Entschlossen optimistisch

Der Soziologe Ulrich Beck analysiert plausibel die gegenwärtige Krise. Zwar hat er keine Lösung parat, aber anregende Gedanken

Kollektive Depression herrscht im Lande. Nichts ist mehr so wie früher in der prosperierenden Bundesrepublik. Die Menschen haben das Gefühl, nur noch Objekt von fundamentalen Veränderungen zu sein. Der richtige Augenblick für Ulrich Beck, sich auf die Suche nach Ursachen der Krise zu machen.

Seine Antworten sind nicht originell, aber plausibel, stimmig, richtig: Der Nationalstaat verliert angesichts der transnationalen Konzerne an Einfluss. Mit dem Normalarbeitsverhältnis und der Vollbeschäftigung, die die Bundesrepublik lange prägten, ist es vorbei, nicht momentan, sondern für immer.

„Die politische Ökonomie der Unsicherheit löst einen Dominoeffekt aus. Was sich in guten Zeiten wechselseitig ergänzt und verstärkt hat – Vollbeschäftigung, sichere Renten, hohes Steueraufkommen, Spielräume staatlicher Politik –, gefährdet sich nun wechselseitig. Erwerbsarbeit wird prekär, damit zerfallen die Grundlagen des Sozialstaates.“

Das Beängstigende an der Krise, die sich bei uns noch auf hohem Niveau abspielt, ist, dass sie durch keine Kur zu beheben ist. Die Arbeitslosigkeit ist ja gerade ein Ergebnis der ungeheuren Produktivität des Kapitalismus. Sie ist nicht mehr das Resultat eines zyklischen Auf und Ab, sondern die Nachtseite der Erfolgsgeschichte der globalen Marktwirtschaft, in der das Angebot an Arbeit steigt und die Nachfrage sinkt.

Der Keynesianismus war in den 70ern noch ein Erfolg versprechendes Rezept. Doch seit dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem globalen Kapitalismus hat der Nationalstaat weniger Macht. Und der Neoliberalismus, der uns auf allen Kanälen als Ausweg angepriesen wird, ist eher die Krankheit, die er zu kurieren vorgibt. In Becks Worten hat die Politik damit nur noch die Wahl, „entweder zunehmende Armut mit hoher Arbeitslosigkeit zu bezahlen (wie in Europa) oder eklatante Armut bei etwas geringer Arbeitslosigkeit hinzunehmen (wie in den USA)“.

So steht die Wende zum Weniger vor der Tür – und zwar als nackter Zwang, keineswegs als kluge ökologische Selbstbescheidung, die letztlich das gute Leben anpeilt. Im Gegenteil, diese Krise gefährdet auch die Grundlagen der zivilen Demokratien. Wenn die Politiker, die gewählt werden wollen, das Grundsätzliche gar nicht mehr entscheiden können, und jene, die das Grundsätzliche in den Konzernetagen entscheiden, nicht abgewählt werden können – sollte man sich dann über eine autoritäre, demokratieverachtende Politikverdrossenheit noch wundern?

„Das Vertrauen in eine Demokratie, die arbeitslos und arm acht, muss in Deutschland erst noch begründet werden“, schreibt Beck, sichtlich händeringend. Der frohe Ton früherer Bücher, in denen Beck die postmoderne Bastelbiografie und die postfordistische Selbsterfindung als Freiheitsgewinne feierte, ist jedenfalls weitgehend verhallt. Offenkundig dient viel davon ja als ideologischer Soundtrack, mit dem der Abbau des Sozialstaats aufgehübscht wird.

„Was zur Wahl steht“ zerfällt in zwei Teile: eine prägnant geschriebene Analyse der Abwärtsspirale und den allzu zupackenden Versuch, dem Leser den Weg zum Ausgang zu leuchten. Dies ist – neben einem verquasten Kafka-Vergleich, den kein resoluter Lektor dem geneigten Leser erspart hat – die Schwäche dieses Büchleins. So klar die Analyse ausfällt, so bemüht klingen die Alternativen.

„Transnational“ heißt das Schlüsselwort. Nur wer das Gehäuse des Nationalen verlässt, so Beck spieltheoretisch, „maximiert seine Handlungschancen“. Das klingt abstrakt, gesucht – und so ist es auch. Die Beispiele, die dafür angeführt werden, etwa die Verbraucher, die allmächtigen Weltkonzernen Paroli bieten können, sind matt.

Im Kern schlägt Beck mehr Demokratie in mehr Europa vor. Dabei wird die Europäische Union zur Projektionsfläche, zum Vehikel, mit dem man all die Gespenster des entfesselten, entgrenzten Kapitalismus wieder in den Griff bekommen kann. Verträgt die EU derzeit diese Überhöhung zum Projekt – oder könnte gerade das schädlich sein? Solche Fragen kommen Beck, zum Optimismus entschlossen, nicht in den Sinn.

Das schlägt sich auch im Stil nieder. Wenn „Mauern im Kopf“ niedergerissen werden, „um die Handlungsräume einer grenzübergreifenden Innenpolitik zu erschließen“, geht man besser in Deckung. Der Autor scheint sich selbst die Zwangsjacke eines historischen Optimismus verordnet zu haben, der er nicht mehr entkommt.

Doch das Problem, an dem dieses Büchlein scheitert, ist nicht das des Autors. Es ist unseres. Wie gelingt es, politisch zu handeln, ohne sich Illusionen über die Möglichkeiten von Politik im globalen Kapitalismus zu machen? Aber auch ohne sich angesichts von Dauerarbeitslosigkeit, Sozialstaatverfall und einem zunehmend leer laufenden politischen Betrieb von seiner eigenen Depression dumm machen zu lassen? Beantworten kann dies auch der Soziologe Ulrich Beck nicht. Aber noch wo er scheitert, kann man von ihm immerhin lernen.