Die vergessene Region

Der französisch-schweizerische Jura ist die neue „Landschaft des Jahres“ der Naturfreunde Internationale. Ein Wanderparadies, das von der Uhrenindustrie lebt und mit professioneller Unterstützung nachhaltigen Tourismus entwickeln soll

„Saut-du-Doubs“, der Wasserfall in der felsigen Schlucht, die das Flüsschen Doubs im französisch-schweizerischen Jura durchfließt, ist zu Recht ein beliebtes Ausflugsziel. Verborgen in der Landschaft und geprägt von bewaldeten, schroffen Kalkfelsen zieht sich die Schlucht kilometerlang entlang der Landesgrenzen und ist ein Wanderparadies. Die Felsen umkesseln auch den malerischen und stillen See, den der Doubs vor seinem spektakulären Fall bildet. Das eine Seeufer gehört zu Frankreich, das andere zur Schweiz.

Doch wo man vielleicht Niemandsland zwischen den Grenzen erwartet, befinden sich am Ende des Sees Landungsstege für Ausflugsboote und angenehme Ausflugslokale. Eine neue Fußgängerbrücke verbindet Wanderpfade hinab zum Wasserfall und symbolträchtig auch die Länder.

Diesen idyllischen Platz hat die Naturfreunde Internationale ausgewählt für die Proklamation der „Landschaft des Jahres 2005/6“, des Jura. Der Jura ist jenes „Mittelgebirge“, das sich wie ein Bogen zwischen Basel und über Genf hinaus bis zu den Alpen spannt und weder vom Schweiz- noch vom Frankreich-Tourismus besonders beachtet wird. Für die Naturfreunde ist es ein weiterer Baustein in einem Programm, das abgelegene europäische Grenzregionen bekannt machen will.

Die Feierstunde ist folkloristisch geprägt mit Blasmusik und den Ansprachen örtlicher Politiker und des Präsidenten der Naturfreunde, Herbert Brückner. Sogar einige ältere Damen in Trachten sind unter den Besuchern. Die Idee vom Engagement in Grenzgebieten ist jedoch eher modern und zukunftsorientiert. Sie zielt auf die Unterstützung grenzüberschreitender Projekte für einen nachhaltigen Tourismus und Strategien zur regionalen Förderung unter neuen, europäischen Bedingungen.

Über eine halbe Million Mitglieder zählen die Naturfreunde inzwischen international, sie wurzeln politisch in der Arbeiterbewegung und zählen heute zu den großen NGOs. Nach jetzt zehn „Landschaften des Jahres“ haben sich die Naturfreunde ohne Frage zu Spezialisten für ausgefallene Grenzorte und Grenzgänge in Europa entwickelt. Sie engagierten sich im Böhmerwald im Dreiländereck Deutschland, Tschechien und Österreich, an der Odermündung zwischen Deutschland und Polen, in der Region Eifel-Ardennen, am Neusiedler See.

Meistens sind diese Grenzregionen ausgesprochene Problemzonen, naturschön, aber von Menschen verlassen. Sie gelten als strukturschwach und förderwürdig und förderbedürftig im Sinne der EU. Es sind Natur- und Wanderparadiese, wie geschaffen für sanften Tourismus. Und manchmal entwickeln sich gerade wegen der alten Grenzen interessante Dynamiken.

Meistens sind Grenzregionen ausgesprochene Problemzonen, naturschön, aber von Menschen verlassen

Wie im Tal des Flüsschens Doubs: Hier siedeln zunehmend Menschen und alle sind irgendwie Grenzgänger. Schweizer siedeln gern in Frankreich, weil sich in Frankreich preiswerter bauen lässt. Auch alte Bauernhäuser werden aufgekauft und saniert. Umgekehrt zieht es die Franzosen in die Schweiz, sie pendeln täglich in den Schweizer Jura, weil sich dort gut Geld verdienen lässt. Vor allem bei der Herstellung von Uhren.

La Chaux-de-Fonds ist die drittgrößte Stadt der französischsprachigen Schweiz und das urbane Zentrum auf der schweizerischen Seite. Es ist eine Stadt, die es eigentlich gar nicht geben dürfte, kokettiert Stéphane Zuccolotto vom regionalen Fremdenverkehrszentrum. Es ist eine Jugendstilstadt, die nach einem verheerenden Brand im Jahre 1794 wie auf dem Reißbrett neu aufgebaut wurde. Sie liegt auf 1.000 Meter Höhe und zählt 38.000 Einwohner, nur 2.000 Menschen mehr als im Jahre 1900. Sie ist auch die Heimatstadt der Architektenlegende Le Corbusier. Und wirklich erstaunlich: Man betritt sie praktisch von der grünen Wiese her. Eben noch Weiden und Kuhglockengebimmel, und dann steht man ganz schnell mittendrin. Zwischen La Chaux-de-Fonds und Le Locle prangt der Schriftzug „Cartier“ auf einem unscheinbaren Industriegebäude. Kaum eine der berühmten Nobelmarken, die hier nicht wenigstens einen Teil ihrer Uhren herstellen lässt. Die fixen Marketingspezialisten der neuen Generation haben daher gleich die gesamte Region bis rauf nach Biel (dem Sitz von Swatch) zum „Watch Valley“ erklärt.

Das griffige, amerikanische Etikett ist nicht überall beliebt, aber es bescheinigt der Uhrenherstellung im Jura ihre immense Bedeutung. Und trotz aller Einbrüche in der Vergangenheit (vor allem mit dem Aufkommen der Quarzuhren aus Japan) expandieren neuerdings auch wieder die Nobelmarken mit den mechanischen Uhrwerken. Dem Swatch-Konzern, der vor gut 20 Jahren mit leichten, poppigen Plastikuhren einen neuen Boom auslöste, gehören inzwischen 17 Marken an, unter anderem die Traditionsfirmen Omega, Rado, Tissot, Longines, Breguet. Er ist jetzt der weltweit größte Uhrenkonzern und beschäftigt 20.000 Mitarbeiter. Fast alle Schweizer Qualitätsuhren werden im Jurabogen hergestellt, hier arbeiten über 90 Prozent aller Beschäftigten zumeist wie eh und je in Klein- und Mittelbetrieben.

Die Uhrenherstellung diente früher als Winterarbeit der Bergbauern während der harten und schrecklich langen und kalten Monate, die Jurabauern waren besonders geschickt und galten trotz ihres Lebens in der Abgeschiedenheit als relativ weltoffen. So geht die Geschichte vom Ursprung und Aufstieg einer Erfolgsindustrie. Was nach Sozialromantik klingt, war indes die bittere Realität in vielen europäischen Mittelgebirgsregionen. Die Uhrenherstellung in Heimarbeit war weit verbreitet. Yves Cupillard im französischen Morteau, historisch versiert und Uhrmacher mit einem Uhrenmuseum, zieht zum Vergleich Kuckucksuhren aus dem Schwarzwald heran: Holz, fast alles aus Holz, stellt er fest. Die Jura-Uhrmacher bauten frühzeitig Metalluhren. Ein Material, das zweifellos besser in das Zeitalter der Industrialisierung passte.

Yves Cupillard betreibt ein Panoptikum lebensgroßer mechanischer Figuren, die er spielen lässt. Er pflegt die Tradition. Auch bei der Uhrenherstellung: Er baut neue und repariert alte Standuhren. Seine Adresse: bei Sammlern gut bekannt. Vor allem bei Sammlern alter Uhren aus Deutschland. Traditionen zu pflegen gehört bei den Naturfreunden zu ihrem Verständnis eines sanften Tourismus. Es ist auch eine Stärke im französischen Jura.

Ländlich und deftig sind die Spezialitäten der einheimischen Küche und sie werden geschickt vermarktet. Testen und Probieren markieren unsere Rundtour. Noch ein Häppchen Käse gefällig? Ein Schinken, ein Stück der typischen Wurst, ein Gläschen Wein oder Absinth? Einige der historisch beeindruckenden alten Bauernhöfe wurden als kombinierte Museums- Räucherkammer-Probier-und-Verkaufs-Läden eingerichtet. Im alten Rauchfang der Ferme Musée du Montagnon reifen hunderte von Schinken und Würsten. Ein verführerischer Kitzel des Gaumens. Es müssten jedoch mehr Gäste in die Region kommen, vor allem solche, die sich länger als nur einen Tag oder ein Wochenende aufhalten, meint Jean-Paul Marguet, der Wirt eines reizvollen Wirtshauses in den Bergen.

Tourismus ist im ökonomischen Gefüge des Jura bislang nicht entscheidend. Er findet eher am Rande statt. Auch im Schweizer Teil des Höhenzuges, über den der traditionelle Jura-Höhen-Wanderweg geht. Viele ausgewiesene Wanderrouten, Wege für Radler und Loipen für Langläufer im Winter durchziehen die Region. Sie sind ein Indiz für hohe Freizeitqualität. Dazu passen auch Innovationen wie der Energie-Lehrpfad auf dem Mont Soleil, für den sich die Naturfreunde aus der Schweiz begeistern. Zwischen Kühen mit ihren prächtigen Glocken und stillen Schafen, die das Gras auf dem Kraftwerksgelände kurz halten, werden seit über zehn Jahren auf dem Mont Soleil Solarzellen aus aller Welt getestet und in ihrer Wirksamkeit verglichen. Darunter etliche Prototypen. Auch Windenergie wird getestet.

Mit den neuesten Modellen von Elektrofahrrädern kann der Rundwanderweg auf ganz neue, fast schwebende Art und Weise erkundet werden. Aber auch eine gute alte Tradition halten die Schweizer Naturfreunde noch aufrecht: Sie betreiben allein im Jura 14 Naturfreundehäuser. Hansruedi Lauper räumt zwar ein, dass diese Häuser keinen modernen Luxus bieten, dafür sind sie jedoch preiswerte Übernachtungsmöglichkeiten. Das ist in der gemeinhin teuren Schweiz kein schlechtes Angebot.