… DIE DEGEWO?

WGs gründen

Es scheint, als habe sich ein Berliner Wohnungsunternehmen zum persönlichen Stadtentwickler des Brunnenviertels ernannt. Nicht nur, dass die Degewo am Wochenende zum siebten Mal das Modefestival Wedding veranstaltete – sie vermietet dort auch seit Jahren günstig Läden an junge Kreative, um das Viertel aufzuwerten, in dem die Gesellschaft viele Wohnungen hat. Und nun auch noch das: In den letzten Wochen konnten sich die Kreativen um ein Zimmer in einer komplett renovierten, 200 Quadratmeter großen Wohnung der Degewo im Brunnenviertel bewerben.

Seit gestern steht fest: Ab Ende dieser Woche werden dort Lan, Lisa, Julia, Raphael und Filip einziehen, alle zwischen 20 und 26 Jahren jung. Die Degewo berichtet stolz, dass Lan Modedesignerin sei und mit ihren 20 Jahren schon sehr weit gekommen. Dass Lisa es liebt, mit anderen Kreativen ihre Leidenschaft zu teilen. Julia hat bereits ein eigenes Label, heißt es, Raphael entwarf unter anderem ein Interieurkonzept für eine Steakhousekette. Und Filip, ebenfalls Inhaber eines eigenen Labels, sei ein richtiger Wirbelwind.

Das Projekt mit dem schönen Titel „Fashion WG“ soll das Brunnenviertel beleben, das einstige „Armenhaus Berlins“ nördlich von Mitte und westlich von Prenzlauer Berg, wo in den Sechzigern und Siebzigern drei Viertel der Altbauten durch Neubauten ersetzt wurden und wo vor allem junge Arbeiterfamilien einzogen, viele von ihnen Einwanderer. Anwohner berichten, dass die Belebung partiell schon gelungen sei: In den vergangenen fünf Jahren seien viele junge Leute hinzugekommen. Teilweise geschah das aufgrund der Initiative der Degewo, teilweise aber auch wegen des angespannten Immobilienmarkts, der die Leute zwingt, vor den hohen Mieten in Mitte und Prenzlauer Berg zu flüchten.

Bleibt also nur eine Frage offen: Wie fashionable ist es eigentlich, als junger Modemacher in einer Degewo-Fashion-WG zu wohnen? Kann man sich damit im coolen Partytalk brüsten? Geht so, würde man meinen. Andererseits muss man sich darum auch wieder keine Sorgen machen: Denn die fünf Auserwählten haben das Glück, ein Jahr lang umsonst wohnen zu dürfen. Sie zahlen eine Nebenkostenpauschale von nur 100 Euro im Monat. Sie leben außerdem nur 100 Meter vom coolen Mitte entfernt, aber trotzdem in einem Kiez, wo man sich durchaus noch als Pionier hervortun kann. Welcher junge Kreative in Berlin kann das schon von sich behaupten? SM