. Prompt von der Nachbarin zur Rechten taxiert worden. Hallo!? Das hier ist das Deutsche! Theater! Berlin!, sagte mir ihr Blick. Hier wird nicht rumkrakeelt, nur weil Maren Eggert eine tiptop April Wheeler spielt. Die eigenen unkontrollierten Gefühle sollten doch wohl eher da bleiben, wo die Frau zur Linken herzukommen scheint: in der Provinz.

Ich blickte kurz in die strafenden Augen der Lady und schickte gleich noch zwei „Bravo!“ und ein „Uh!“ hinauf zur Bühne. Maren Eggert freute sich sichtlich. Applaus ist das Brot des Künstlers. Applaus und Kranzrosen. Ich weiß das. Denn ich darf mich Freundin eines wahrhaft liebenden Operngängers nennen, der in Bezug auf Fantum und Style Maßstäbe zu setzen weiß.

Seit Jahren ist A. ein feuriger Freund der Sopranistin Edita Gruberova. Tritt sie auf, wirft er sich in seinen besten Anzug, steckt das Seidentüchlein in die Brusttasche und eilt in die Bayerische Staatsoper, um zum x-ten Male seiner Göttin zu lauschen und anschließend lautstark seiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen. Nun ist die „Slowakische Nachtigall“ aber auch schon in die Jahre gekommen. Mit 72 Jahren sitzt nicht mehr jede Koloratur, die Gruberova hatte ihren Abschied von der Bühne angekündigt.

Schwerer Kummer bei Freund A. Wer mag sein Herz jemals wieder so berühren wie die Gruberova mit ihrem Gesang? Wem darf er noch hemmungslos huldigen, wenn nicht der „Hohepriesterin des Belcanto“? A. beschließt, ihr nach einem ihrer allerletzten Opernauftritte Rosen auf die Bühne zu werfen. Seine Wahl fällt nach einem Fachgespräch beim Floristen auf Kranzrosen: Die sind stramm, halten was aus, verlieren beim Wurf gen Bühne nicht gleich ihre Blütenblätter.

Als nun jedoch A. bei Ankunft in seiner Loge über dem Orchestergraben die Wurfsituation peilte, wurde ihm klar, dass er nie und nimmer seine Gebinde würde werfen können. Die 50 schweren Rosen würden beim Auftreffen im Bühnenbereich die Diva erschlagen, wenn es dumm liefe. Also rief er jemanden an und ließ sich in der Pause Schere und Kordel in die Staatsoper bringen.

Die Fünftage-vorschau

Do., 25. 4.

Hannah Reuter

Blind mit Kind

Fr., 26. 4.

Peter Weissen­burger

Eier

Mo., 29. 4.

Mithu Sanyal

Mithulogie

Di., 30. 4.

Doris Akrap

So nicht

Mi., 1. 5.

Franziska Seyboldt

Psycho

kolumne@taz.de

Als die letzten Töne der Gruberova verklungen waren, der Saal tobte und die Diva – bereit, die Liebe ihres Publikums entgegenzunehmen – vor den roten Vorhang trat, ließ A. seinen schweren Strauß am Geschenkband vorsichtig hinab in den Orchestergraben. Der Kollege am Schlagwerk nahm ihn sanft in seine starken Arme und übereignete ihn der Sängerin. Die fummelte ein bisschen am mehrere Meter langen Geschenkband herum, stemmte sodann das mächtige Gebinde in die Bühnenluft und warf A. eine Kusshand zu. Der Saal tobte. A. hatte eine Träne im Knopfloch seines Maßanzugs. Das Leben, es kann so wunderbar sein. Wir sollten alle viel öfter „Bravo!“ schreien.