Die Stiftung Haus der Geschichte richtet im sanierten Tränenpalast die Schau "Teilung und Grenze im Alltag der Deutschen" ein. Das Retro-Konzept finden nicht alle toll.von ROLF LAUTENSCHLÄGER
Das Spreedreieck an der Friedrichstraße wird wieder zum Meetingpoint - ganz wie zu Zeiten der einstigen Grenzkontrollstelle. Herrschte nach dem Ende der Bauarbeiten 2009 und dem zäh verlaufenden Bezug des umstrittenen Bürohochhauses noch lange Tristesse auf dem Areal, so hat der Abbau des Bauzauns am Tränenpalast sowie die Fertigstellung der weiten Treppenanlage zwischen Bahnhof Friedrichstraße und Hochhaus den Standort zum nutzbaren Stadtraum verwandelt.
Ein dreieckiger Platz mit Freitreppe ist entstanden. Die Angestellten von Ernst&Young, Hauptmieter im Spreedreieck, Managementberater von CNC, Touristen und Bahnhofskunden aalen sich zur Mittagspause in der Sonne, als würden sie auf den Stufen der Spanischen Treppe in Rom sitzen. Nur einer meint, dass der Bauzaun, der jahrelang den Tränenpalast versteckte, besser erhalten geblieben wäre: "Als Schutz vor den Linken in Berlin, die solche Denkmäler abreißen möchten", sagt der Mann eines Wachdienstes und liefert seine eigene "schwierige DDR-Geschichte" gleich mit.
Genau die soll die Zukunft des Ortes prägen: Im September werden die Sanierungsarbeiten an der Fassade, den Fensterfronten und dem Dach des Tränenpalastes beendet. Ein kleiner Anbau wird zudem fertiggestellt sein. Danach wird die Bonner Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik als Mieter mit ihrer neuen Ausstellung einziehen.
2006 war der Tränenpalast geschlossen worden. Nur nach langem Tauziehen zwischen Spreedreieck-Investor Harm Müller-Spreer (Hamburg) und dem Land Berlin konnte die 1964 errichtete Stahl-Glashalle vor dem Abriss bewahrt werden. Im Rahmen des Neugestaltung des Areals für 100 Millionen Euro wurde Müller-Spreer, Eigentümer des Tränenpalastes, zudem zur denkmalgerechten Renovierung des Gebäudes verpflichtet - und ebenso zur Nutzung als kultureller Ort.
Nach dem Ende der jetzigen Sanierung, sagt Mike Lukasch, Berlin-Koordinator der Stiftung, werde mit der Ausgestaltung des berühmten Glasbaus als Dokumentations- und Ausstellungszentrum begonnen. "400 Quadratmeter werden bespielt." Die Erinnerungs-Schau thematisiere die "Teilung und Grenze im Alltag der Deutschen" sowie den Prozess der friedlichen Revolution.
Auch der Tränenpalast selbst, jene Grenzabfertigungshalle, an der sich bis 1989 Millionen Deutsche aus Ost und West voneinander verabschieden mussten, werde zum Objekt. Das Haus der Geschichte lege großen Wert darauf, dass Geschichte "authentisch" vermittelt werde, so Lukasch. So sollen zahlreiche Originale aus DDR-Zeiten gezeigt werden - darunter die Kontrollkabinen, die im Tränenpalast installiert waren. Zum 13. August 2011, so Jürgen Reiche, Ausstellungschef der Bonner Stiftung, werde die Eröffnung stattfinden - "genau 50 Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer".
Trotz der geplanten Zusammenarbeit mit der Stiftung Berliner Mauer und als Teil des Gedenkstättenkonzepts sind in Berlin nicht alle glücklich mit der rückwärtigen Erinnerungsperspektive der Stiftung. Thomas Flierl (Linke) hatte als Kultursenator gefordert, das Haus auch für andere kulturelle Nutzungen zu öffnen. Heute kritisiert Alice Ströver, kulturpolitische Sprecherin der Grünen, dass die Geschichte des Tränenpalastes als Kabarett, Disco und Konzerthalle ausgegrenzt bleibe. Ströver: "Wo bleibt die Zeit nach 1989?"
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