artensterben

Weckruf für die Menschheit

Etwa eine Million Tier- und Pflanzenarten werden in den nächsten Jahren aussterben, so die traurige Bilanz des UN-Weltbiodiversitätsrats. Er fordert einen radikalen Neustart, um zu retten, was zu retten ist

Bald ein gewohntes Bild? Brasilianische Ödnis auf der Ilha de Marajó Foto: Werner Rudhart

Von Ulrike Fokken

Der Klimawandel mag noch abstrakt in höheren Luftschichten gewirkt haben, doch Tiere und Pflanzen sterben zwischen Acker und Straßenrand für jeden sichtbar. Der am Montag vorgestellte Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES lässt keine Ausflüchte zu, sondern fordert Politiker, Unternehmerinnen, Landwirte, Konsumentinnen, kurzum alle auf, direkt und unmittelbar zu handeln. „Nur mit einem tiefgreifenden Wandel können wir die Natur noch erhalten, wiederherstellen und nachhaltig nutzen“, sagt Robert Watson, Vorsitzender des UN-Biodiversitätsrates IPBES. „Wir zerstören die Basis unserer Wirtschaft, Lebensgrundlage, Nahrungssicherheit, Gesundheit und Lebensqualität weltweit.“ Die Weltgemeinschaft brauche einen Systemwechsel, einen Neustart, um zu retten, was zu retten ist. Er und seine KollegInnen aus 50 Ländern fordern daher eine „systemweite Veränderung der technischen, wirtschaftlichen und sozialen Faktoren, einschließlich der Ziele und Werte“.

So wie der Weltklimarat regelmäßig die wissenschaftlichen Studien zum Klimawandel analysiert, haben 150 BiologInnen, ÖkologInnen und SozialwissenschaftlerInnen die vergangenen drei Jahre wissenschaftliche Studien zum Leben von Tieren und Pflanzen an Land und in den Ozeanen ausgewertet. Fazit: Die Menschheit vernichtet die Grundlage ihres Lebens. Aus den Studien haben sie sechs mögliche Szenarien von „Weiter so bisher“ bis hin zu „lokaler Nachhaltigkeit“ entwickelt. Ein Überleben der Menschheit über die nächsten 100 Jahre hinaus sehen die Wissenschaftler nur in den drei nachhaltigen Szenarien, die einen tiefgreifenden Systemwechsel beinhalten. „Der Verlust an biologischer Vielfalt ist auch ein Beleg dafür, dass sie die Entwicklungsziele der UN gefährden“, sagt Watson.

Schon die Zahlen bilden das Grauen ab: Eine Million Tier- und Pflanzenarten von den schätzungsweise 8 bis 9 Millionen Arten sterben in den nächsten Jahren aus, einen Großteil kennt die Menschheit nicht einmal. Mit den Fröschen, Käfern, Mäusen, Geparden, Nashörnern, Walen, Regenwürmern, Wimperntierchen verschwinden die einzelnen Lebewesen, die das ökologische Ganze im System erhalten. Mit jedem verschwundenen Tier, mit jeder ausgestorbenen Pflanze reißt ein Faden in einem großen Netz, das das Leben hält. Alle zusammen bilden die Ökosysteme wie Wald oder See, die dann zum Beispiel Trinkwasser schaffen und damit die Menschheit versorgen.

„Die Vielfalt garantiert unser systemisches Überleben“, sagt Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle, der als Co-Vorsitzender den IPBES-Bericht mitverantwortet. „Wenn einzelne Insektenarten aussterben, verspielen wir die Versicherung für die Zukunft, wenn im Klimawandel hierzulande andere Insekten als bisher leben.“

Noch einmal zu den Zahlen, mit denen der Weltbiodiversitätsrat seine Forderungen nach einem wirtschaftlichen Systemwechsel untermauert. In Deutschland wie weltweit lebt ein Großteil der Landwirtschaft davon, dass Hummeln, Bienen und andere Insekten die Blütenpflanzen bestäuben. 75 Prozent der weltweiten Nahrungsproduktion hängt von Bestäubern ab. Der IPBES rechnet vor, dass Ernten im Wert von 235 bis 577 Milliarden US-Dollar pro Jahr verlorengehen, wenn die bestäubenden Insekten verschwinden. Der Artentod hat also unmittelbare betriebs- und volkswirtschaftliche Folgen, die den so entstehenden Hunger von Millionen Menschen vermutlich verschlimmern.

Dabei ist die intensive Landwirtschaft hauptverantwortlich für das Verschwinden von ganzen Ökosystemen. Ein Drittel der weltweiten Landfläche und 75 Prozent der Trinkwasservorräte der Erde gehen für den Anbau von landwirtschaftlichen Produkten drauf. Settele und seine KollegInnen fordern daher, dass „alle Akteure wie Konsumenten, Produzenten, Zivilgesellschaft und Politik einbezogen werden und zu einer guten landwirtschaftlichen Praxis kommen“. Es nütze nichts, hierzulande die landwirtschaftliche Produktion zu verringern und dann auf dem Weltmarkt einzukaufen, wenn nicht insgesamt weniger konsumiert werde. Er fordert, dass die verschiedenen Bereiche in Politik und Wirtschaft „kooperativ“ zusammenarbeiten. „Wir müssen alles besser zusammenbringen, damit auch Subventionen nicht kontraproduktiv wirken“, sagt Settele.

„Es geht um nichts weniger als umdie Frage, ob wirauf dieser Erde überleben“

Umweltministerin Svenja Schulze

Einen „Weckruf“ nennt Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) den Bericht der Weltbiodiversitätsrates. „Es geht um nichts weniger als um die Frage, ob wir auf dieser Erde überleben“, sagt Schulze. „Der Bericht sagt uns sehr klar, was wir tun müssen“, sagt Schulze und will mit Hochdruck ihr „Aktionsprogramm für den Insektenschutz“ durch das Bundeskabinett bringen. Mit ihren ökologischen Ideen prallt sie dort gegen die wirtschaftlichen Interessen von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU), kommt aber auch bei Finanzminister Olaf Scholz nicht an. ­IPBES verweist ausdrücklich darauf, dass der Schutz von Tieren, Pflanzen und Lebensräumen jeden angeht. Natur sei ein gesellschaftspolitisches Thema, wenn die Bundesregierung den Bericht des Weltbiodiversitätsrats ernst nimmt.

Auch Grünen-Chef Robert Habeck bezeichnete den Bericht zum Zustand der weltweiten Artenvielfalt als „Weckruf“ und forderte Reformen wie eine radikale Verringerung des Pestizideinsatzes, Schutzgebiete im Meer und an Land. „Vor allem aber brauchen wir ein System, das Landwirte ökonomisch besser stellt, die extensiver und ökologischer wirtschaften.“

Svenja Schulze hat eine Idee, wie die „große Transformation“ gelingen kann: alle Beteiligten an einen Tisch holen und Dialogrunden mit allen Beteiligten, also aus dem Verkehrsbereich oder der Landwirtschaft, bilden. Wie bei der Kohlekommission. IPBES-Vorsitzender Robert Watson sieht seine größten Verbündeten auf der Straße. „Von #VoiceforthePlanet bis zu den Schulstreiks zeigen die Menschen, dass sie Grundverständnis für dringendes Handeln haben, um die Zukunft zu sichern.“