Teleshopping der Zukunft

Unnütze Technik (2): „Multimedia Home Plattform“? Klingt gut, ist aber nicht mehr als bebilderter Videotext

Interaktives Fernsehen! Toller Begriff, mit dem eine ganze Reihe von Leuten umgeht, die vom Medium Fernsehen keine Ahnung hat.

Interaktives Fernsehen, das war Lou van Burg und sein „Goldener Schuss“ in den 60ern. Seitdem hat sich nicht viel verändert: Wer interaktiv sein will, braucht die Telefonleitung, sei es, um Spielfilme zu bestellen, ein Preisausschreiben mitzumachen, sich an Dummfragen zu beteiligen oder mehr oder weniger überflüssigen Murks im TV-Warenhaus zu bestellen.

Interaktiv ist ansonsten allenfalls noch die Fernbedienung, über die man den größten Mist wegzappen kann. Interaktives Fernsehen brauchen wir, das wird uns spätestens alle zwei Jahre zum Sommerende bei der IFA eingeredet. Und das Beste dafür sei MHP, die „Multimedia Home Plattform“. Ausgerechnet ARD und ZDF versuchen schon seit vier Jahren alle Beteiligten auf MHP als multimedialer Plattform für „interaktives Fernsehen“ einzuschwören. Dabei ist MHP nichts anderes als ein mit Bildern ein bisschen aufgepeppter Videotext mit undurchschaubarer Menüführung, der die ganze digitale Set-Top-Box gleich um 50 Euro teurer macht. Aus Sicht von ARD und ZDF verständlich ist, dass die Anstalten versuchen, die privaten Veranstalter auf MHP einzuordnen, denn wenn das nicht geschieht, erleben wir einmal mehr ein Normenwirrwarr, das schon zu Beginn des Digitalzeitalters den Markt verunsichert hat.

Die Privaten aber machen nur punktuell mit. Pro7/Sat.1, die noch auf der letzten IFA eine Verkaufsplattform auf MHP präsentierten, machen derzeit Sendepause. Auf den Kanälen der RTL-Gruppe sind seit Wochen die Meldungen nicht aktualisiert worden. Dort werden noch immer als „Top News“ Meldungen über den Brand im Frejus-Tunnel, das Länderspiel in Belfast und den Beginn der Jurysitzung im Jackson-Prozess verbraten, und das interaktive Training für „Wer wird Millionär?“ funktioniert nicht.

Bei ARD und ZDF immerhin gibt es eine vergleichende Übersicht der in der nächsten Zeit angebotenen Sendungen – das allerdings kann man sich im weitaus interaktiveren Medium Internet sogar gleich ausdrucken lassen. Ganz zu schweigen davon, dass der Informationswert problemlos auch auf eine Videotextseite passen würde.

Und darüber hinaus ist in den Tiefen des Weltalls, aus denen ich mein TV-Signal empfange, auch noch der elektronische Programmführer (EPG) der Hör zu und ein Shopping-Portal des Otto-Versands versteckt, irgendwo zwischen den 653 Programmen auf Astra und Eutelsat.

Es war mein Berichterstatter-Pflichtbewusstsein im Dienste der taz, das mich seinerzeit dazu verleitete, eine MHP-Set-Top-Box anzuschaffen. Warum auch sonst?