Laut einem Bericht der UNO starben die meisten Menschen bei Sprengstoffanschlägen von Aufständischen. Trotzdem wächst in der Bevölkerung die Wut auf die Nato-Truppen.von THOMAS RUTTIG

Mehr und mehr Tote: bei diesem Selbstmordanschlag im Mai wurden mindestens 20 Menschen getötet. Bild: dpa
Zwei afghanische Fahrer wurden am Dienstag in Kabul getötet, als ein Taliban-Kommando das Büro einer internationalen Sicherheitsfirma stürmen wollte. Selbstmordanschlag in der Provinz Kundus: 6 Polizisten und ein Angehöriger einer regierungstreuen Miliz sterben, 24 Menschen werden verletzt, davon 17 Zivilisten.
Das sind nur einige Vorfälle in Afghanistan aus den letzten Tagen, die es nicht in hiesige Medien schafften. Immerhin wurde berichtet, dass Taliban in der Provinz Badghis die 35-jährige schwangere Witwe Bibi Sanubar wegen "illegitimer" sexueller Beziehungen hinrichteten.
Diese Vorfälle stehen für eine Eskalation der Gewalt, die gestern auch die Vereinten Nationen bestätigten. Um 31 Prozent sei im ersten Halbjahr die Zahl afghanischer Zivilisten, die dem Konflikt direkt zum Opfer fielen, gegenüber der Vergleichsperiode 2009 angestiegen, steht in einem Bericht, der in Kabul vorgestellt wurde. 1.271 Afghanen, darunter 176 Kinder, wurden getötet und 1.997 verletzt, davon 389 Kinder. Die meisten wurden Opfer von Sprengstoffanschlägen Aufständischer.
Auf ihr Konto gehen 72 Prozent aller Toten - Tendenz steigend. Die Zahl gezielter Taliban-Morde verdoppelte sich fast. 2009 hatte die UNO in Afghanistan 2.412 getötete Zivilisten registriert, davon 259 Kinder, von denen wiederum 131 durch Isaf- und US-Soldaten getötet wurden.
Der UN-Sonderbeauftragte für Afghanistan, Staffan de Mistura, meinte in Richtung der Aufständischen: "Wenn sie die Zukunft Afghanistans mitgestalten wollen, können sie dabei nicht über die Leichen so vieler Zivilisten gehen." Er rief ihre Führer auf, alle Befehle zum Töten von Nichtmilitärs zurückzuziehen.
Dies ist eigentlich offizielle Taliban-Politik, jedoch gelten regierungstreue Zivilisten als legitime Ziele. Die unabhängige afghanische Menschenrechtskommission bezifferte vor wenigen Tagen die Zahl der Zivilopfer in den ersten sieben Monaten des Jahres mit 1.325, wies aber darauf hin, dass sie sich in viele Gebiete nicht vorwagen kann, so dass die Dunkelziffer höher liegen dürfte. Gleiches gilt wohl auch für die UN-Zahlen. Währenddessen lag die Zahl toter Zivilisten, für die Isaf- und afghanische Truppen verantwortlich sind, bei 223.
Auch wenn die Tendenz hier nach unten weist, ereignen sich diese Vorfälle immer wieder unter Umständen, die dem offiziellen Nato-Kurs der Schonung von Zivilisten widersprechen. So bombardierten am 5. August US-Jets in der Ostprovinz Nangrahar - auf der anderen Seite des Gebirges, das die Gegend von Pakistans Hochwassergebieten trennt - einen Leichenzug afghanischer Flutopfer, nur Stunden nachdem der neue Oberbefehlshaber der US- und sonstigen Nato-Truppen in Afghanistan, General David Petraeus, die Linie seines Vorgängers bestätigt hatte. Dabei kamen 12 bis 14 Menschen um. Eine Nachrichtenagentur zitierte den Verwandten eines Getöteten: "Wenn diese Ungläubigen nicht das Land verlassen, werden wir (die Provinzhauptstadt) Dschalalabad angreifen und dann wird es dort keinen Gouverneur Karsais mehr geben."
Auch in Kabul waren in den vergangenen Wochen mehrmals Einwohner auf die Straße gegangen, unter anderem nachdem ein Fahrzeug einer privaten US-Sicherheitsfirma bei einem Unfall mehrere Zivilisten überfuhr. Dass die Demos sich einseitig gegen die Nato-Truppen richten, mag unfair sein. Aber sie widerspiegeln auch die Stimmung in der Bevölkerung. Eine Teilnehmerin des Kabuler Protests sagte, sie wolle keine Rückkehr der Taliban, aber die Nato-Truppen hätten die Lage verschlimmert.
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Leserkommentare
12.03.2011 17:31 | Apollo
Das ist lieb von Ihnen, Regine Metes. ...
11.08.2010 01:11 | Ihr Name william wolfo
Das Problem ist das Motiv des Ausfluges, einen guten Willen lässt sich selbst hier mit aller Medienmacht nicht glaubhaft ve ...
10.08.2010 21:25 | Regine Metes
Das nennt man Selbstzerfleischung. Dies ist das übliche Phänomen, wenn ein Land unter Besatzung leidet (immerhin sind die T ...