Gute Zeichen, schlechte Zeichen

In der Galerie Neurotitan wird der Widerstand geprobt: Künstler und Aktivisten machen sich kritisch in der Welt der Bedeutungen zu schaffen. Ihre Waffen im Kampf um die Kommunikationskanäle wirken aber ein bisschen stumpf

Mitte der Fünfzigerjahre wandert ein Freund von Guy Debord einem Stadtplan von London folgend durch den Harz. Das klingt reichlich schräg, aber genau darum ging es den Situationisten. Das dérive, das ziellose Umherschweifen – für die Situationisten lag darin der Beginn aller subversiven Aktion. Nicht um ein surrealistisches Flanieren, um das Eintauchen in die Waren- und Zeichenströme ging es ihnen, sondern darum, das ganze Spektakel zu zersetzen. Jede Ordnung galt es aufzubrechen – sei es die der Stadtplanung oder die des Marktes.

Um zur Galerie Neurotitan im Haus Schwarzenberg zu gelangen, sollte man besser etwas zielgerichteter vorgehen, sonst landet man bei Tommy Hilfiger oder Starbucks. Und das wäre unpassend. Zeigt die Galerie doch eine Ausstellung mit dem kämpferischen Titel „The ABC. Macht und Kommunikation. Zur Semiotik des Widerstands“.

Diese Ausstellung fragt nach alten und neuen Widerstandsformen, es geht ihr um Dada und Situationismus wie um Urban Art oder Culture Jamming. In Zeiten, da das Reale und das Symbolische auf vertrackte Weise interagieren, wird vor allem auf die Medien und die Macht der Zeichen geschaut. Wer sein Baudrillard-Merve-Heftchen gerade nicht parat hat, dem hilft der Ausstellungstext mit einem Zitat weiter: „Der Unterschied zwischen Sendern und Empfängern, zwischen Produzenten und Konsumenten von Zeichen muss total bleiben, denn in ihm liegt heute die wirkliche Form der gesellschaftlichen Herrschaft.“ Was also tun dagegen? Eigene Zeichen produzieren!

Die künstlerisch-aktivistischen Szenen sind international und höchst divers, es sind Netzwerke, Kollektive, seltener auch Einzelpersonen. Mit Street Art wie Aufklebern, Stencils und Graffiti setzen sie ihre Zeichen gegen die Werbelogos der Industrie und die zunehmende Privatisierung öffentlichen Raums – reclaim statt Reklame. Culture Jamming hingegen bedient sich parasitär bei bestehenden Zeichensystemen, verfremdet zum Beispiel Logos. Meist geht es dabei gegen die üblichen Verdächtigen wie Coca-Cola, Microsoft oder McDonald’s. Aus Kookai wird Kookain, der Starbucks-Coffee-Schriftzug mutiert zu einem beherzten „Fuck Off“.

Ob man das nun als „Semiotik des Widerstands“ bezeichnen muss, sei mal dahingestellt. So ist die Ausstellung eher durchwachsen, denn viele der Arbeiten kommen mit allzu dumpfen „Die fetten Jahre sind vorbei“-Botschaften daher: Eine Schachtel mit Aufklebern steht da, oben läuft ein Video, auf dem gezeigt wird, wie man umstürzlerische Sticker-Parolen wie „Sabotage“, „Protest“ oder „Chaos“ öffentlichkeitswirksam aufklebt. Fast schon nachdenklich stimmt im Vergleich ein Plakat einer amerikanischen Künstlerin, das die Buchstaben des Alphabets im Schriftzug bekannter Firmenlogos zeigt. Schön auch die großformatigen Fotografien von Andreas Ulrich: Nachtaufnahmen von gigantischen Parkplätzen vor Einkaufszentren sind zu sehen, die in ihrer Leere schon Aussage genug wären. Schade, dass Ulrich es nicht dabei belassen hat, sondern auf den Parkplätzen Einkaufswagenreihen zu „Schlachtformationen“ zusammengestellt hat. – Überstrapaziertes Sendungsbewusstsein essen Nachdenklichkeit auf.

Spannender als die Ausstellung selbst dürften die Begleitveranstaltungen werden, die bis zum 19. 8. immer samstags stattfinden: Hier steht ein Mix von Performances, Projektvorstellungen, Filmen und Konzerten internationaler Aktivisten auf dem Programm.

Am Eröffnungstag vor einer Woche stellte der Österreicher Hans Bernhard sein „Vote auction“-Projekt vor, bei dem amerikanische Bürger zur letzten Präsidentschaftswahl ihr Stimmrecht nach eBay-Manier im Internet feilbieten konnten. Die Gruppe 01.Org aus Italien präsentierte ein Projekt, das einen EU-Propagandafilm bewirbt. Titel: „United we stand“ – gemeinsam geht es gegen Amerikaner und Chinesen. Ach ja, die Sache ist natürlich ein Fake.