Harter Stoff am Lido: Wang Bing zeigt ohne Scheu die unerträgliche Situation eines chinesischen Arbeitslagers, Gianfranco Rosi porträtiert einen mexikanischen Auftragskiller.von CRISTINA NORD

Ließ mit "the Ditch" - der Graben - das Publikum in einen Abrgund blicken: Regisseur Wang Bing. Bild: dpa
VENEDIG taz | Um halb neun in der Früh in einen Abgrund zu schauen, ist nicht leicht. Die Mostra mutet es einem trotzdem zu. Denn der Überraschungsfilm, der den Journalisten am Montagmorgen in der Sala Darsena zum ersten Mal gezeigt wurde, ist genau das: ein Blick in den Abgrund des totalitären Kommunismus.
Er stammt von dem chinesischen Regisseur Wang Bing und heißt "The Ditch", "Der Graben". Wang Bing ist bekannt für seinen neunstündigen Film "Tie Xi Qu - West of the Tracks" (2003), in dem er den Niedergang der Stahlindustrie im Nordosten Chinas eindrucksvoll dokumentierte. "The Ditch" nun ist ein Spielfilm, angesiedelt im Herbst des Jahres 1960, in dem Arbeitslager Jiabiangou in der Wüste Gobi. Das Lager existierte von 1957 bis 1961, 3.000 Menschen wurden dort gefangen gehalten, weil sie als "rechte Elemente" galten. 2.500 von ihnen starben, die meisten an Hunger.
Wang Bing hat keine Scheu, genau das ins Bild zu setzen: die Not, die Verzweiflung, das Siechen, das Sterben. Seine agile Digitalkamera schaut hin, wenn ein Mann eine Ratte jagt, wenn ein anderer Dreck isst, wenn ein Dritter das Erbrochene eines Vierten zu sich nimmt. Oder wenn eine Witwe die Grabhügel am Rand des Lagers mit bloßen Händen aufbuddelt, um die Leiche ihres Mannes zu finden.
Fast alle Figuren des Films sind auf ihre Kreatürlichkeit reduziert, gefangen in den Bedürfnissen ihrer Körper, was auf seltsame Weise mit dem Freiheitsversprechen, das in der weiten Landschaft eben auch steckt, kontrastiert. "The Ditch" bleibt eine zwiespältige Erfahrung: In "Tie Xi Qu - West of the Tracks" registrierte Wang Bing mit wachem Blick eine raue Realität, in "The Ditch" reinszeniert er eine schier unerträgliche Situation. Die Frage, ob es angemessen ist, das Elend des Arbeitslagers auf diese Weise zu rekonstruieren, den Hunger und das Sterben nachzuspielen, die Gräben noch einmal auszuheben, bleibt ohne Antwort.
"The Ditch" ist nicht der einzige Blick in den Abgrund, den die Mostra bietet. Der italienisch-amerikanische Filmemacher Gianfranco Rosi und der amerikanische Journalist Charles Bowden stellen in der Orizzonti-Sektion ihre Dokumentation "El sicario - room 164" vor. Darin interviewen sie einen "sicario", einen Killer, der 20 Jahre lang für eines der Drogenkartelle von Ciudad Juárez gearbeitet hat, ausgestiegen ist und nun undercover lebt. Was in Robert Rodriguez' Mitternachtsfilm "Machete" fröhliche Mexploitation war, ist bei Rosi und Bowden nichts als bittere Realität. Die beiden treffen den Mann in einem Motelzimmer, in dem er, wie er erzählt, selbst schon gefoltert hat. Schwarzer Stoff verbirgt sein Gesicht, er ist recht dick, seine Kleidung schwarz, seine sind Ausführungen eloquent und detailliert.
Während er redet, fertigt er Skizzen in einem Notizbuch an, malt Autos und Häuser, Pfeile und Linien, notiert Zahlen und Stichwörter. Manchmal steht er auf, um Foltermethoden nachzustellen. Man erfährt, wie er noch als Schuljunge rekrutiert und vom Kartell auf die Polizeischule geschickt wurde. 25 Prozent der Polizisten in Ciudad Juárez, sagt er, würden für die Kartelle arbeiten, deren Verbindungen reichten aber noch viel weiter: bis zu den Gouverneuren der mexikanischen Bundesstaaten.
In den letzten Minuten des Films offenbart der "sicario" in einem jähen Gefühlsausbruch, was ihn gerettet hat: sein wiedergefundener Glaube an Gott und sein Eintritt in die Gemeinschaft der evangelikalen Christen. Man weiß an dieser Stelle nicht, was einen mehr gegen diesen Mann aufbringt: dass er so viele Menschen getötet hat oder dass die Erlösung für ihn so billig zu haben ist.
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