Das Erbe des Gelehrten Moses

ARISIERT Der Philosoph Moses Mendelssohn war Begründer der deutsch-jüdischen Liaison und Stammvater eines Clans, dessen Spuren verweht sind. Julius Schoeps fragt sich, warum wir so wenig über die Familie wissen

Im Herbst 1743 ging ein vierzehnjähriger Junge aus seiner Geburtsstadt Dessau nach Berlin. Er soll die Stadt durch das Rosenthaler Tor betreten haben, das einzige Stadttor, das Juden und Vieh Zutritt gewährte, schreibt der Historiker Amos Elon. Der Junge hieß Moses Mendelssohn, er wurde Philosoph, Aufklärer und Begründer der deutsch-jüdischen Liaison, einer einzigartigen Liebes- und Erfolgsgeschichte, die mit den europäischen Juden ermordet wurde.

Berlin erinnere viel zu wenig an die Mendelssohns, beklagte der Historiker Julius Schoeps am Mittwoch in der Konrad-Adenauer-Stiftung, wo er seine Familienbiografie „Das Erbe der Mendelssohns“ vorstellte. Zwar gebe es eine S-Bahn-Station „Mendelssohn-Bartholdy-Park“, nur wer ist damit gemeint? Wahrscheinlich der Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy, ein Enkel Moses Mendelssohns. Der Komponist hatte keinen Bindestrich im Namen, andere Familienmitglieder haben einen. Schoeps selbst ist Großneffe des Berliner Bankiers Paul von Mendelssohn-Bartholdy. Mit Bindestrich.

Auf fünfhundert Seiten erzählt Julius Schoeps das „Who is Who“ seiner Vorfahren bis zur Arisierung des damals wohl größten deutschen privaten Bankhauses, die längst nicht vollständig aufgeklärt ist. Schoeps’ Buch beginnt bei Moses Mendelssohn. Der habe die Philosophie zwar nicht in dem Maße erneuert, wie Kant es prophezeit hatte. Mendelssohn wurde kein zweiter Spinoza, doch prägte er die Ästhetik und Literatur seiner Zeit, die Empfindung des Schönen wie kein Zweiter. Das Erbe des Gelehrten Moses, das Eintreten für Toleranz, Völkerverständigung und Gleichheit sei allen Mendelssohns eigen, ließ Schoeps die Zuhörer wissen.

Von einem der sechs Kinder des Philosophen stammen in dritter Generation die Geschwister Eleonora und Francesco von Mendelssohn ab. Die Schauspielerin und der Bohemien sind aus dem Berlin der Zwanzigerjahre, dieser „pulsierenden Weltstadt“, nicht wegzudenken, sagt Schoeps. Dass beide „talentiert und intelligent“ waren, unterfüttert der Historiker mit Delikatessen. Sie hatte Sex mit Max Reinhardt, er musizierte mit Albert Einstein. Sie ließ abtreiben und bevorzugte Männerkleider, er hatte einen Anzug aus rotem Leder und einen weißen Lancia-Cabrio mit hermelinbezogenen Sitzen. Ach Berlin! Ach „Hexenkessel großstädtischen Lebens“! Bei so viel Klischee und Maskerade bleiben die Mendelssohns blutleer. Dabei gehören zu einer Familienbiografie auch die Schatten des Glamours, die inneren Brüche, kurz: ein wenig Psychologie.

Sechs Jahre hat Julius Schoeps an diesem Buch gearbeitet, er ist um die halbe Welt gereist, hat in Archiven in Deutschland und den USA geforscht. Die „Spuren sind verweht“, sagt er. Es sei Aufgabe der Stadt und des Bundes, die Nachlässe aus ihren Emigrationskämmerlein nach Berlin zurückzuholen. Das betreffe nicht nur die Mendelssohns, sondern auch Max Reinhardt, Alfred Döblin, Giacomo Meyerbeer und andere. Wie sind die Picassos und van Goghs aus der Kunstsammlung Paul von Mendelssohn-Bartholdy in die Museen dieser Welt gelangt? Und wie ist der Berliner Mäzen 1935 wirklich gestorben? Wie kam die Privatbank in den Besitz der Deutschen Bank? „Es ist unsere Aufgabe, Fragen zu stellen, solange wir sie stellen können“, sagte Schoeps. Würde sich die Öffentlichkeit mehr um das Erbe der Mendelssohns, um das Erbe der deutsch-jüdischen Liaison kümmern, würden wir wohl auch mehr über die Menschen hinter den schillernden Namen erfahren.