In der Festung Europa

Die Ausstellung „Moving On“ fragt nach der Politik der Grenzen – nach Kontrollen, Überschreitungen und den Grenzen in den Köpfen. Künstler und Aktivisten machen in der NGBK fit in Antirassismus

Es ist ein Prachtpaar deutscher Provinz, das da vor dem Supermarkt steht. Zwei Typen in Trainingsjacken, die sich über den Bäuchen spannen, in der Hand eine Bierdose, den leeren Blick nach vorne auf den Parkplatz gerichtet, wo auch nichts passiert. Der junge Schwarze nähert sich ihnen und fragt höflich nach der Uhrzeit. Eiskalter Blick zurück. „Ich Deutscher, ich kann mir keine Uhr leisten.“ Noch so eine Frage, und der Vorstadt-Tarzan rastet aus: „Hau bloß ab!“

Szenenwechsel. Ein Supermarkt. Die Verkäuferin raunzt den jungen Mann an: „Machen Sie mal die Tasche auf!“ „Warum?“, fragt er. „Machen Sie mal die Tasche auf. Wir haben ein Recht dazu.“ Warum sie gerade ihn durchsuchen wolle, will der Mann wissen. Antwort: „Wir machen das mit jedem, nicht nur mit euch Schwarzen!“ Mit versteckter Kamera haben Nick Hanke und Rico Tscharntke in ihrem Film „Einen Schritt weiter“ Szenen alltäglicher Fremdenfeindlichkeit eingefangen.

Es sind Bilder und Reaktionen, die man in dieser Form schon öfter gesehen hat, deren plumper, offener Rassismus aber dennoch immer wieder erschüttert. Ob Supermarkt-Verkäuferin oder Polizist – noch die dümmsten Sprüche, noch die absurdesten Anweisungen werden mit der Selbstgewissheit des Rechthabers vorgetragen, die einen schaudern lässt.

Man kann Klopapier und Dosenmais erwerben, nicht aber Zigaretten, weil Luxus

Der kurze Videofilm steht am Anfang der Ausstellung „Moving On“, die jetzt in der NGBK gezeigt wird. Um Grenzen geht es in den gezeigten Arbeiten, um Ausgrenzung und Abschiebung, um Grenzen in den Köpfen und die ganz realen rund um die „Festung Europa“. Ein weites Thema also, das die umfangreiche Ausstellung in Videos, Fotos, Hörspielen und Installationen angeht.

Die „Chipkarten Initiative“ etwa tritt gegen das System der Chipkarten an, die mittlerweile in vielen deutschen Städten, so auch in den meisten Berliner Bezirken, an Asylbewerber ausgegeben werden. Statt Bargeld erhalten die Menschen eine Chipkarte: Einer vierköpfigen Familie stehen damit monatlich rund 500 Euro zur Verfügung. Im Ausstellungsraum kann man einen solchen Chipkarten-Einkauf tätigen: Auf einem Regal sind Waren aufgereiht, man kann Klopapier oder Dosenmais erwerben, nicht aber Zigaretten oder Geschirrtücher – die nämlich gelten als Luxuswaren. Was die Chipkarten-Praxis im Leben der Asylbewerber bedeutet, wird man dennoch nur annähernd nachempfinden können. Sie befördert die öffentliche Stigmatisierung, wird die Karte doch nur in einigen und meist teuren Supermärkten überhaupt akzeptiert, und das auch noch an meist gesonderten Spezialkassen.

Eher künstlerisch als dokumentarisch agiert die Fotografin Julika Rudelius. In der Fotoserie „reconstruction“ zielt sie auf die medialen Konstruktionsmechanismen des „Fremden“. Man sieht zwei Männer vor Wohncontainern, auf einem anderen Bild stehen Frauen und ein Kind auf einem leeren Parkplatz. Diese Bilder verstören nicht nur, weil sie die klischeehafte Repräsentation von Migranten überdeutlich nachzeichnen, sondern weil man sich auch als Betrachter ertappt fühlt. Denn noch ehe man die Fotos wirklich betrachtet hat, fliegen einem schon die Kategorisierungen durch den Kopf. Man meint die Menschen einordnen, den Momentaufnahmen einen Kontext geben zu können, und stößt dabei auf einen irritierenden Fundus an inneren Zuschreibungsmechanismen. Das Projizieren kommt psychoanalytisch korrekt in Rudelius’ Bildern weit vor dem Erkennen.

Mit Wahrnehmungskonventionen spielt auch ein Video von Candice Breitz. Frauen und Männer posieren an bekannten Berliner Plätzen als Sänger – nur hört man dabei nicht ihre eigenen Stimmen, sondern als voice over die Stimmen anderer. Am Kotti gibt ein junger Türke Rio Reisers „Keine Macht für niemand“ zum Besten – was man hört, ist allerdings eine Frauenstimme. Vorm Alten Museum steht eine junge Frau und schmeißt Beethovens „Ode an die Freude“, doch die tiefe Stimme will so gar nicht zu der Frau auf dem Bildschirm passen. „Alien: Ten Songs From Beyond“ heißt die Arbeit, die über ihr schräges, witziges Playback Verfremdungseffekte hervorruft – und dazu anregt, selbst über die Lichterketten-Hymne „Freiheit“ von Marius Müller-Westernhagen noch einmal nachzudenken.

Im Hof der Galerie ist schließlich ein schön geschmücktes Hochzeitsauto zu sehen. Esra Ersens Arbeit thematisiert den behördlichen Umgang mit binationalen Paaren; auf einem Schmuckband sind Fragen zu lesen, die die Paare beantworten müssen, um den Verdacht der Scheinehe zu widerlegen. Vor allem aber ist dieses Auto gut positioniert: Jeden Moment, so scheint es, könnte der Wagen hinausfahren auf die Oranienstraße, in den Berliner Alltag.