Poesie aus Verwirrung

HOCHKOMIK Ein abgründiger Weltchronist: Thomas Kapielski und seine „Ortskunde“

VON STEPHAN WACKWITZ

Den altväterlich gravitätischen Ton beherrscht er

Die literarische Karriere Thomas Kapielskis, das wird erkennbar, je länger sie dauert und sich ausdifferenziert, weist Parallelen auf zu derjenigen Eckhard Henscheids. Parodien stehen im Zentrum beider Werke, eine von Svevo, Raabe, Dostojewski und Kafka inspirierte Parodie des klassischen literarischen Formenensembles bei Henscheid, die des Post-Duchamp’schen Kunstbetriebs bei Kapielski. Dessen literarisches Werk bewegt sich derweil von komischen Arbeitsnotaten, Tagebüchern und Erlebnisberichten, die im Umkreis seines parodistisch-künstlerischen Arbeitszusammenhangs entstanden sind, zu eigenständigen literarischen Formen weiter – eine Phase in der Logik der Oevreentwicklung, die Henscheid an der Wende zu den 90er-Jahren passiert hat, mit der Idylle „Maria Schnee“ etwa.

Formales Vorbild von Kapielskis neuem Buch (oder Büchlein) „Ortskunde. Eine kleine Geosophie“ sind die „Unsichtbaren Städte“ von Italo Calvino, ein Prosawerk, das seinerseits schon parodistische und Second-order-Züge insofern trug, als es sich als surrealistische Fortschreibung des „Milione“, der Reiseberichte Marco Polos aus Zentralasien und China, inszenierte. Schon im klassischen Werk des venezianischen Abenteurers überwucherten surreale und fiktionale Elemente in spätmittelalterlicher Skurrilität die Pausanias-Tradition der Reiseschriftstellerei.

Das stellte dem modernen Parodisten eine Art Sprungbrett bereit, mit dem er sich in die zeitgenössische Sphäre literarischer Erfindung katapultierte, ohne den Kontakt zu traditionellen Erzählformen zu verlieren. Vergleichbare Übernahmen aus der theologischen, theosophischen, okkulten und alchemistischen Tradition sind schon in Kapielskis „Gottesbeweisen“ eine Methode gewesen, Tradition gegen Moderne instruktiv und komisch ins Feld zu führen. Auch „Ortskunde“ bezieht sich auf vergessene traditionelle Vorbilder. Hier aber ist es die von Claudius Ptolemäus’ „Geographia“ sich herschreibende Gattung der spätmittelalterlichen Städtebücher, der frühneuzeitlichen Reisebeschreibungen, des „Theatrum Orbis Terrarum“ von Abraham Ortelius, der Schedl’schen und der Münster’schen Weltchronik.

Nur dass der altväterlich gravitätische Ton dieser Weltkreisbeschreibungen, den Kapielski beherrscht, wie man nur etwas beherrschen kann, das einem insgeheim irgendwie naheliegt, bei der Beschreibung von Ortschaften, die Grüfflingen heißen oder Holzem, Pfungen-Neftenbach oder Humptrup (es scheint die meisten dieser Orte übrigens wirklich zu geben) eine sehr komische, aber auch poetisch-surreale Fallhöhe bereitstellt, die er unter Entfaltung seines beträchtlichen literarischen Könnens hinunterspringt, -gleitet, -schreitet, -purzelt oder -segelt. „Balve. In mein Gemütskostüm wähnte ich, Balve berührend, üppig Unbill verwoben. In meinem Herzen trug ich Kummer weithin durch Balve spazieren. Denn Balve darbt. Die Vortrefflichen walzen davon. (Schlottmann, weg! Desgleichen Pröpper!) Die Mahd fault am Halme. Die Turmuhr stockt.“

Aber nicht nur aus Gespenst (Eifel), Urfey oder Trulben (deren Namensgebung auch auf den ersten Blick schon ominös genug scheint) berichtet der komische Weltchronist Kapielski allerlei Apokalyptisches, Atavistisches und Alkoholisiertes. Auch Allerweltsstädte wie Frankfurt, Kassel oder Breslau (klingen deren Namen bei näherem Hinsehen und Vorsichhinsprechen nicht genauso exotisch wie Mathmeck, Schwöbber und Arftl?) sind der Schauplatz unerhörter Begebenheiten. „Die Weltkunst“ zum Beispiel „implodiert alle Jahre zur Messe nach Kassel rüber, um dort ihre dämonischen Einförmigkeiten auszuwickeln“.

Und Deutschland schaut abgründig komisch zurück

Oder eben „Berlin, das nichts auslässt und alles bewilligt, sofern es sich um Schwachsinn und Ausschweifung handelt, hat sich eben eine im Trend liegende noble Apartheit aus sanitärpädagogischen Gründen zugelegt. Die Raucher meiner Bierkneipe müssen jetzt im Hinterzimmer separiert sitzen, mich, den vorn sitzenden Nichtraucher, zu schützen.“ Und so weiter.

Jabel, Nuttlar, Cochem. Je genauer man Deutschland betrachtet, desto seltsamer sieht es aus, desto alberner klingen seine Namen und desto abgründiger komisch schaut es zurück. Die Deutschen, denen man im Ausland Humorlosigkeit nachsagt, haben eine der traditionsreichsten und besonders nach 1945 bedeutendsten komischen Literaturen der Welt. Deren stärkster Zug besteht wahrscheinlich darin, dass sie sich, bei Grabbe zum Beispiel, im „Faust II“, im Spätwerk Eckhard Henscheids, bei Robert Gernhard oder Christian Morgenstern auf dem äußersten Punkt komischer Verwirrung in reine Poesie verwandelt.

Und eben auch bei Kapielski. „Wirft. Das Enttäuschende an Wirft: Alles stimmt, jede Angabe zu Wirft, die Einwohnerzahl, das Kataster, die Geographie, alle Entfernungen und Abmessungen, die Grüße, die Ziffern, alles stimmt, alles ist wirklich so, wie es wirklich ist.“

Thomas Kapielski: „Ortskunde. Eine kleine Geosophie“. Urs Engeler Editor, Basel 2009. 130 Seiten, 17 €