Washington Post setzt auf Open Data: Moderner Datenjournalismus
Zwei Jahre recherchierte die Zeitung nach Informationen für "Top Secret America". Jetzt stehen die Daten für eigene Analysen der Leser zur Verfügung.
Einst war es im investigativen Journalismus vor allem wichtig, sensible Dokumente aufzufinden und dann zu veröffentlichten – die "Pentagon Papers" in der Watergate-Affäre sind hier ein berühmtes Beispiel. Heutzutage wandelt sich in vielen Bereichen das Bild: Oftmals liegen die interessanten Daten aufgrund gesetzlicher Veröffentlichungspflichten völlig offen bei Behörden und auf Websites, oder stecken in frei publizierten Geschäftsberichten. "Offene Geheimnisse" nennt dies der renommierte Journalist und Buchautor Malcolm Gladwell – hätten Reporter beispielsweise früher detailliert in die Quartalsabschlüsse des zusammengebrochenen US-Energieriesen Enron geschaut, wäre der gigantische Skandal um die Firma im Jahr 2001 viel früher aufgedeckt worden.
Dagegen helfen neue Strategien, die sich "Computer Assisted Reporting", kurz CAR, nennen. Die Technik, die man auch als "Datenbankjournalismus" bezeichnet, nutzt eigens entwickelte Programme, um relevante Informationen aus Datenbergen zusammenzutragen. Diese werden dann entweder zu spannenden Geschichten verwurstet oder - was vielleicht noch nützlicher ist - zu interaktiven Web-Formaten, bei denen die Nutzer selbst eine sie interessierende Ansicht wählen. Und wenn CAR nichts nutzt, helfen die Leser mittels "Crowd Sourcing" selbst mit – so zum Beispiel in der Spesenaffäre um britische Parlamentarier, bei denen englische Zeitungen ihre Nutzer die dollsten Dinger aus dem Papierberg zusammensuchen ließen.
Für Furore in Sachen CAR sorgt seit dieser Woche auch die renommierte "Washington Post". Sie hat unter der Überschrift "Top Secret America" ein Projekt angeschoben, das den militärisch-industriellen Komplex der Vereinigten Staaten mithilfe von interaktiven Infografiken in bislang unbekanntem Detailreichtum aufdröselt. Es ist das erste Mal, dass so viele Informationen zu dem Sicherheitsapparat, den das Land nach den Ereignissen des 11. September 2001 aufgebaut hat, in dieser Breite veröffentlicht wurden. Mit der grafisch gut gemachten Web-Anwendung ist es beispielsweise möglich, nachzuvollziehen mit welchen Firmen Militärs und Geheimdienstabteilungen (von denen es in den USA mittlerweile eine scheinbar unendliche Anzahl gibt) zusammenarbeiten, wo die Firmen und Behörden sitzen und was sie (falls überhaupt bekannt) tun. Ergänzt wird das Angebot durch umfassende Dossiers, Videos und die Möglichkeit mit den Reportern zu chatten.
All das ist nur möglich, weil viele der Informationen frei bereitstehen. "Top Secret America" kombiniert dabei CAR mit den Zielen der sogenannten "Open Data"-Bewegung. Die will dafür sorgen, dass mehr und detailliertere Informationen von Behörden und Verwaltungen auf allen Ebenen frei ins Netz gestellt werden – von den Echtzeitdaten der Londoner U-Bahn bis hin zu Statistiken zu Polizeieinsätzen oder dem Geldeinsatz von Gemeinden.
Neben "Infohackern" und Datenjunkies, die an Anwendungen für all die Daten schrauben, gibt es auch Unterstützer aus der Politik: Der neue britische Premier David Cameron tat sich hier in der Vergangenheit als Anhänger einer möglichst liberalen Freigabe hervor. "Wenn wir die Daten haben, können wir besser reagieren", sagte er auf der High-Tech-Konferenz "TED" unter viel Applaus des Publikums.
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