Wahre Kommunisten

COMIC Der junge Simon Schwartz erzählt in knappen Szenen, wie seine Eltern in der DDR zu Dissidenten gemacht wurden und sie schließlich in den Westen ausreisen durften

Von ANDREAS FANIZADEH

„Guck mal, den find ich ganz süß.“ „Ach, ich weiß nicht, der quatscht mir zu sehr wie ausm Parteibuch.“

Es ist nicht einfach, eine Sprache zu finden, in der sich historische Ereignisse so erzählen lassen, dass man sie auch hören will. DDR und BRD, 3. Oktober und 9.November, wie lässt sich die Geschichte immer wieder neu erzählen, ohne dabei ins professionell Rituelle und formelhaft Ideologische abzugleiten?

Erstaunlicherweise ist es in den letzten Jahren auch immer wieder die Graphic Novel gewesen, die hier entgegengesetzt und innovativ wirkt. Das Genre ist hervorragend dazu geeignet, subjektive Biografien mit objektiven Zeitläufen zu verbinden, szenisch zu verdichten und durch Ästhetik eine sich erneuernde Gegenwärtigkeit herzustellen. Ein Comic wie Marjam Satrapis „Persepolis“ konnte so vor wenigen Jahren aus ästhetischen Gründen zum Welterfolg werden, obwohl die Erzählung ein für die meisten Menschen so abgelegenes Thema wie iranische Revolution und Exil zur Grundlage hatte.

Biermann und Afghanistan

Schwartz selbst kam in den 1980ern als Kleinkind mit in den Westen und – wie ein Selbstbild in der Erzählung zeigt – in die Kita nach Kreuzberg

Auch der junge Simon Schwartz, 1982 in Erfurt geboren, hat sich an ein großes Thema herangewagt: die deutsche Teilung und der DDR-Kontrollstaat. „drüben!“ heißt der Comic, in dem Schwartz, das Leben seiner Eltern und deren Gründe für die Ausreise nach Westberlin rekapituliert. Er selbst kam in den 1980ern als Kleinkind mit in den Westen und – wie ein Selbstbild in der Erzählung zeigt – in die Kita nach Kreuzberg. Seine Eltern waren keine national besoffenen Antikommunisten, das wird schnell klar. Sie wurden, so wie Schwartz die Geschichte zeichnet, in der DDR zu Dissidenten gemacht. Die Mutter wohl eher aus individueller, hippiesker Lebenslust, der Vater wohl eben wegen seiner Liebe zu Simons Mutter in Verbindung mit einem strengen, humanistischen Gewissen, das ihm dessen Eltern, eher linientreue Kommunisten im Plattenbau, mit auf den Lebensweg gegeben haben.

Simon Schwartz zeichnet ein Bild der DDR Ende der 1970er-,Anfang der 1980er-Jahre, in der spätestens mit der Ausweisung des Dichters und Sängers Wolf Biermanns immer mehr intellektuelle Freunde der Eltern dieser DDR den Rücken kehrten. Auch Simons Eltern nehmen schließlich die offene gesellschaftliche Ächtung in Kauf und stellten einen offiziellen Ausreiseantrag, dem nach Jahren der Schikane stattgegeben wurde.

Auch damals spielte schon Afghanistan in die Geschichte hinein, doch anders, als sich manch einer in der heutigen Linkspartei daran erinnern wird. Schwartz schildert, wie der endgültige Bruch des Vaters mit dem Regime mit der Besetzung Afghanistans durch die Sowjetarmee kam. Simons Vater sollte zu diesem Anlass eine vorgefertigte Propagandarede an der Hochschule verlesen, was er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Zunächst dachte er, er solle die Rede selbst schreiben, was ihm durch seine Formulierungen noch eine gewisse Interpretationsmöglichkeit und individuelle Behauptung ermöglicht hätte. Doch dem war nicht so. Den Schritt des reinen Verlesens der Parteidoktrin, den wollte er nicht mehr tun. Und so wird er in einem öffentlichen und demütigenden Verfahren aus Partei und Hochschule geschmissen.

Das Kind als Medium

Für Simons Vater ist es der Abschluss eines langen und zähen Prozesses der Entfremdung von Staat und Familie. Simons Großeltern väterlicherseits entstammten der idealistischen antifaschistisch-kommunistischen Gründergeneration der DDR. Und sein Großvater hatte einen jüdischen Hintergrund und viele Familienmitglieder in den NS-Vernichtungslagern verloren. Entsprechend wurde Simons Vater selbst mit den Idealen des Antifaschismus und der kommunistischen Solidarität erzogen, die allerdings in der Realität nur für die Kinderspiele der FDJ, die Jugendweihe und Fahnenappelle taugten.

Simon Schwartz zeichnet diese Episoden humorvoll, ohne Zynismus oder falsche Anklage. Er macht dabei plausibel, wie sich Simons Vater, der ernsthafte und nachdenkliche, in seinen Lebensauffassungen immer stärker durch das DDR-Weltbild eingeschränkt fühlt. Der Vater findet schließlich keinen anderen Ausweg, als auch den Bruch mit dem liebevoll, aber eben sehr autoritären sozialistischen Elternhaus zu riskieren. Mit der DDR ist er nach der Verhaftung vieler Freunde und der Militarisierung des Alltags ohnehin fertig. Obwohl, das sagt sich so leicht. Simon Schwartz zeichnet seinen Vater in Rückblenden öfter als gespaltene Person: mal im Look des korrekten Sozialisten, mal im Style des humanistischen Dissidenten. Ein Glück, dass die Mutter offenbar weniger ideologischen Ballast mit sich herumschleppte und unbekümmerter, freier und entschlussfreudiger sein konnte.

Schwartz bricht mit „drüben!“ den großen Kalten Krieg und das innere Scheitern des Staatskommunismus auf die Erzählung einer kleinen subjektiven Geschichte herunter. Seine großflächigen Schwarzweiß-Zeichnungen lassen dabei viel Gespür für westliche Popkultur und östliche Ikonografie erkennen. Schwartz zoomt sehr nah an das Leben seiner Eltern und Großeltern in der DDR heran, ohne dass dies voyeuristisch wirkt. Das Kind als Medium, es steckt ja auch immer selbst mittendrin. Der junge Autor erzählt aus einer Nach-1989er-Perspektive auf sehr intime Weise vom ermattenden Glanz einer großen und dann doch wiederum sehr kleinen Idee.

Simon Schwartz: „drüben!“. avant-verlag 2009, 108 Seiten, 14,95 Euro