das kino ist ein heiliger ort. eine verbeugung von WIGLAF DROSTE

„Out of the Past“ läuft im Kino, 1947 von Jacques Tourneur gedreht, mit Robert Mitchum und Jane Greer, ein Film, der niemals alt wird und den man nicht zu oft sehen kann. Mitchum sieht so gut aus, wie ein Mann nur aussehen kann und wie Brad Pitt nie aussehen wird. Der Film läuft im Regenbogenkino in Kreuzberg, einem der letzten Sofakinos, es ist fast eine Privatvorführung für die Süße und mich, nur eine weitere Zuschauerin hat sich noch eingefunden. Wenn die Effizienz- und Entlassungsfirma McKinsey hier ein Gutachten abgäbe, wäre das Regenbogenkino längst geschlossen, und Filme wie „Out of the Past“ könnte man sich autistisch auf Video oder DVD ansehen und nicht da, wo man sie sehen muss: im Kino.

Alles, was ich über das Kino weiß, verdanke ich Leuten, die Filme nicht in erster Linie zum Geldverdienen zeigen, sondern aus Liebe zum Film. Was hätte ich alles nicht gesehen, wenn es nicht das Eiszeit-Kino gäbe, das FSK, das Moviemento, das Regenbogenkino, das Sputnik: „If …“ von Lindsay Anderson, „One-Eyed Jacks“ von und mit Marlon Brando, „The Killing of a Chinese Bookie“ von John Cassavetes, „The Searchers“ von John Ford, „Die Abenteurer“ von Robert Enrico, „Touch of Evil“ von Orson Welles. Keinen Schimmer hätte ich, wenn es nicht Kinos gäbe, in denen Kunst vor Kasse geht.

Irgendwann ging das Genöle über die Programmkinos los, man sitze da nicht so bequem, und richtig Glamour hätten die Läden ja auch nicht. Beinfreiheit ist eine prima Sache – die aber Gedankenfreiheit nicht ersetzen kann. Es kamen die Cineplexe und Cinemäxxe, die Kino-Center, Stätten maximaler Einöde, Augentod-Schachteln, die identische Hässlichkeit in die Welt feuern. Warum sollte ich mir Tom Cruise in Steven Spielbergs Fassung von „The War of the Worlds“ ankucken? Weil mir schon der Trailer sagt, dass es sich um weiteres McDonald’s für die Augen handelt? Weil die Konfektionsware mit weltweit 15.000 Kopien in den menschlichen Kopf hineingeprügelt wird?

Das Kino ist ein heiliger Ort, die Kirche zum ungläubigen Thomas, der sehen will und nicht debil gläubisch ist. Im Kino kann man sehen lernen. Was man über Männer und Frauen wissen sollte, zeigen Fanny Ardant und Jean Louis Trintignant in François Truffauts „Vivement dimanche!“ Auch Sam Peckinpah, oft sehr verkürzend als Blutbademeister wahrgenommen, hat eine Lektion in Sachen Liebe hinterlassen: die romantische Westernkomödie „The Ballad of Cable Hogue“, 1970 mit Jason Robards und Stella Stevens gedreht.

Cable Hogue, von Mieslingen ohne einen Tropfen in der Wüste zurückgelassen, findet eine Quelle, und den Quell der Freuden findet er auch – die Liebe. Sie heißt Hildy und ist ganz hinreißend; dass sie ihr Geld bis dahin auf dem Rücken verdient hat, stört Cable Hogue so wenig wie Sam Peckinpah, der von der Moral der Eheleutesorte Mensch nicht sehr viel hielt und 1972 in einem Interview dazu nur bemerkte: „Die meisten verheirateten Frauen lassen sich für das Geld bumsen, das sie ihren Männern abnehmen.“

Weil es das Eiszeit-Kino gibt, kann man diesen sehr untypischen Peckinpah-Film auf der Leinwand sehen, heute und morgen jeweils um 22.30 Uhr, in Berlin-Kreuzberg.