Vom Krieg der Wörter zum Bund der Worte

UMS LEBEN ERZÄHLEN Eine Begegnung mit dem israelischen Schriftsteller David Grossman aus Anlass seines grandiosen Romans „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“

VON MARIE LUISE KNOTT

Was für ein Konstrukt! Eine Frau flieht bis ans Ende des Landes, weil sie nicht hören will, was ihr verkündet werden könnte. Man kennt die Szene bislang aus ihrer Umkehrung: Der Erzengel Gabriel erscheint der lesenden Maria und verkündet ihr die Fleischwerdung der biblischen Verheißung. Auf den meisten bildlichen Darstellungen dieser Geschichte kreuzt Maria in Demut die Hände vor der Brust, wenn sie das „Du bist auserkoren“ vernimmt. Doch Sandro Boticelli hat seine Maria mit leicht erhobenen Händen gemalt. Vielleicht wusste er, dass Maria auch „Ich nicht!“ hätte sagen können.

Von einem solchen weiblichen „Ich nicht!“ handelt David Grossmans Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“. Erzählt wird die Geschichte einer Soldatenmutter namens Ora, deren Sohn sich freiwillig am Tag nach dem Ende seines Militärdienstes zu einem Einsatz in den besetzten Gebieten („Aktion“ genannt) meldet, statt, wie geplant, mit ihr, seiner Mutter, zu einer Wanderung durch Galiläa aufzubrechen.

Ora will nicht warten, dass Staatsdiener vor ihrer Tür erscheinen und ihr die Nachricht verkünden, ihr Sohn Ofer sei gefallen. Sie will für diesen Akt, wenn er denn fällig würde, nicht zur Verfügung stehen. Sie will nicht als backende, kochende, sorgende Mutter mit der Gewalt kollaborieren, sondern hegt die absurd anmutenden Hoffnung, dass sie, indem sie das Überbringen der Botschaft verhindert, auch das Eintreten des schrecklichen Ereignisses selbst abwenden kann. Sie will sich nicht während der gesamten Zeit des Militäreinsatzes bei jedem Telefonanruf und bei jedem Klingeln fürchten. „Mit jedem Moment wird es ihr klarer: Jede Bewegung, die sie macht, ist vielleicht die letzte vor dem Klopfen an der Tür“, heißt es dazu.

Seit Kassandra sind es in der Erzählung die Frauen, die im Krieg Residuen von Menschlichkeit und Wahrheit verteidigen. Mit Ora, die sinnlich gezeichnet ist wie eine Boticelli-Figur, hat Grossman eine starke Frauengestalt in bedrängten Zeiten geschaffen. Sie ist, wie alle seine Personen, nicht als Ideenträgerin angelegt. Sie darf gegen den Krieg sein und zugleich stereotype antiarabische Vorstellungen haben und beim Zwiebelschneiden in Gedanken Araber in Stücke schneiden.

Ohnehin steht keine der Figuren in dem Roman für etwas anderes als sich selbst, so symbolisch die Namen auch gewählt sind: Ora bedeutet im Hebräischen Licht und ist Bestandteil von Bessorah, dem hebräischen Wort für Botschaft; Ilan, der Name von Oras Ehemann, bedeutet Baum; der frühere Liebhaber heißt Avram wie der Stammesvater. Wie sich in der Geschichte herausstellt, ist er der Vater von Ofer (dessen Name Hirschkitz bedeutet), der jedoch als Sohn von Ilan aufwächst.

Die Welt in Oras Familie ist geschlechtergetrennt. Ilan und die beiden Söhne Adam und Ofer verbindet vieles, an dem sie, Ora, nicht teilhat. Sie haben die Lust an Wortspielen in den Genen und das Militär als gemeinsame Erfahrung. Auch Ofer ist mit dem Eintritt in die Armee ihrer Welt entfremdet. Ihre Ermahnung an den einst so sanften Knaben, er solle während des Einsatzes nicht auf Menschen schießen, tut dieser ab: „Sorry, Mama, es ist Krieg!“ Drei Jahre lang habe er an „Scheißstraßensperren“ gestanden, sich von den palästinensischen wie den Siedlerkindern mit Steinen bewerfen lassen und schon ein halbes Jahr „keinen Panzer mehr von innen gerochen“, argumentiert er – und da solle er jetzt zu Hause bleiben, wenn es etwas zu tun gibt?

David Grossman begann den Roman, als sein eigener zweiter Sohn, Uri, bei der Armee war. Beide Söhne begleiteten in zahlreichen Debatten die Entwicklung der Geschichte, doch während des Schreibens brach die Realität in die Fiktion ein: Uri fiel bei einem Einsatz im Libanonkrieg im August 2006. Dieser Schmerz hat, schreibt Grossman, die Resonanzräume der Worte und Geschichten verändert. Das spürt man in jedem Satz. Im Roman bleibt das Schicksal Ofers offen.

Die Welt wird enger, mit jedem Tag

Ich treffe David Grossman auf der Terrasse eines Hotels in Jerusalem. Er redet leise und bedächtig. In der Nähe läuten Kirchenglocken, man hört hebräische Gespräche vom Nebentisch und aus den vorbeifahrenden Autos arabische Melodien. Über den Tod seines Sohns reden wir nicht, wohl aber über die komplexe Wirklichkeit in Israel. „Nehmen wir den Herrn, mit dem ich vorhin gesprochen habe“, setzt Grossman an. Der Mann lebe in der Siedlung Maale Adoumim. Aber wenn man fünf Minuten mit ihm rede, stelle sich heraus, dass auch dieser Siedler sein Grund und Boden freiwillig aufgeben würde, jedoch nur, wenn er sicher sein könne, dass es wirklich Frieden gäbe.

Kann man das glauben? Die meisten Siedler scheinen bereit, ihr „Recht“ auf das Land mit allen Mitteln durchsetzen zu wollen. Doch Grossman spricht nirgends von Recht und Gesetz, er baut auf die frontenaufweichende Kraft des Gesprächs, das macht seine Stimme in und für Israel derzeit so bedeutend.

Wohin können Worte tragen? „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ befragt die Macht und die Gewalt des Wortes in einer Gesellschaft, die schon zu lange in Schweigen, Terror und Parolen – des Zionismus, des Nationalismus – verstrickt ist. „Die Welt wird enger mit jedem Tag“ überschrieb Grossman 2005 eine Rede vor dem New Yorker PEN, Kafkas Maus zitierend. Alles Reden sei von der Wirklichkeit vergiftet. Auch das Schreiben?

Was droht, ist ein Leben mit geschlossenen Poren, das die ausgetretenen Pfade der politischen Projektionen und der Logik des bloßen Reagierens nicht verlässt. In Situation, in denen es am Ende keine Verantwortung mehr gibt, tue sich, wie Grossman ausführt, zwischen den Menschen ein Hohlraum auf, der aber nicht leer bleibe: „Er füllt sich rasch mit Apathie, mit Zynismus, mit neuen Parolen“, mit denen man sich in Reih und Glied denke; außerdem fülle er sich mit Verzweiflung. Gegen ein solches Verkümmern der Seele erzählt Ora an, als ob sie durch die Erinnerung an die kleinen familiären Dinge der Welt zwischen den Menschen die Lebenssinne zurückgeben könnte. Grossmans Ora redet dagegen an, dass die brutale Wirklichkeit des Landes die intimste Sphäre des Lebens durchdringt.

„Wenn ich schreibe“, formuliert Grossman im Gespräch, „habe ich einen geschützten Ort.“ Hier kann Ora Avram von Zeiten berichten, in denen die Kinder Hausaufgaben machten und sich Spiele ausdachten, um die Manipulationskraft der Worte zu erkunden; hier versucht Ora, durch Erzählungen aus dem Familienleben die Gefühle zu „entstaatlichen“ und Avram seinen Sohn nahezubringen. Daneben enthüllt sich nach und nach eine komplizierte, tief in der Geschichte des Landes verwurzelte, tragische, von Tabus besetzte Dreiecksgeschichte. All das, die Tragik, den Wortwitz und die Bodenlosigkeit der Lage, hat Anne Birkenhauer meisterhaft ins Deutsche gebracht.

Das Durchschreiten der Landschaft und das Erzählen sind (man denke an Hölderlin) von jeher eine Antwort auf drohende Entortung. „Ich habe eine sehr komplizierte Beziehung zu diesem Land, ich liebe es, ich leide darunter, ich kritisiere es, und einiges hasse ich“, erzählt Grossman im Gespräch, aber er weiß, „es ist mein Zuhause“. In der Natur „erneuere ich den Vertrag zwischen mir und dem Land“. Die Begegnung mit der Schönheit des Landes verortet.

2003 hatte Grossman, der auch Kinderbücher schreibt, unerwarteten Erfolg: Er verfasste einen „Sticker-Song“, der aus einer Aneinanderreihung der in Israel so beliebten Autoaufkleber bestand – die Stimme des Volkes in seiner tiefen Gespaltenheit: „Eine ganze Generation will Frieden“ – „Ohne Araber keinen Terror“ – „Ein Staat, der auf der Halacha beruht, ist kein Staat“ – „Der Oberste Gerichtshof, eine Gefahr für die Juden“ – „Sieg der Armee“ – „Das Volk ist für Bevölkerungstransfer“ – „Freund, du wirst vermisst“ – „Tod den Werten“ und viele mehr.

Im Gespräch erzählt Grossman, wie er zu dieser Idee kam. Am Tag nach dem Mord an Rabin, im November 1995, beobachtete er einen Mann, der neben seinem (mit Aufklebern übersäten) „Siedler-Volvo“ stand und mit einem Schaber den damals sehr populären Sticker „Rabin, Verräter, Mörder!“ abkratzte. Offensichtlich war dem Siedler die eigene Parole suspekt geworden: „Am Ende der Slogans steht einer, der tatsächlich schießt“, konstatiert Grossman. Sein „Sticker-Song“, gespielt von der Hiphop-Gruppe Hadag Nahash, avancierte zum Kultsong der Linken, gleichzeitig tanzten die Siedler bei ihren Hochzeiten dazu. Eine verrückte Welt, in der jeder wahrnimmt, was er will.

Auftauen

David Grossman sparte nach seinen frühen Romanen in den vergangenen Jahren politische Themen aus, erhob aber in seinen öffentlichen Äußerungen zur Lage und zum Schreiben immer wieder mit eindrucksvollen Bildern und deutlichen Worten seine Stimme gegen die Besetzung und für eine Rückkehr zum Gespräch. Man könne in Israel wohnen, ohne die Palästinenser zu sehen, erzählt er. „Wir haben uns längst unsere Wege so zurechtgepflastert, dass wir der Wirklichkeit der Palästinenser fast nicht begegnen.“ Das Wegsehen hat seinen Preis. Schweigen erzeugt Gewalt. Einzelne der meist beschwiegenen Schreckensnachrichten über die Besatzung, die in der israelischen Öffentlichkeit bekannt wurden, tauchen im Roman dennoch auf, etwa wenn Ora, mitten im Restaurant während eines Geburtstagsessens für Ofer, von der Vorstellung gequält wird, dass auf dem Tisch ein Haufen Kot liege.

Der Leser kann sich durch die Behutsamkeit der Erzählweise das Bodenlose vergegenwärtigen. Was soll man denken, wenn sich nach einem Attentat Ofer selbstvorwurfsvoll fragt, ob der Terrorist vielleicht an „seinem“ Checkpoint unerkannt ins Land gekommen sei? Während Ilan seine Freude äußert, dass der Terrorist nicht mit am Checkpoint in die Luft gegangen ist, protestiert Ofer: „Aber Papa, das ist meine Aufgabe, darum stehe ich doch da, dass er mit mir hochgeht und nicht in Tel Aviv.“ Der Schreck Oras, die sich angesichts dieser Worte wie eine „leere Hülle“ fühlt, pflanzt sich tief in den Leser ein. Wie kann man die Sprache und wie die menschlichen Beziehungen wieder auftauen? Der Roman gibt keine Antworten, stellt aber immer neu die Frage, wie so erzählt werden kann, dass der Krieg der Wörter sich in einen Bund der Worte zurückverwandeln kann.

Dass es das in uns gibt

„Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ besteht aus zahllosen Fragmenten, die Grossman lose zu einer großen Geschichte montiert hat. Der Leser wird mehr und mehr mit den Personen und Konstellationen vertraut, Stück für Stück, unterbrochen von anderen Ereignissen, werden einzelne Geschichten mit viel Mühe dem Verschwinden abgerungen. Dafür bedarf es, wie für alles in diesem Land, großen Beharrungsvermögens, vieler Anläufe und Neubeginne. Die Form geht mit dem Inhalt eine geniale Verbindung ein.

Eine kurze Geschichte, die sich in immer neuen Anläufen über Seiten hinzieht, handelt davon, wie der kleine Ofer entdeckt, dass die Menschen die Tiere umbringen und sie dann essen. Das ist eine Tatsache, aber durch den im Erzählen erweiterten Raum wird sie in eine lebendige Frage zurückverwandelt: Stück für Stück erfährt der Junge, gegen die ausweichenden Antworten von Ora, dass das Fleisch von der Kuh kommt und dass es, wenn man es der Kuh wegnimmt, nicht wieder nachwächst. Hat die Kuh dann eine Wunde?, fragt er.

Dieser die kindlichen Erkenntnisqualen abbildende Dialog wird im Roman von anderen Wirklichkeiten unterbrochen, bevor der Junge versteht, was niemand gern erzählt. Sein Ausruf: „Ihr seid wie Wölfe, ich will nicht mehr bei euch sein“ stellt nicht nur das Fleischessen, sondern die Geschichte Israels auf den Prüfstand. Wie lebt man mit dem Wissen, „dass es das in uns gibt“, fasst Ora die Geschichte vieldeutig zusammen. Durch seine verzögerte Erzählweise gelingt es Grossman so, dass alle Dinge und Verhältnisse ihre Gleichgültigkeit und Gewöhnlichkeit ganz und gar verlieren. Anfang der Neunzigerjahre begegnete ich David Grossman bei einem Treffen junger deutscher und israelischer Schriftsteller in Berlin. Damals stand die Frage im Vordergrund, ob und wie man nach Deutschland kommen, ob und wie man Deutschen, auch jungen deutschen Schriftstellerkollegen begegnen könne. Grossman weiß, dass sich Deutschland geändert hat; doch noch heute ist es für ihn nicht ein Leserland wie andere, so froh er auch ist, dass er seine eigenen Ängste und Vorurteile auf die Probe gestellt hat.

Immer ist er hier ein bisschen weniger frei, ein bisschen mehr „Vertreter von“ etwas, wie er das nennt. Ein bisschen mehr Vertreter der ermordeten Juden vor allem. Hier – und das merkt man den Reden an – kann er nie so frei sein wie anderswo. In einem Aufsatz berichtet er: „Ich habe, Stichwort Liebe, einen Roman über die Schoah geschrieben, um unter anderem auf die Frage zu antworten: Wie hätte ich mich verhalten, wenn ich damals gelebt hätte.“ Ob er die Kraft gehabt hätte, den menschlichen Funken in sich zu bewahren?, fasst er die Frage zusammen.

Dass das Erzählen für Grossman ein Lebendighalten dieses menschlichen Funkens ist, kulminiert in der vielleicht großartigsten Szene des neuen Romans: Avram, 1973 im Krieg Soldat beim Nachrichtendienst Babel, befindet sich in Sinai auf verlorenem Vorposten, er hat einen Splitter in der Schulter, um ihn herum sind seine Kameraden tot. Ilan befindet sich zur gleichen Zeit bei einer Einheit im Landesinnern. „Hallo, hallo, hört mich noch jemand? Ich bin hier allein. Alle anderen haben sie schon gestern oder vorgestern umgebracht“, hört er Avrams Stimme aus einem Funkgerät. Ohne Punkt und Komma, grandios übersetzt, redet Avram fernab in ein halbwegs funktionstüchtiges Sprechgerät hinein, erzählt von seiner Liebe zu Ora, von seinem Freund Ilan, von den anderen, die schon tot sind – er flucht, er singt, er redet, tagelang, um sich und der Welt zu zeigen, dass er noch da ist. Kommt denn niemand zu seiner Rettung?

Grossman, der lange Jahre Nachtprogramm im Radio gemacht hat, verteidigt grandios in diesem Meisterwerk, dass die menschliche Stimme die Finsternis der Nacht durchdringen kann.

David Grossman: „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Hanser, München 2009, 730 Seiten, 24,90 Euro