Je dreister, desto feister!

Sozialer Schein gegen Raffkerealität: Oskar Lafontaine lässt sich Kolumnen bezahlen, die er nicht schreibt. Und der VW-Personalchef Peter Hartz lud auf Firmenkosten in Luxushotels ein

„Money for nothin’ and your chicks for free“

Dire Straits

Wer hat nicht schon mal davon geträumt, an einem Montag wie diesem einfach zu Hause zu bleiben? Und es wird garantiert niemand anrufen und fragen respektive in den Hörer brüllen, wo zum Teufel man denn bleibe. Vielleicht bucht man auch kurzerhand einen sündhaft teuren Flug – Business- oder First Class, je nach Tagesform. Von diesem neuen Hotel in Abu Dhabi hat man ja schon so viel gelesen, jetzt schauen wir uns das mal aus der Nähe an. Und das Beste dran: Die Firma zahlt ALLES.

Zurück in der Realität kontrolliert man seinen Kontostand und geht nach einem Stoßseufzer ins Büro, um die Zeitung vom Montag voll zu schreiben, zum Beispiel über Peter Hartz, der von Luxushotels wie dem „Emirates Palace“ in Abu Dhabi allerdings womöglich erst mal genug hat. Das ist jammerschade, denn Hartz dürfte sehr bald sowohl die Zeit als auch das Geld haben, dort mal vorbeizuschauen. Nachdem rauskam, dass VW-Personalchef Hartz die Betriebsratsvorsitzenden aller deutschen Werke samt Gattinnen mehrfach in „Europas nobelste Fünfsternehotels“ eingeladen hat, bot dieser seinen Rücktritt an. Morgen soll der Präsidialausschuss des VW-Aufsichtsrats über die Ausstiegsklauseln für Hartz beraten. „Peter Hartz kann mit einer Abfindung in Millionenhöhe rechnen. In der Regel erhalten Vorstandsmitglieder ihre Bezüge bis zum eigentlichen Vertragsende“, zitiert Bild.de Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Hartz’ Vertrag liefe regulär noch bis Mitte 2007. Nieding rechnet vor: „Bei einem geschätzten Einkommen von etwa 1,5 Millionen Euro wird er also mindestens 3 Millionen Euro als Abfindung bekommen.“ Sein Kollege Malte Diesselhorst ergänzt: „Die Abfindung wird sogar noch aufgestockt, wenn Hartz auch noch auf seine Sekretärin, eine Dienstvilla und Dienstwagen verzichten muss. Dann gibt es einen Bonus für den Verlust dieser Annehmlichkeiten. Außerdem werden die Pensionsansprüche entweder weitergezahlt oder abgegolten.“ Nur zur Erinnerung in schnelllebigen Zeiten: Peter Hartz verantwortet die Zusammenführung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II, besser bekannt ist die Reform unter dem Schlagwort Hartz IV. Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände kritisieren daran besonders die Verschärfung der Zumutbarkeitskriterien bei der Annahme von Jobs.

Die mehr als großzügige Abfindung für einen takt- wie skrupellosen Manager scheint nur eine weitere Episode aus der Endlosreihe „Sozialneid leicht gemacht!“ zu sein. In der nächsten Folge sehen Sie: Oskar Lafontaine, den Spitzenkandidaten der Linkspartei und Anwalt des „kleinen Mannes“, der so gern gegen die „Selbstbedienungsmentalität“ von Managern und Politikern wettert, aber offenbar keinen Widerspruch darin sieht, sich vom Axel-Springer-Verlag Kolumnen bezahlen zu lassen, die er gar nicht schreibt. Mehr als 5.000 Euro monatlich kassiert Lafontaine nach Spiegel-Informationen – ein nettes Zubrot zu seiner Pension aus öffentlichen Ämtern und Einkünften als Buchautor. Nachdem er im Mai angekündigt hatte, wieder in die Politik zu gehen, wollte Bild die Zusammenarbeit beenden, Lafontaine aber nicht. „Pacta sunt servanda“, Verträge sind zu erfüllen, teilte er dem Verlag trocken mit. Je dreister, desto feister!

Irgendwie passt das alles nicht zusammen – die soziale Realität aus hoher Arbeitslosigkeit und Hartz IV auf der einen Seite und der Realitätsverlust von Politikern und Managern, die es eigentlich besser wissen müssten, auf der anderen. Hartz und Lafontaine erscheinen besonders schamlos, weil sie sich ungeniert persönlich bereichern – und gleichzeitig Durchhalteparolen an die wachsende Gruppe der sozial Schwachen ausgeben. Offenbar nur Lippenbekenntnisse. Wasser predigen und Wein trinken. Diese biblische Weisheit mag so alt sein wie die Menschheit, als Entschuldigung für Maßlosigkeit taugt dieser Hinweis allerdings nicht.

Zumindest das Fernsehen scheint sich schon mit der Entkoppelung von Politikbetrieb und dem so genannten wahren Leben da draußen abgefunden zu haben. So zeigte das ZDF Anfang des Jahres eine Show mit dem denkwürdigen Titel „Drei Tage Leben – Der Alltagstest für Politiker“, in der Jürgen Rüttgers eine allein erziehende Hauptschullehrerin mit fünf Kindern vertrat. Es war keine Spur einer Anklage darin, nur Schadenfreude darüber, wie Rüttgers mit einer Brotbackmaschine und dem kargen Haushaltsgeld kämpft. Glücklicher Rüttgers. Für ihn war der Spuk nach drei Tagen vorbei.