„Pferde sind auch nur Menschen“

Auf der Trabrennbahn Mariendorf nachmittags um vier. Das Glück ist ein Geschäft, das aus einem Tribünenhaus mit Monitoren heraus betrieben wird. Und welches Pferd wie traben wird, ist eine Wissenschaft, an der alle teilhaben. Favoriten sind so vage wie die Außenseiter – wie im echten Leben

Als Janet Jackson drei Jahre alt war, hatte sie ihren großen Auftritt in Mariendorf. 10.000 Zuschauer waren gekommen. Und obwohl Jackson in ihrem ersten Rennen zunächst angefangen hatte zu galoppieren, gewann sie das Finale des Stuten-Derbys auf der Westberliner Trabrennbahn souverän. Das war 1994. Rico Istvanko erinnert sich daran. „Es gibt schon lustige Namen“, sagt er. An diesem Sonntagnachmittag werden im siebten Rennen „Candle in the Wind“ und „Reach for Victory“ gegeneinander antreten.

Rico Istvanko arbeitet auf der Trabrennbahn Mariendorf. Er fotografiert die Sieger. Außerdem betreut er die Internetseite. Und er ist fürs Marketing zuständig. Hauptberuflich studiert er Erziehungswissenschaften. Heute hat er eine weiße Mütze auf dem Kopf, auf der zwei Pferde zu sehen sind. Dazwischen steht „BTV“, Berliner Trabrennverein. Fotografieren ist gar nicht so leicht, weil die Gewinnergespanne manchmal einfach zurück in den Stall traben und nicht zum Winner-Circle kommen, wo die Preise überreicht werden.

Es regnet zwischendurch auch immer wieder dicke Tropfen. Istvanko hüpft unter den dicken Tropfen hindurch auf die Bahn zu, sieht, dass das Pferd schon weg ist, erkennt unter einem schwarzen Schirm den Mitbesitzer, der einen kleinen Pokal in der Hand hält, fotografiert schnell den Mitbesitzer und hüpft zurück ins trockene Tribünenhaus. Regen ist gar nicht so schlecht für die Rennbahn. Bei Regen kommen mehr Zuschauer. „Wenn besonders schönes Wetter ist“, sagt Istvanko, „fahren die Leute raus an den See.“

An gewöhnlichen Renntagen wie diesem ist nicht viel los in Mariendorf. Ein einsamer Student macht Aufnahmen für ein universitäres Fotoprojekt. „Man hat das Gefühl, dass hier etwas zu Ende geht“, sagt er. Noch sehen manche Rennbahnbetreiber das nicht so.

Im Erdgeschoss des großflächig verglasten Tribünenhauses wird an Fasstischen gewettet. Traber-Treff heißt die Kneipe. Ein Stockwerk höher ist noch so eine Gaststätte. Dann kommt die eigentliche Tribüne, wo sich auf den Sitzen neben Aschenbechern Wettscheine stapeln. Schließlich wieder eine Kneipe. Ganz oben stehen in einem kleinen Kabuff auf jägergrünen Teppichen ein Kameramann und der Rennbahnsprecher. Überall im Gebäude hängen Monitore, auf denen Pferde laufen. Als könnte man nicht einfach rausschauen.

Die Bilder vom Rennen werden deutschlandweit übertragen. Es gibt eigens dafür eine Fernsehstation, Raze TV, auf der auch das Geschehen auf den übrigen Bahnen gezeigt wird, in Gelsenkirchen oder München-Daglfing. Das ist kein Sender für Pferdenarren oder Reiterhofmädchen, die Wendy lesen. Es geht vor allem ums Wetten. Zwischen 30.000 und 40.000 Euro Wettumsatz werden an einem Renntag in Mariendorf gemacht. Den Rest zahlen Spieler in ganz Deutschland. Insgesamt kommen für die Bahnbetreiber an so einem Sonntag zwischen 120.000 und 130.000 Euro zusammen. „Davon lebt man hier“, sagt Rico Istvanko.

Mehr schlecht als recht allerdings. Erst kürzlich musste die Anlage verkauft werden. An eine österreichische Autozubehör-Firma. Die gehört dem Vorsitzenden des Berliner Trabrennvereins, Ulrich Mommert, der selbst um die 80 Pferde besitzt. Istvanko sagt: „Zum Glück haben wird den Herrn Mommert, der das gekauft hat.“

„Das Problem“, ist er sich sicher, „liegt bei den Züchtern. Es werden zu wenige Pferde gezogen.“ Dadurch können auf den beiden Berliner Trabrennbahnen – die zweite liegt in Karlshorst – weniger Gespanne an den Start gehen. Also ist es weniger spannend, zu wetten. Die Umsätze gehen zurück.

„Das Problem sind die Züchter. Es werden weniger Pferde gezogen, also ist es weniger spannend, zu wetten, die Umsätze gehen zurück“

Es würde deshalb auch nichts bringen, wenn die Bahn in Karlshorst Pleite ginge, vermutet Istvanko, auch wenn das offenbar manche denken. Dann gäbe es nur noch weniger Pferde, weil einige Besitzer ihre wegen geringerer Gewinnchancen verkaufen würden. Bis 2003 hatte der BTV auch die Karlshorster Bahn betrieben. Dann stieg der Verein aus. Mittlerweile gibt es dort ein neues Betreiberteam. Unter anderem hält ein Buchmacher die Zügel in der Hand. „Man sagt, dass der Buchmacher der Tod für den Trabsport ist“, sagt Rico Istvanko. Weil er selbst das meiste kassiert. Nicht die Bahn.

Die Stühle in der Kneipe im dritten Stock des Tribünenhauses haben violette Bezüge, abgeschabte Rahmen und sehen ziemlich schäbig aus. Stefan Mensah sitzt auf so einem Stuhl. Er ist Altenpfleger und Wettspezialist. Im Internet veröffentlicht er „Onestep’s Wetter-Vorhersagen“. Zu jedem Pferd ein Kommentar. Hinter „Candle in the Wind“ heißt es: „Kam zuletzt zum Jahressieg. Der Dritte im Bunde der Siegkandidaten.“ Für „Joyfinder“ vermeldet er: „Mit ausreichend Kondition sehr gefährlich.“

Natürlich seien das nur Prognosen, gesteht Mensah ein. Prognosen allerdings, die auf genauer Beobachtung beruhen. „Fakt ist eins“, sagt er, „Pferde sind ja auch bloß Menschen.“ Die haben auch mal Husten, oder mal keine Lust, oder sie verlieren ein Hufeisen. Dann hilft die exakteste Rennbeobachtung nichts. „Burton Mo“ beispielsweise ist gerade vorhin einfach abgehauen – vor dem Rennen. Hat den Fahrer von den beiden Rädern geworfen und ist Runde um Runde gelaufen. Ließ sich nicht von den Pferdepflegerinnen beirren, die sich ihm in den Weg gestellt haben. Nach ein paar Runden ist er selbstständig in Richtung Stall getrabt. „‚Burton Mo‘ ist gesund und munter in guten Händen“, hat der Rennbahnsprecher verkündet. Natürlich ist das Pferd nicht mehr angetreten. Es hatte sich ja nun schon total verausgabt.

Es gibt also noch genügend Unwägbarkeiten, die das Wetten spannend machen. „Normal wäre, dass man kuckt: Wer ist Favorit? Und man wettet nur den“, findet Stefan Mensah. Aber erstens wäre normal langweilig. Und zweitens gewinnen manchmal die Außenseiter. Und für die gibt es weitaus höhere Quoten.

Mensah kommt nicht nur zum Wetten. Wetten könnte er dank Raze TV auch von zu Hause aus. Die Rennbahnatmosphäre gefällt ihm. „Eine friedliche Community hier“, sagt er. „Ich habe es noch nie erlebt, dass es Zoff gab oder Schlägereien.“ Um ihn herum sitzen alte Menschen mit Dauerwellen oder feuerrot gefärbten Haaren über Tippscheinen. „Man ist friedlich miteinander“, sagt Mensah. Das klingt in etwa so abstrus als würde er inmitten einer Säuglingsstation erleichtert erklären: „Zum Glück finden wir hier selten Atombomben.“

Vorm Traber-Treff im Erdgeschoss schaut Günther Schönig auf einen Bildschirm. Seine Nase kräuselt sich. Er kneift die Augen zusammen. Nebenan hüpft ein Rentner auf und ab. Sein Pferd gewinnt gerade. „Hab ich genau den Verkehrten getippt“, ruft ein anderer. Nach dem Rennen murmeln alle Ergebnisse und vergleichen. Siebenzwovier. Vierzwosieben.

Günther Schönig hat auf die Sechs gesetzt und die Acht hat gewonnen. Er hatte kein Glück bisher. Aber er hofft weiter. Schönig tippt auf Fahrer. Immer dieselben. Andere nehmen das Nummernschild am Auto oder ihr Geburtsdatum und entscheiden damit, auf welches Pferd sie setzen. „Hier kommt noch ’n dicket Ding“, sagt Günther Schönig. „Wa, Herbert.“ Eigentlich hat er ein bisschen schlechte Laune, weil es so schlecht läuft. Aber er redet sich Mut zu.

Man könne hier schon Geld verdienen, sagt Herbert, dessen Ausgabe des Traberkurier mit Ergebnissen voll geschrieben ist. Der Türke etwa, der manchmal auch bei ihnen am Tisch steht, der müsse jeden Monat viermal Miete bezahlen für seine große Familie. „Die verdient er auf der Rennbahn.“ Sagt er.

Man kann auch viel Geld verlieren. Ein Fleischermeister aus Karlshorst hat erst sein Motorboot verkauft und dann sein Haus. „So weit darf es nicht kommen“, sagt Schönig. „Da muss man die Grenze kennen.“ Die meisten haben hier feste Budgets dabei. Wenn alles weg ist, ist Schluss.

Draußen hat es aufgehört zu regnen. Die Sonne scheint auf die feuchte Rennbahnerde. Schönig geht zur Kasse und gibt den nächsten Tipp ab. „Ab und zu“, sagt Herbert, „gehen wir auch raus.“