Inter, Multi, Trans oder Hyper?

Der aus Südkorea stammende Baseler Philosoph Byung-Chul Han setzt den Begriff Hyperkultur gegen die vermeintlich liberale weltoffene Rede von der Multikultur

Der Begriff der Kultur scheint heutzutage ein Unbehagen zu erzeugen, das Wissenschaftler, Feuilletonisten oder Politiker lieber von Inter-, Multi- oder Transkulturalität sprechen lässt. Kultur wird offenbar als etwas angesehen, was immer schon aufgelöst, überwunden, pluralisiert werden muss. Kultur, das klingt verdächtig, Multikultur, das hört sich schon besser an …

Kultur wird offenbar als etwas angesehen, was immer schon aufgelöst, überwunden, pluralisiert werden muss

Der aus Südkorea stammende Baseler Philosoph Byung-Chul Han zeigt in seinem Essay über „Hyperkulturalität“, dass all diese doch recht tolerant, weltoffen und liberal klingenden Begriffe erstens „im Kontext von Nationalismus und Kolonialismus“ zu verorten sind, zweitens eine „Essenzialisierung der Kultur voraussetzen“ und drittens einem normativen, teleologischen Verständnis verpflichtet sind, das nicht etwa der Beschreibung kultureller Prozesse dient, sondern der Förderung ganz bestimmter Konzepte von Multi-, Inter- oder Transkulturalität. Interessant ist an Hans Perspektive, dass offenbar die gerade in der westlichen Hemisphäre boomende Semantik genau das wiederholt, was am Kulturbegriff abgelehnt worden ist und was man hinter sich lassen wollte: Normativismus, Ethnisierung oder Nationalisierung, Exklusion, Wesensbestimmung. Nehmen wir einmal Thomas Mann. Wenn dieser deutsche Bildungsbürger über Kultur schreibt, dann arbeitet er zugleich an einer Bestimmung des deutschen Wesens, schließt alles Nichtdeutsche aus der deutschen Kultur aus, grenzt das Deutsche gegen andere Nationen und Ethnien ab und schreibt ein bestimmtes kulturelles Programm verbindlich vor. Solche Kulturbegriffe sollten Multi-, Inter- oder Transkulturalität überwinden. Han argumentiert nun aber, dass gerade diese Konzepte Kultur so auffassen müssen wie beispielsweise Thomas Mann, denn ohne dieses exklusive, essenzialistische, ethnische Kulturverständnis wäre die Feier des Multi und Kulti, Inter und Trans sinn- und profillos. „Den kulturellen Unterschieden“, referiert Han, „die nun mal gegeben sind, kommt man durch ‚Integration‘ und ‚Toleranz‘ bei.“ Aber genau diese Haltung setzt eben eine Auffassung von Kulturen als scharf voneinander abgegrenzte Identitäten voraus.

Diese Kritik ist sicherlich anregend, aber auch Han begnügt sich nun nicht mit einem etwa anders verstandenen Kulturbegriff, sondern schlägt seinen Begriff der Hyperkulturalität als Alternative vor. Er sei in unserer Epoche der medien- und verkehrstechnischen Entortung und Globalisierung angemessen. „Nicht das Trans, nicht das Multi oder Inter, sondern das Hyper kennzeichnet die kulturelle Verfassung von heute.“ Hyper? Damit meint Han weder einen globalen Kessel Buntes, in dem alle Differenzen und Identitäten zu einem postethnischen, postnationalen und allinklusiven Einerlei zusammengekocht würden, noch eine Insellösung gegenseitiger Absonderung. Han weiß, dass Globalisierung nicht nur nivelliert und Kulturen verschwinden lässt, sondern zugleich Differenzen reproduziert, erzeugt und neu zusammenstellt. Jedes Entweder-Oder wird hier vermieden. Hyperkultur versteht Han mit Gilles Deleuze und Félix Guattari als Konjunktion: „und … und … und …“ .

Elemente können so verbunden werden wie „Fusion Food“, ohne dass das Kompositionsprinzip einem hierarchischen oder ausschließenden Modell verpflichtet sein muss. Dies schmeckt dann interessant und ist auch noch gesund, aber „verorten“ kann man das nicht mehr, denn es ist eben nicht chinesisch, thailändisch oder australisch, sondern Fusion. „Es ist ent-ortet.“ Damit entkommt die Hyperkultur aller Geopolitik, die ja immer an konkrete Räume gebunden bleibt, und kommt endlich ohne die kolonialistischen und nationalistischen Zutaten der Multi-, Inter- und Transkulturalität aus. Die Zukunft, hofft Han, beruhe „auf der Freundlichkeit des UND“. „UND“ statt „Auslese“, dies klingt sympathisch, ist aber nicht eben weniger normativ und exklusiv als das kritisierte Vokabular des Multi- oder Transkulturellen. Denn was wäre denn mit denen, denen „Hypercuisine“ trotz aller Vielfalt nicht schmecken will und die für die „Reinhaltung der lokalen Küche“ plädieren? Würden diese Spielverderber als „konservativ“ ins historische Abseits gestellt wie die Freunde des Multikulturellen oder als „unfreundlich“ abgetan wie die Anhänger einer „Toleranz“ des Anderen, einer Toleranz, die den Anderen „nur“ duldet, nicht aber in Mischformen auflösen möchte? Auch der Begriff der Hyperkultur wird nicht jedem behagen.

NIELS WERBER

Byung-Chul Han: „Hyperkulturalität. Kultur und Globalisierung“, Merve Verlag, Berlin 2005, 82 S., 8 €