Uli Hannemann
Liebling der Massen

Mit vierkommaeinundvierzigPace durchs Leben

Gerade ist schon wieder so ein elektrischer Tretroller wie ein Menetekel aus „Friedhof der Kinderspielzeuge“ lautlos an mir vorbeigesaust. Wenn die Alte mich erwischt hätte, wäre ich tot gewesen. Und die Fälle häufen sich. Wer zu faul zum Gehen, zu hip zum Radfahren und zu dumm für den Scooter ist, versucht es nun mit dem gepimpten Kleinkinderfortbewegungsmittel.

Noch schlimmer aber ist die Diskussion darüber. Unter einem Artikel, der sich mit der Freigabe des auf 12 km/h gedrosselten Clownsgerätes auf Gehwegen befasst, werde ich Zeuge eines Titanenkampfes von Laufnerds. „Keine Ahnung, wie die Joggen definieren, aber 12 km ist ja wohl maximal ein guter Anfang, mehr aber auch nicht“, lästert der eine. Das eigentliche Thema ist ihm egal. Das interessiert ihn nicht. Es geht ihm nur darum anzugeben, wie geil er ist und was er besser weiß. Nebenher verhöhnt und entmutigt er alle tapferen Hobbyläufer, die sich redlich mühen, ab und zu eine langsame Runde um die Rabatten zu hoppeln. Er hasst sie für ihre Mediokrität, verachtet sie für ihren Unernst und zugleich beneidet er sie heimlich darum.

Auch sein Bruder im Geiste scheißt auf das Roller-Thema. Allzu verlockend ist die Gelegenheit, ungefragt das eigene Ego aufzublasen: „Ich bin ein gut trainierter Läufer, Marathon und länger. 12 km/h = 5min/km Pace = Marathonzeit um die 3:30 Stunden und das ist doch recht flott.“

Das muss der Erste natürlich toppen: „Meine Pace ist normalerweise was mit 4, heute morgen waren es 4,41, aber ich laufe in der Regel Strecken zwischen 10 und 12 km und keine Langstrecke wie Sie.“

Vierkommaeinundvierzig, au Mann, echt jetze? Da geht jemand durchs Leben und denkt die ganze Zeit: Vierkommaeinundvierzig. Er definiert sich darüber. Wie die sich ohne ernsthaften Bezug zur Sache an ihrer „Pace“ aufgeilen, erinnert an zwei selbstvergessene Pfauen, die hoffentlich gleich vom Fuchs gefressen werden. Spillerige Asketen ohne Arsch, doch dafür mit Pulsuhren und atmungsaktiver Speziallaufkleidung, denen beim Anblick Otto Normaljoggers in (yes!) Turnhose die Adern am dürren Hals schwellen. Tauschen möchte ich nicht mit denen. Lieber tot.

Aber ich merke, wie ich mich für sie schäme. So wie man sich im Ausland für peinliche Deutsche schämt, schäme ich mich für Mansplainer, denn genau das sind sie. Ich schäme mich umso mehr, da ich im idealen Alter dafür bin. Denn vorher hatte man schlicht Besseres zu tun, sprich ein Leben, und später ist man entweder klüger geworden oder sabbert eh bloß noch rum.

Doch warum überhaupt „Man“splaining? Bei dem Begriff scheiden sich die Geister, denn schließlich kann nervtötendes und naseweises Geschwalle, das ausschließlich der eigenen Erhöhung dient, ebenso von Frauen kommen. Außerdem ist es richtig, dass, wie übrigens auch bei Männergewalt, die Opfer ebenfalls oft Männer sind. Mansplaining ist ja selbst eine Form von Gewalt, ein Angriff auf das Taktgefühl und bewährte Kommunikationsstandards.

Trotzdem ist der Ausdruck nicht falsch. Denn die Bezeichnungen der Dinge beziehen sich nun mal gern auf den Ursprung und die Hauptausprägung eines Phänomens. So heißt der Kartoffelkäfer ja auch Kartoffelkäfer, weil sein Bekanntheitsgrad von seiner Vorliebe für unser wichtigstes Grundnahrungsmittel herrührt. Und nicht Querbeetspachtelkäfer, damit man bloß keine Kartoffeln oder Käfer oder Tomaten beleidigt, die sich zu häufig oder zu selten oder zu Unrecht genannt fühlen.

Da lobe ich mir doch vergleichsweise die Tretrollertante, die mich eben noch untermangeln wollte. Ihre Rücksichtslosigkeit ist wenigstens stumm.