Alle Hände voll …

… zu tun haben derzeit die ARD-Anstalten. „Tatort“ und andere Sendungen werden fieberhaft auf Schleichwerbung geprüft. Der WDR hat vorsorglich 67 Filme und zwei Serien sperren lassen

Bayerischer Rundfunk (BR)

Beim BR ist man derzeit noch zuversichtlich: „Bis jetzt ist uns keine Eigenproduktion aufgefallen, in der der Verdacht auf Schleichwerbung aufgekommen wäre“, sagte BR-Sprecher Küffner der taz. Derzeit werden alle Produktionen intern überprüft. Der BR ist neben WDR, SWR und MDR Gesellschafter der Produktionsfirma Bavaria. Nach Bekanntwerden der Schleichwerbepraxis bei der Bavaria entließen die Gesellschafter drei leitende Angestellte und – nach einigem Hin und Her – auch den Bavaria-Chef Thilo Kleine.

Hessischer Rundfunk (HR)

Der HR hat seine „Tatort“-Produktionen nicht wie andere Anstalten an Produktionsfirmen ausgelagert, sondern übernimmt sie selbst. Schleichwerbung schließt Sendersprecher Dartsch für diese Filme deshalb aus. Anderweitige Prüfungen nimmt der HR zurzeit nicht vor.

Mitteldeutscher Rundfunk (MDR)

Der MDR lässt unter anderem die Fernsehserie „In aller Freundschaft“ produzieren, die vor allem durch Themenplacement aufgefallen war. Derzeit überprüft der MDR alle Folgen. Bislang wurden zwölf elektronische Nachbereitungen vorgenommen. So wurden beispielsweise Logos von Geräteherstellern per Computer nachträglich entfernt. Der MDR hält Beteiligungen an der vom Schleichwerbeskandal besonders betroffenen Produktionsgesellschaft Bavaria. In Zukunft will man bei der ostdeutschen Rundfunkanstalt verstärkt auf Schulungsmaßnahmen innerhalb der Redaktionen setzen.

Norddeutscher Rundfunk (NDR)

NDR-Sprecher Martin Gartzke ist nur ein Fall von Schleichwerbung in einer NDR-Produktion bekannt. In einem Kieler „Tatort“ erscheint ein Lotto-Toto-Schild. Das Logo wurde nachträglich aus dem Film entfernt, obwohl es nicht gegen Bezahlung gefilmt wurde. Vielmehr versuchte der Leiter der betreffenden NRD-eigenen Produktionsfirma Studio Hamburg, Frank Döhmann, rückwirkend Gelder für die zufällige Werbung bei der Lotto-Gesellschaft einzuwerben. Döhmann ist mittlerweile fristlos entlassen worden. Der WDR hat gegen ihn zudem eine Strafanzeige wegen des Verdachts auf Betrug und Untreue gestellt. Künftig mit härteren Vertragsstrafen zu drohen hält Gartzke nicht für notwendig: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass man unsere Verträge noch verschärfen kann.“

Radio Bremen (RB)

Auch bei Radio Bremen prüft man derzeit alle Eigenproduktionen auf Schleichwerbung. Der Aufwand hält sich allerdings in Grenzen. Die Sendeanstalt produziert lediglich den hauseigenen „Tatort“ und die Sendung „Unter deutschen Dächern“. „Die Prüfung ist zwar noch nicht abgeschlossen, aber bislang haben wir noch nichts Anrüchiges finden können“, sagte RB-Sprecher Michael Glöckner der taz.

Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB)

Der RBB hat in der letzten Woche rund zehn Sendungen von seiner Rechtsabteilung überprüfen lassen, darunter auch den am letzten Sonntag ausgestrahlten RBB-„Polizeiruf 110“. Daran war kritisiert worden, dass ein Werbeplakat für ein Mundgel mehrfach deutlich zu sehen war. Da laut RBB-Sprecher Anschütz dafür „weder Geld geflossen noch eine andere Leistung ausgetauscht worden ist“, wertet der Sender dies aber nicht als Schleichwerbung. Der RBB will die Prüfungen fortführen.

Saarländischer Rundfunk (SR)

Der SR prüft seit rund einer Woche seine „Tatort“-Folgen und den Heimat-Schwurbel „Kein schöner Land“. Da der SR als zweitkleinste ARD-Anstalt nur einen „Tatort“ pro Jahr produziert, hat er auch nur wenig zu sichten: Bislang wurden nur zwei Folgen beäugt. An beiden gab es laut SR-Sprecher Buhl nichts auszusetzen.

Südwestrundfunk (SWR)

Auch der SWR, die zweitgrößte ARD-Rundfunkanstalt, ist an der Produktionsfirma Bavaria und an deren Tochter Maran beteiligt – zwei erwiesenen Schleichwerbern. Maran in Baden-Baden kassierte nach Informationen der Stuttgarter Nachrichten für die Tatort-Folge „Bienzle und der Sizilianer“ 21.750 Euro. SWR-Sprecher Wolfgang Utz sprach von gesponserten Dialogen über Heizöl und Rapsöl in Joghurt. Der Film wurde teilweise neu synchronisiert. Am kommenden Sonntag wird er in der ARD ausgestrahlt. Laut Utz will der SWR künftig härtere Vertragsstrafen einführen.

Westdeutscher Rundfunk (WDR)

Der WDR steckt tief drin im Schleichwerbeskandal. Die größte ARD-Anstalt ist unter anderem an der Produktionsgesellschaft Colonia beteiligt. In von Colonia produzierten „Tatorten“ untersucht der WDR derzeit vier Verdachtsmomente auf Schleichwerbung. Insgesamt 67 Filme und zwei Serien („Der Fahnder“, „City Express“) hat der WDR derzeit für Wiederholungen in ARD-Programmen gesperrt. „Wir wollen ganz sicher sein und alles auf den Prüfstand stellen, was Colonia je für uns produziert hat“, sagte WDR-Sprecher Rüdiger Oppers. Bislang sind 13 Folgen von „Der Fahnder“ auf Product- und Themenplacements überprüft worden. Dabei wurde nur in einer Folge eine auffällige Produktdarstellung festgestellt – prompt vermeldete der WDR gestern „Entwarnung für den ‚Fahnder‘“.