Vollgemüllte Welt

Politisch und ökologisch korrekt, sehr deutsch, manchmal ermüdend ausufernd, vor allem aber ein radikal kritischer Gesellschaftsroman: Jonathan Franzens „Schweres Beben“ aus dem Jahr 1992 liegt jetzt in einer deutschen Übersetzung vor

VON MARION LÜHE

„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr sehen, dass man Geld nicht essen kann“, klebte man sich vor Zeiten gerne auf das Heck seines Wagens, um zu zeigen, dass man zwar Auto fuhr, aber immerhin mit dem richtigen Bewusstsein. Der alte Indianerspruch könnte auch als Motto über dem zweiten, 1992 erstmals in den USA erschienenen Roman von Jonathan Franzen stehen, der nach dem großen Erfolg von „Die Korrekturen“ nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt.

Im Vordergrund von „Schweres Beben“, so der Titel des Romans, steht ein Umweltdesaster, ausgelöst durch die dunklen Machenschaften einer Chemiefirma. Um verschärfte Entsorgungsvorschriften zu umgehen, hat Sweeting-Alden, Marktführer auf dem Gebiet von Pestiziden, ein tiefes Loch in die Erde gebohrt, in das heimlich hochgiftige Abwässer gepumpt werden. Durch das jahrzehntelange Einleiten von Industrieabwässern in den Boden sind kleinere Erdbeben ausgelöst worden. In Kalifornien wäre das kaum aufgefallen, in Massachusetts indes, wo die Handlung spielt, sind solche Erschütterungen selten.

Jonathan Franzen rechnet mit dem kapitalistischen Gesellschafts- und Wertesystem ab

Dr. Renée Seitchek, eine dreißigjährige Harvard-Seismologin, kommt dem illegalen Treiben des Konzerns auf die Spur. Zufällig begegnet sie Louis Holland, dessen Mutter Melanie die Alleinerbin von Sweeting-Alden ist, und sie verlieben sich. Louis, der seine Mutter ebenso wie ihr Geld hasst, unterstützt seine Freundin bei ihrer unternehmensschädigenden Aktion. Zur gleichen Zeit beauftragt die nichts ahnende Melanie, besorgt um den Wert ihrer durch die Zerstörungen in Mitleidenschaft gezogenen Aktien, Dr. Seitchek mit einem Gutachten über die Erdbebenwahrscheinlichkeit in der Region. Natürlich bekommt die Konzernführung Wind von Renées Nachforschungen, und die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

Das zweite große Thema, das sich allmählich in die Umwelt- und Familiengeschichte hineinschiebt, ist die in Amerika heiß diskutierte Abtreibungsfrage. Christliche Fundamentalisten marschieren auf, besetzen baufällige Häuser und bombardieren Renée, die aufgrund eines Fernsehinterviews in ihre Schusslinie geraten ist, mit Drohbriefen und Anrufen. Als Renée – von Louis geschwängert und inzwischen verlassen – tatsächlich eine Abtreibung vornehmen lässt, zieht sie den Hass der Frauen, die vor der Klinik demonstrieren, auf sich, und die nächste Katastrophe nimmt ihren Lauf.

Viele Katastrophen und familiäre Erschütterungen, ein mitunter arg konstruiert erscheinender, thematisch überfrachteter Plot und Figuren wie aus dem Handbuch des Umweltaktionisten: hier die Konzern-Schweine, dort die aufrechte Seismologin, hier die habgierigen Erben, dort der zornige junge Mann, der ihnen über ihre Villenmauern und Swimmingpools und fetten BMWs hinweg zuruft, dass man Geld nicht essen kann.

Das klingt nach einem actionreichen Hollywood-Spektakel, das neben zwei Stunden bester Unterhaltung auch noch die politisch und ökologisch korrekte Botschaft zu bieten hat. Und doch ist „Schweres Beben“ alles andere als eine gut gemeinte Umweltschmonzette à la „Erin Brockovich“. Von der ersten Seite an ist deutlich zu spüren: Hier meint es einer ernst. Als seinen „deutschesten“ Roman hat Franzen das Buch bezeichnet, und in der Tat haftet ihm eine Radikalität an, die in der zeitgenössischen amerikanischen Literatur eher selten ist.

So beschränkt es sich nicht auf die Kritik einzelner Firmen, sondern rechnet generell ab mit dem kapitalistischen Gesellschafts- und Wertesystem, in dem der Mensch nur noch als „Maschine zu lustlosem Produzieren und lustvollem Konsum von Gütern“ erscheint. Der anständige Kerl aus der Arbeiterklasse, eine Projektion verträumter Marxisten, ist ebenso konsumgierig wie der Bourgeois, und für ein wenig Luxus wären alle sofort bereit, ihren Nachbarn umzubringen. In dieser „vollgemüllten“ Welt, in der die Flüsse krankhaft gelb sind, der Frühling nach Salzsäure riecht und der Wind wie die Abluft aus einer McDonald’s-Filiale, verheißt die Katastrophe Erlösung aus einer geschichtslosen Zeit, die man mit der „vergeblichen Jagd nach Sex und Leidenschaft mit den Waffen des Konsums“ verbracht hat. Eine unheilschwangere, düstere Atmosphäre liegt über dem Geschehen, an jeder Ecke lauert das Chaos, und selbst das aufplatzende Popcorn klingt noch wie gedämpftes Gewehrfeuer.

Inmitten dieses hektischen, allein auf Profit ausgerichteten Treibens wirkt Louis, der sich vor Geld geradezu körperlich ekelt und immer die gleichen Klamotten trägt, wie ein Relikt aus einer archaischen Vergangenheit. Sein Zynismus macht ihn überheblich und einsam. Erst in der sieben Jahre älteren Renée, die Punk-Konzerte rückblickend als ihr Erweckungserlebnis bezeichnet und ihren selbstquälerischen Hass auf alle anderen, besonders aber auf sich selbst, kultiviert, findet er eine ebenbürtige Partnerin. Die wechselvolle Liebesgeschichte zwischen den beiden verletzten Seelen, die sich gleichzeitig abstoßen und anziehen, ist bewegend, ohne ins Kitschige abzugleiten. Und so verzeiht man ihrem Autor manch aufdringliche Symbolik wie auch gelegentliche Anleihen aus Psychoseminaren, etwa wenn es über Renée heißt, sie habe „im Annehmen ihrer Weiblichkeit“ einen Anker gefunden. Überhaupt spart der durch vielerlei Nebenhandlungsstränge, Rückblicke und seitenlange seismologische Fachsimpeleien mitunter etwas ermüdende Roman, der in seiner Leidenschaftlichkeit und Wucht wie ein typisches Produkt der Achtzigerjahre wirkt, nicht mit großen Worten. Jene emotionale wie auch sprachliche Ökonomie eines Raymond Carver, beliebtes Vorbild auch deutscher Jungautoren, liegt Jonathan Franzen vollkommen fern. Seine Figuren lieben und hassen voller Inbrunst, fragen nach dem Sinn des Lebens, ohne vor Peinlichkeit zu erröten, und schrecken nicht einmal vor romantischen Hippieklischees des guten Indianers zurück. „Schweres Beben“ ist moralisch und zynisch, heftig und sanft, komisch und traurig zugleich. Als hätten Bob Dylan und The Clash zusammen einen Song geschrieben.

Jonathan Franzen: „Schweres Beben“. Roman. Aus dem Amerikanischen von Thomas Piltz. Rowohlt Verlag, Reinbek 2005, 685 Seiten, 24,90 €